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Vortrag 3: „Geschichtlichkeit von Sprache"

Wir wollen über Geschichtlichkeit von Sprache nach­denken, d.h. über das Phänomen, dass Sprachen sich im Laufe der Zeit verändern, warum sie sich verän­dern und in welcher Geschwindigkeit dies geschieht.

Mindestens seitdem Texte schriftlich aufgezeichnet werden, ist erkennbar, dass Sprachen nicht gleich blei­ben, sondern dass sie sich über gewisse Zeitspannen hinweg in einer Reihe von Merkmalen verändern. Das können weniger auffällige Unterschiede sein; Wenn wir beispielsweise Texte aus unserer heutigen Zeit mit solchen aus dem 19. oder 18. Jahrhundert vergleichen, dann stellen wir für das Deutsche fest, dass sich die Sprache - zumindest die Schriftsprache - nur sehr wenig geändert hat und dass wir Texte, die 100 bis 200 Jahre alt sind, in der Regel ohne Schwierigkeiten lesen und verstehen können.

Die Unterschiede können aber auch so groß sein, dass die Grenze der Verstehbarkeit erreicht wird. Wenn wir etwa mittelhochdeutsche oder althochdeut­sche Texte zum Vergleich heranziehen, also Texte, die 800 Jahre oder älter sind, können wir oft nur sehr we­nig oder gar nichts verstehen. Hören Sie als Beispiel den Anfang eines Liebesgedichtes von einem unbe­kannten Dichter aus dem frühen 13. Jahrhundert:

Dü bist min, ich bin din: des solt dü gewis sin. dü bist beslozzen in mTnem herzen: verlorn ist daz slüzzeltn: dü muost immer drinne sin.

Doch selbst für die gesprochene Sprache unserer Zeil wird deutlich, dass Sprecher der älteren Generation, also beispielsweise unsere Großeltern, bisweilen eine geringfügig andere Sprache verwenden als Sprecher der jüngeren oder mittleren Generation. Dass Sprache sich verändert, scheint also eine Selbstverständlichkeit zu sein.

Im Folgenden wollen wir auf zwei Ursachen einge­hen, die diesen Veränderungen zugrunde liegen, aber auch überlegen, wie diese Tendenzen weiter verlau­fen werden. Dass wir in einem Kurzvortrag nur auf wenige Gründe und Beispiele eingehen können, liegt auf der Hand.

Ein wichtiger Ausgangspunkt für das Verständnis dieses Veränderungsprozesses ist im Grunde ein sozio­logischer: Menschen linden etwas vor, was in vorange­gangenen Generationen bereits existierte. Auf die Sprache bezogen bedeutet dies: Menschen eignen sich eine Sprache mit ganz bestimmten Eigenschaften an bzw. finden eine Sprache vor, die sich im Gebrauch durch vorangegangene Generationen bewährt hat. Sie selbst aber müssen mit dieser Sprache nun Aufgaben lösen, die auch neu sein können bzw. die möglicher­weise nicht in allen Punkten mit früheren Aufgaben identisch sind. Diese Notwendigkeit, neue kommuni­kative Aufgaben zu lösen und somit die Sprache den veränderten Gegebenheiten der Gesellschaft an­zupassen, ist zweifelsohne eine wesentliche Ursache für sprachliche Veränderungen.

Wir wollen dafür ein Beispiel aus dem Bereich des Wortschatzes geben. Das Wort „Roboter" fand erst im 20. Jahrhundert Eingang in die deutsche Sprache (und im Übrigen in ähnlicher Form auch in andere indoeu­ropäische Sprachen); es bezeichnet heute einen com­putergesteuerten Automaten, wie er in früheren Jahr­hunderten noch gar nicht existierte, und für etwas, das gar nicht existierte und zu einem bestimmten Zeit­punkt auch noch nicht vorstellbar war, gab es natür­lich auch keinen Begriff.

Oder denken Sie an die Fähigkeit der deutschen Sprache, mehrgliedrige Komposita zu bilden, um damit neuartige Sachverhalte zu benennen. Denken Sie an Beispiele wie Verkehrserziehungsprojekt oder Lärm­schutzgebiet oder Leistungsmessungstest. So schnell wie neue Wörter gebildet werden können, so schnell können sie auch wieder veralten und aus dem aktiven Wortschatz verschwinden, weil sich der soziale oder der wirtschaftliche Hintergrund geändert hat oder weil neue Produktionsweisen eben neue Bezeichnungen oder neuartige Wortbildungen entstehen lassen.

Wir kommen nun zu einer zweiten möglichen Ursa­che für sprachliche Veränderungen, dem Prinzip der Sprachökonomie. Solche Veränderungen im Bereich der Phonetik oder im Bereich der Syntax vollziehen sich wesentlich langsamer als die vorhin erwähnten Veränderungen im Bereich des Wortschatzes und sind innerhalb einer Generation oft gar nicht wahrnehm­bar. Ein wichtiger Gesichtspunkt ist dabei das mühe­losere, leichtere Sprechen. So wurde beispielsweise das althochdeutsche Suffix (die althochdeutsche Nachsilbe) -an im Mittelhochdeutschen zu -e«. Der Inifinitiv aller Verben vereinfachte sich also, z. B. wurde geban zu dem leichter artikulierbaren geben.

Lassen Sie uns abschließend noch zwei Beispiele für solche Veränderungen, die Sprache ökonomischer machen, anführen, und zwar zwei Beispiele aus dem Bereich der Syntax. Sprachwissenschaftler haben mit statistischen Methoden festgestellt, dass seit dem frühen 19. Jahrhundert Sätze in schriftlichen Texten immer kürzer werden, was auch zu einer Abnahme von Nebensätzen führte. Dies trifft besonders für Ne­bensätze mit logischen Konjunktionen zu. Diese Ten­denz scheint sich in der Gegenwartssprache noch zu verstärken.

Ein anderes Phänomen können Sie unmittelbar miterleben. In Nebensätzen mit weil neigen Sprecher häufig dazu, das Verb nicht mehr an die Endposition zu stellen, sondern wie in einem Hauptsatz an Zweit­position. Wann sich dieses Phänomen in der Schrift­sprache durchsetzen wird, lässt sich nicht voraussa­gen. Allerdings scheint sich diese Tendenz in den letz­ten Jahren noch verstärkt zu haben, zumal man fest­stellen kann, dass man eine Warum-Frage häufig mit einem Hauptsatz beantwortet, die Antwort also gar nicht mehr mit der Konjunktion weil einleitet. Den­ken Sie an ein Beispiel wie: Warum läufst Du so schnell? - Ich hab's eilig.

Sicherlich können Sie aus Ihrer Muttersprache über ähnliche oder über ganz andere Tendenzen be­richten, denn jede Sprachkultur hat eine eigene Ge­schichtlichkeit.

(von Christiane Spirek)

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