Добавил:
kiopkiopkiop18@yandex.ru t.me/Prokururor I Вовсе не секретарь, но почту проверяю Опубликованный материал нарушает ваши авторские права? Сообщите нам.
Вуз: Предмет: Файл:
Ординатура / Офтальмология / Учебные материалы / Entzündliche Augenerkrankungen Springer.pdf
Скачиваний:
0
Добавлен:
28.03.2026
Размер:
22.24 Mб
Скачать

499

10

 

10.17  •  Paraneoplastische Retinopathie

..Abb. 10.59  Kinetische Goldmann-Perimetrie beider Augen eines 56-jährigen Patienten mit CAR bei kleinzelligem Bronchialkarzinom. Visus rechtes Auge 0,3; linkes Auge 0,6. Gesichtsfeld am rechten Auge fast komplett hochgradig konzentrisch eingeengt auf 7–10° mit nach oben noch bestehender Gesichtsfeldrestinsel bis ca. 40° Exzentrizität. Am linken Auge zentrale Restinsel konzentrisch eingeengt auf 4–5°, bogenförmige größere Gesichtsfeldrestinseln peripher oben und unten noch erhalten

Anlass geben, immer eine paraneoplastische Retinopathie als Differentialdiagnose in Erwägung zu ziehen, da Netzhautdystrophien keinen so plötzlichen Beginn haben und nicht so rasant fortschreiten, wie nicht selten die CAR.

Bei einem negativen Ganzfeld-ERG bei MAR und normalen Fundus könnte es zur Verwechslung mit einer kongenitalen stationären Nachtblindheit (CSNB) kommen. Allerdings sollte hier die Anamnese schnell helfen können, denn die CSNB ist mit einer schon immer vorhandenen, die MAR dagegen mit einer plötzlich einsetzenden Nachtsehstörung assoziiert.

Sollte ein systemischer Tumor nicht gefunden werden, kann eine nicht-paraneoplastische Autoimmunretinopathie vorliegen.

>> Die paraneoplastische vitelliforme Retinopathie darf bei einzelner zentral gelegener Läsion nicht mit einem Morbus Best verwechselt werden. Auch hier hilft eine detaillierte Anamnese, da der Morbus Best nicht mit Nachtsehstörungen oder Photopsien einhergeht. Des Weiteren ist das Ganzfeld-ERG bei Morbus Best regelrecht, da es sich um eine Makuladystrophie handelt. Wohingegen das Ganzfeld-ERG bei der paraneoplastischen vitelliformen Retinopathie pathologisch ist.

10.17.6 Therapie

Für die paraneoplastischen Retinopathien gibt es keine gesicherte Therapie und auch kein standardisiertes the-

rapeutisches Vorgehen. Mit dem Ziel der Erhaltung retinaler Zellen durch Reduzierung der zirkulierenden Autoantikörper berichten retrospektive Studien und kleinere Fallserien von immunsuppressiven Therapieversuchen mit Kortikosteroiden, Prednison, Methylprednisolon, Azathioprin, Ciclosporin, Mycophenolat-Mofetil, Alemtuzumab, Gabe von Immunglobulinen sowie Plasmapherese oder Gabe von Kalziumantagonisten zur Verhinderung der Apoptose retinaler Zellen. Die Ergebnisse sind sehr unterschiedlich und reichen von ineffektiv bis hin zur Visusverbesserung und Gesichtsfeldvergrößerung in einigen Fällen (Keltner et al. 2001; Ohguro et al. 2001; Jacobzone et al. 2004; Weleber et al. 2005; Ferreyra et al. 2009; Braithwaite et al. 2012). Grundsätzlich sollte ein Therapieversuch mit Immunsuppressiva nur in Kooperation mit dem betreuenden Onkologen erfolgen, individuell angepasst sein und die aktuelle Studienlage berücksichtigen.

10.17.7 Prognose

Bei der CAR und MAR gibt es keine spontane Besserung der Retinopathie. Bei der CAR ist eine Erblindung möglich. Die MAR verläuft eher milder als die CAR. Die paraneoplastische vitelliforme Retinopathie verläuft moderater als die CAR und MAR, und eine spontane Resorption der subretinalen Flüssigkeit einhergehend mit Visusanstieg wurde berichtet (Koreen et al. 2011). Letztendlich limitierend ist die zugrundeliegende systemische Tumorerkrankung.

500 Kapitel 10  •  Nichtinfektiös

1

10.17.8 Selbsthilfegruppen

 

und hilfreiche Websites

2

http://www.uveitis-selbsthilfe.de, http://www.duag.org,

 

http://uveitis.jimdo.com, http://www.pro-retina.de

3

 

 

4

10.18 Intraokuläre Lymphome (engl.

 

Intraocular lymphoma)

5

S.E. Coupland, D. Jähne

 

 

6

ICD-9 Code 200.50 Primary central nervous system lym-

phoma, unspecified site, extranodal and solid organ sites

7

10.18.1 Einführung

 

8

Maligne Lymphome sind Neoplasien, die sich von klonalen

 

9

Proliferationen der Lymphozyten ableiten. Sie bestehen aus

unterschiedlichen Gruppen von Erkrankungen mit mehr

10

als 30 verschiedenen Subtypen. Diese Subtypen werden in

der „World Health Organisation Classification of Tumours

 

of Haematopoietic and Lymphoid Tissues“ definiert. Lym-

11

phome können nodal oder extra-nodal auftreten. Sie wer-

den in 2 Hauptgruppen unterteilt:

12

1.

Hodgkin Lymphome (HL)

2.

Non-Hodgkin Lymphome (NHL)

13

Die größere und auch heterogene Gruppe sind die NHL.

Diese werden unterteilt in Lymphome, die von B-Lympho-

 

14

zyten und ihren Vorläuferzellen (80 %) ausgehen und

in Lymphome, die sich von T-Lymphozyten (14 %) und

15

von NK-Zellen (6 %) ableiten. Die WHO Klassifikation be-

schreibt und unterscheidet die verschiedenen Subtypen der

 

HL und der NHL und hilft somit bei der Etablierung der

16

richtigen Diagnose. Um die Subtypen der HL und der NHL

unterscheiden und diagnostizieren zu können, werden in

17

der WHO folgende Merkmale definiert und beschrieben:

 

Klinische Merkmale

 

 

Morphologie

 

 

Immunphänotyp der neoplastischen Zellen

18

-Genotyp.

19

Jedem Subtyp wird eine potentielle Ursprungszelle (von

20

der sich das jeweilige Lymphom ableitet) zugeordnet.

 

Die okulären Lymphome sind i. d. R. B-NHL. Sie wer-

 

den eingeteilt in intraokuläre Lymphome und in die oku-

21

lären Lymphome der Adnexe. In der Literatur werden nur

wenige okuläre Fälle von HL beschrieben. Intraokuläre

 

22

Lymphome sind selten. Meist handelt es sich um diffuse

großzellige B-Zell-Lymphome (DLBCL). Sie kommen vor-

 

wiegend im Glaskörper oder in der Retina vor, daher der

Name „Vitreoretinale Lymphome“ (VRL). Sie infiltrieren häufig das ZNS. Andere intraokuläre Lymphome entstehen primär in der Aderhaut, dem Ziliarkörper und in der Iris (.Tab.10.35).

Das folgende Kapitel beschäftigt sich vorwiegend mit den intraokulären Lymphomen. Auf aktuelle Reviews der Lymphome der okulären Adnexe wird verwiesen.

Vitreoretinale Lymphome (VRL)

Wie bereits erwähnt, leitet sich das VRL von B-Lympho- zyten ab und wird in die Gruppe der hochmalignen Lymphome eingeordnet. Es ist häufig assoziiert mit einer ZNSBeteiligung. Die Manifestation im ZNS (ZNSL) können vor, währenddessen oder im Anschluss an den okulären Befall auftreten (.Tab.10.35).

Klinik

Häufig sind ältere Patienten betroffen (> 60 Jahre) (.Tab.10.35). Manchmal tritt es auch bei jungen Patienten auf, insbesondere bei immunsupprimierten Patienten, wie z. B. infolge einer HIV-Infektion oder einer Transplantation. Bislang gibt es keine schlüssige Erklärung für die deutlich steigende Inzidenz der VRL, die auch bei nicht immunsupprimierten Patienten verzeichnet wird.

Zu Beginn manifestiert sich das VRL häufig asymmetrisch (unilateral). Bei den primären ZNS-Lymphomen (PCNSL) ist das Auge in 20 % der Fälle mitbetroffen. Demgegenüber besteht beim primären VRL des Auges eine Infiltration des ZNS in 80 % der Fälle (s. u.).

I. d. R. ist die differentialdiagnostische Abgrenzung des VRL von einer Uveitis eindeutig. Es gibt jedoch Überschneidungen des klinischen Bildes bei ausgeprägter reaktiver Entzündung, sodass der Begriff „Maskerade-Syndrom“ als Ausdruck für die Verschleierung des Lymphoms durch die Entzündungsreaktion etabliert wurde. Dies führt zur Verzögerung der richtigen Diagnose. Die lymphatischen Infiltrate akkumulieren zunächst in der Umgebung der retinalen Gefäße und werden ophthalmoskopisch als perivaskuläre Ablagerungen mit Verdacht auf Vaskulitis wahrgenommen und interpretiert. Wenn multiple kleine cremefarbene Ablagerungen entstehen, ähnelt der Befund dem peripheren Drusen oder auch „White-dot“-Syndroms. Als Folge können ausgestanzte atrophe Läsionen des retinale Pigmentepithels (RPE) entstehen. Bei Progress des Lymphoms mit vollständiger Infiltration der Retina, erscheint der ophthalmoskopische Befund opaque. Die Tumorzellen durchdringen das RPE und akkumulieren als Aggregate im subretinalen Raum im Bereich der Bruch’schen Membran. Diejenigen Tumorzellen, die nahe der Choriokapillaris liegen, überleben i. d. R., während die tiefer gelegenen Anteile meist einer ausgedehnten Nekrose anheimfallen. Das bekleidende RPE atrophiert und hinterlässt einen zarten Pigmentschleier auf der amelanotischen Turmoroberfläche.

501

10

 

10.18  •  Intraokuläre Lymphome (engl. Intraocular lymphoma)

.. Tab. 10.35  Zusammenfassung der klinischen, morphologischen, immunphänotypischen und genotypischen Merkmale der verschie-

denen Subtypen der intraokulären Lymphome

Lym-

Klinisches Bild

Häufigster

Morphologie

Immunoprofil

Genotyp

Postulierte Ausgangs-

phom

 

Subtyp

 

der Neoplas-

 

zelle

 

 

 

 

tischen Zellen

 

 

Vitreore-

60–70 Jahre

DLBCL

Mittelgroße bis

CD79a+

Hoher Anteil von

2 unterschiedliche

tinal

Floaters

 

große Zellen

CD20+

somatischen IgH

Typen:

 

Schmerzlose

 

mit wenig

PAX5+

Mutationen

a) Frühe post-keim-

 

Abnahme des

 

Zytoplasma und

BCL2+

Wenige

zentrums B-Zelle

 

Visus (VA)

 

prominenten

MUM1/IRF4+

ongoing“ so-

= DLBCL vom ABC

 

Subretinale

 

Nukleolen

BCL6+/−

matische

Typ

 

Infiltrate

 

Häufig beige-

CD10−/+

Mutationen

b) Keimzentrumszelle

 

Häufig bilateral

 

mengt Makro-

OCT2+

Chromosomale

= DLBCL vom GCB

 

RPEVerände-

 

phagen

BOB1+

Transloka-

Typ

 

rungen in der

 

Lytischer Hinter-

Pu1−

tionen bei

 

 

Fluoreszenzangio-

 

grund

Hohe Proliferati-

50 %: t(14;18)

 

 

graphie (FA)

 

 

onsrate:

(q31;q21)

 

 

ZNS Beteiligung

 

 

Ki67 > 80 %

 

 

 

(70–80 % der

 

 

 

 

 

 

Patienten)

 

 

 

 

 

Choroi-

50–60 Jahre

Primär:

Kleine zentro-

CD79a+

Mäßiger

Post-keimzentrums

dal

Unscharfes Sehen

EMZL

zytenartige Zel-

CD20 +

Anteil von

(„memory“) B-Zelle

 

Metamorphopsie

 

len mit variabler

BCL2 +

somatischen IgH

 

 

Klarer Glaskörper

 

plasmazellulärer

CD43 +/−

Mutationen

 

 

Diffus verbreiterte

 

Differenzierung

IgM +

Wenige

 

 

Aderhaut

 

Wenige beige-

CD5−

„ongoing“ so-

 

 

I. d. R. unilateral

 

mengte

CD23−

matische

 

 

Extraokuläre

 

T-Zellen

CyclinD1−

Mutationen

 

 

Ausbreitung

 

Selten Nekrosen

CD10−

Chromosomale

 

 

ZNS Beteiligung

 

 

Niedrige Prolife-

Veränderungen:

 

 

 

 

 

rationsrate: Ki67

t(11;18)

 

 

 

 

 

= 5–15 %

(q21;q21)

 

Cho-

Anamnestisch

Sekundär:

Abhängig vom

Abhängig vom

Abhängig vom

Abhängig vom syste-

roida-

bekanntes syste-

Abhängig

systemischen

systemischen

systemischen

mischen NHL

Befall

misches NHL

vom syste-

NHL

NHL

NHL

 

 

Visus-Abnahme

mischen

 

 

 

 

 

(VA)

NHL

 

 

 

 

 

Bilaterales Auftre-

 

 

 

 

 

 

ten möglich

 

 

 

 

 

Iris-

Schmerz

DLBCL

 

CD79a+

Nicht bekannt

Nicht bekannt

Befall

Rötung

TCL NOS

 

CD20+

 

Neoplastische peri-

 

Photophobie

 

 

CD3−

 

phereT-Zelle

 

Pseudohypopion

 

 

Hohe Prolif. rate:

 

 

 

I. d. R. unilateral

 

 

Ki67 >80 %

 

 

 

Häufig im Endsta-

 

 

CD3+

 

 

 

dium dissemi-

 

 

CD4+

 

 

 

nierte systemische

 

 

CD20−

 

 

 

Infiltrationen

 

 

Hohe Prolifera-

 

 

 

 

 

 

tionsrate: Ki67

 

 

 

 

 

 

>80 %

 

 

Ophthalmoskopisch imponieren die Infiltrate zunächst als kleine weiße flache Flecken, die sich im weiteren Verlauf zu konfluierenden erhabenen gelbweißen diskreten Tumoren von unterschiedlicher Form entwickeln (.Abb.10.60). In der Fluoreszenzangiographie ergibt sich eine Vielzahl von Befunden, wie z. B. Markierung von subretinalen

Ablagerungen, RPE „Fenster Defekte“, diffuse unregelmäßige und punktförmige Veränderungen des RPE und selten eine vaskuläre Durchlässigkeit und ein Makulaödem (.Tab.10.35).Die sog. „Leopardenfellzeichnung“ gilt in der Fluoreszenzangiographie als pathognomonisch für die Diagnose eines VRL.

502Kapitel 10  •  Nichtinfektiös

1.. Tab. 10.35  (Fortsetzung) Zusammenfassung der klinischen, morphologischen, immunphänotypischen und genotypischen Merkmale der verschiedenen Subtypen der intraokulären Lymphome

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

Lym-

Klinisches Bild

Häufigster

Morphologie

Immunoprofil

Genotyp

Postulierte Ausgangs-

phom

 

Subtyp

 

der Neoplas-

 

zelle

 

 

 

 

tischen Zellen

 

 

Ciliary

Erhöhter IOP

EMZL

Kleine zentro-

CD79a+

Nicht bekannt

Nicht bekannt

Body

Ziliarkörpertumor

 

zytenartige Zel-

CD20 +

 

 

 

 

 

len mit variabler

CD43 +/−

 

 

 

 

 

plasmazellulärer

IgM+

 

 

 

 

 

Differenzierung

CD5−

 

 

 

 

 

Wenige beige-

CD23−

 

 

 

 

 

mengte reaktive

CyclinD1−

 

 

 

 

 

Zellen

Niedrige Prolife-

 

 

 

 

 

Selten Nekrosen

rationsrate: Ki67

 

 

 

 

 

 

= 5–15 %

 

 

Histologie, Immunhistologie und Genetik der VRL

Das VRL ist eine hochgradig aggressive Erkrankung mit einer schlechten Prognose. Daher ist eine enge Zusammenarbeit zwischen dem behandelnden Onkologen und dem auf diesem Gebiet erfahrenen Pathologen notwendig. So wird die Gewinnung von repräsentativem Tumorgewebe und damit eine schnelle Diagnostik möglich. Die meisten zentralen diagnostischen Pars Plana Vitrektomien werden zur Erstellung einer Diagnose der VRL durchgeführt. Immer häufiger werden diese entweder mit subretinalen Aspiraten oder chorioretinalen Biopsien kombiniert, um mit einer einzigen Operation eine eindeutige Diagnose zu erlangen. Labortechnisch erforderliche Untersuchungen zur Etablierung der Diagnose beinhalten: Zytologie, Immunhistologie, Flowzytometrie, Polymerase-Ketten Reaktion (PCR) zum Klonalitätsnachweis und Zytokinprofilerstellung. Eine Zusammenfassung der Untersuchungen und Empfehlungen für den Probentransport sind in den folgenden Reviews nachzulesen.

Entsprechend der aktuellen WHO Klassifikation, handelt es sich bei den meisten VRL um diffuse großzellige B-Zell-Lymphome (DLBCL). Ausnahmen sind die sehr seltenen Subtypen, wie das T-zellreiche B-Zell-Lymphom und das T-Zell-Lymphom. Typischerweise manifestiert sich das VRL als subretinale oder perivaskuläre Infiltration durch pleomorphe mittelgroße bis große Zellen mit gering basophilem Zytoplasma, gekerbten oder gefalteten Kernen und prominenten häufig multiplen Nukleolen (.Abb.10.61a,b). Atypische Mitosefiguren können vorkommen. Die adäquate Diagnosestellung wird erschwert durch Nekrosen, Apoptosen und einem makrophagenreichen Hintergrund, der für diese Erkrankung typisch ist.

Der Immunphänotyp des VRL lautet: Positive Expression der B-Zell-Antigene (CD 79a, CD20 und PAX5) und Expression von BCL2, MUM1/IRF4, OCT2, BOB1, BCL6 +/−, CD10−/+, PU1−/+ (.Abb.10.61a,b). Die neoplasti-

schen Zellen exprimieren immunhistologisch meist monotypisch IgM (.Tab.10.35). Die Proliferationsrate dargestellt in der Ki67-Färbung ist sehr hoch (80–90 %). Der Klonalitätsnachweis erfolgt mittels PCR, die an extrahierter DNA der VRL durchgeführt wird. Bei B-Zell-Lymphomen werden die schweren und leichten Immunglobulinketten und bei den selten vorkommenden T-Zell-Lymphomen der T-Zell-Rezeptor hinsichtlich Klonalität untersucht.

Molekularpathologische Analysen der VRL haben gezeigt, dass die Tumorzellen eine mäßige bis hohe Anzahl von somatischen Mutationen der variablen Regionen der Immunglobulingene (IgV) enthalten – ohne überzeugenden Nachweis einer Antigenselektion oder signifikanter intraklonaler Heterogenität. Eine ähnlich hohe Anzahl von Mutationen der IgV wurde interessanterweise bei den primären ZNS Lymphomen gefunden.

Die Tatsache, dass die VRL eine Vielzahl somatischer Mutationen aufweisen und der Immunphänotyp der VRL (MUM1/IRF4+, BCL6+/−, CD10−/+) deutet daraufhin, dass diese Lymphome den diffusen großzelligen B-Zell- Lymphomen vom ABC-Typ ( von aktivierten B-Zellen ausgehend ) zugeordnet werden können. D. h., die Tumorzellen des VRL leiten sich von reifen B-Zellen ab, die sich länger im Keimzentrum aufgehalten haben und somit in der Differenzierung entweder der späten Keimzentrumsphase oder der frühen post-Keimzentrumsphase zuzuordnen sind.

Die einzige derzeit beschrieben chromosomale Translokation der VRL ist die t(14;18). Sie betrifft das BCL2 Gen und wird bei 67 % der VRL Fälle beschrieben. Der Nachweis dieser Translokation und die daraus resultierende Überexpression des BCL2 Proteins spricht dafür, dass sich ein Teil der VRL von Zentroblasten ableitet und somit den diffusen großzelligen B-Zell-Lymphomen vom GCB-Typ (von Keimzentrums-B-Zellen ausgehend) zuzuordnen sind (.Tab.10.35). Zum besseren Verständnis der Pathogenese der VRL und zur Klärung der verschiedenen genetischen

10.18  •  Intraokuläre Lymphome (engl. Intraocular lymphoma)

Subtypen einschließlich den offenbar daraus resultierenden, unterschiedlichen klinischen Verläufen, sind weitere molekularpathologische Studien nötig.

Therapie der VRL

Die Behandlung der VRL wird von den verschiedenen Zentren kontrovers diskutiert, und es existiert keine einheitliche Richtlinie. Zur Anwendung kommen: externe Strahlentherapie, intravitreale Therapien (mit oder ohne ZNS Radiotherapie) bis hin zu autologer Knochenmarktransplantation mit Chemotherapie. Die externe Strahlentherapie mit verminderter Strahlendosis erzielt eine Regression der subretinalen Tumormasse und eine Klärung der Glaskörpertrübung, hinterlässt jedoch eine retinale Pigmentatrophie.

Im weiteren Verlauf können bestrahlungsinduzierte Komplikationen, wie z. B. eine Retinopathie und ein Katarakt auftreten. Die intraokuläre Applikation von Methotrexat ist ebenso therapeutisch effektiv und wird derzeit erfolgreich in verschiedenen Zentren angewendet. Unerwünschte Nebenwirkungen, wie Keratopathie, Hypotonie und das Makulaödem, sind offenbar bei Dosisreduktion reversibel. Die intravitreale oder auch die systemische Therapie mit dem monoklonalen Antikörper gegen CD20 (Rituximab und GA101) erzeugt ebenfalls eine Regression der VRL. Es werden jedoch gehäuft Rezidive beschrieben (.Tab.10.35).

Die intraokuläre Applikation von Rituximab wird i. d. R. vom Auge gut toleriert, und die Risiken dieser Behandlung sind vergleichbar mit anderen invasiven Eingriffen (wie z. B. bei Endophthalmitis, Blutungen und Katarakt). Patienten deren Blut-Hirn-Schranke im Rahmen der Therapie von Lymphomen des ZNS überschritten wird, können eine Makulopathie mit irregulärer RPE-Störung mit oder ohne Sehverlust entwickeln. Die systemische Gabe von Rituximab kann zu Immunsuppression und einer toxischen Knochenmarkschädigung mit entsprechenden okulären Auswirkungen führen.

Prognose

Wie bereits erwähnt, entwickeln ungefähr 80 % der Patienten mit primärem VRL eine Beteiligung des Gehirns, des Rückenmarkes oder der Meningen (.Tab.10.35). Derzeit ist nicht gesichert, ob es sich dabei um eine metastatische Absiedlung oder um eine multifokale Tumorentstehung handelt. Auch ist bislang die Auswirkung der lokalen okulären Therapie hinsichtlich Prognose und Überlebenszeit nicht klar. Es gibt jedoch erste Hinweise, dass bei Patienten mit früher systemischer Therapie eine Verzögerung der ZNS Beteiligung stattfindet und somit eine verlängerte Überlebenszeit resultiert. Patienten mit ZNS-Beteiligung haben eine schlechte Prognose und versterben meist innerhalb weniger Monate.

503

 

10

 

 

 

 

 

..Abb. 10.60  Fundoskopie einer 53jährigen Patientin mit progressiverVisusminderung. Die Erstvorstellung erfolgte bei externer Zuweisung mitVerdachtsdiagnoseVaskulitis (ED 7/2008) LA > RA, die unter Therapie mit Myophenolat Mofetil und Prednisolon progrediente Veränderungen der Aderhaut-Gefäßveränderungen zeigte. Kein Anhalt für systemische Erkrankung, Serologie unauffällig. Kammerwasseranalyse LA: (8/2008, Charité) Antikörpersynthese gegen CMV, HSV, VZV negativ; Cytokine IL-10 = 20.000 μg/ml; IL-6 = 1700 μg/ml. Keine systemische Beteiligung nachweisbar: Lumbalpunktion, MRT Schädel, Hämatozytologie, CT Abdomen ohne Befund. Histopathologischer Befund LA: diffuses großzelliges B-Zell Lymphom in der Retina

Aderhautlymphome

Lymphatische Proliferationen der Uvea werden in 2 Hauptgruppen unterteilt:

a)Primäre uveale Lymphome

b)Sekundäre intraokuläre Manifestationen von systemischen Lymphomen (.Tab.10.35).

Obwohl die Inzidenz der letztgenannten Gruppe nicht exakt bekannt ist, sind sekundäre intraokuläre Lymphome (meist mit Aderhautbefall) nicht selten und treten bei 80–90 % von Patienten mit fortgeschrittenem Stadium einer Leukämie auf. Das primäre uveale Lymphom ist selten und wird entsprechend der Lokalisation benannt, wie z. B. das am häufigsten vorkommende primäre Aderhautlymphom, das primäre Ziliarkörperlymphom und das primäre Irislymphom.

Primäres Aderhautlymphom

Das primäre Aderhautlymphom wurde erstmals 1920 beschrieben. Es zeichnet sich durch unilaterale Infiltrate ohne Nachweis einer systemischen Beteiligung zum Zeitpunkt der Diagnosestellung aus. Aufgrund der niedrigen Malignität dieser Tumore wurden sie fälschlicherweise zunächst als „reaktive lymphatische Hyperplasie“ oder als „uveale Pseudotumore“ bezeichnet. Im Verlauf der Entwicklung neuerer diagnostischer Untersuchungen, wie verbesserter immunhistologischer Phänotypisierung mit erweitertem Antikörperspektrum und der Klonalitätsanalyse mittels PCR, stellte sich heraus, dass ein Großteil dieser Tumore

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

504 Kapitel 10  •  Nichtinfektiös

..Abb. 10.61a,ba Zytospin-Präparat überwiegend bestehend aus atypischen großen Lymphoyzten mit pleomorphen Zellkernen und prominenten Nukleoli (MGG, x 60-Objektiv). b Immunpositivität der infiltrierenden Zellen für den B-Zell-Antigen, CD20 (DAB, × 40-Objektiv)

zur Gruppe der niedrig malignen B-Zell-Lymphome gehören. Die meisten primären Aderhautlymphome werden entsprechend der aktuellen WHO Klassifikation als „extranodale Marginalzonenlymphome“ (EMZL) subtypisiert, da sie mit den EMZL anderer Lokalisationen große Ähnlichkeiten bezüglich klinischem Erscheinungsbild, Immunphänotyp und genetischen Merkmalen aufweisen.

Klinik des primären Aderhaut-EZML

Primäre Aderhautlymphome treten gewöhnlich unilateral auf. Männer sind häufiger betroffen, als Frauen. Das typische Erkrankungsalter liegt in der 6. bis 7. Lebensdekade (.Tab.10.35). Erste Symptome sind typischerweise wiederkehrende Episoden von schmerzlosem unscharfem Sehen und Metamorphopsie, die sich aufgrund einer sekundären serösen Netzhautablösung im Bereich der Foveole entwickelt. Die Schlüsselsymptome der primären Aderhautlymphome in der Fundusuntersuchung sind multifokale gelb-pinkfarbene Aderhautschwellungen. Diese Flecken ähneln denen der multifokalen Choroiditis oder der „Birdshot choroidopathy“. Letzten Endes wird bei der Funduskopie eine diffuse Verbreiterung des uvealen Traktes sichtbar. Diese geht häufig mit einer serösen Netzhautablösung einher und kann so ein „Uveal effusion syndrome“ vortäuschen. Das Erscheinungsbild kann auch einer Skleritis oder einer Neuropathie des N. optikus ähneln. Der Glaskörper bleibt klar. Bei manchen Patienten treten subkonjunktivale oder episklerale Infiltrate auf in Form von „Salmon patches“ (Lachsfarbenen Flecken). Eine massive posteriore extraokuläre Infiltration kann zur Proptose und zur Diplopie führen (.Tab.10.35). In der Fluoreszenzangiographie zeigt sich im Frühstadium eine

Hypofluoreszenz und im fortgeschrittenen Stadium eine Hyperfluoreszenz. Daher ist die diagnostische Aussagekraft dieser Untersuchung limitiert. Die Echographie lässt den Aderhauttumor in einer niedrigen, internen, akustischen Reflexion erscheinen, und es lassen sich häufig extraokuläre Infiltrate nachweisen.

Histologie, Immunhistologie und Genetik der primären Aderhaut-EMZL

Bei dem in der Literatur beschriebenen Patientengut mit primärem Aderhaut-EMZL wurde meist eine Enukleation durchgeführt. Das liegt zum Einen an der Schwierigkeit, diese Erkrankung klinisch zu diagnostizieren, zum Anderen führt das sekundär entstandene Glaukom zu Schmerzen. Einige Autoren führten eine Biopsie der episkleralen Tumorknötchen durch, alternativ wurden Aspirate oder Biopsien der Aderhautschwellung vorgenommen, um eine adäquate Lymphomdiagnose zu erstellen.

Die zytologischen Präparate der primären Aderhaut EMZL enthalten kleine Zellen mit monomorphem Erscheinungsbild, schmalem Zytoplasmasaum und unauffälligen Nukleolen (.Abb.10.62). Gewebebiopsien zeichnen sich histologisch durch reichlich vorkommende zentrozytenartige, monozytoide und plasmazytoide Zellen aus. Beigemengt sind vereinzelte Blasten in der die reaktiven Follikel umgebenden Marginalzone. Letzteres wird in größeren Biopsien beobachtet. Ein Großteil der Tumorzellen kann plasmazellulär differenziert sein mit Nachweis etlicher intranukleärer Inklusionen (Dutcher bodies). Ensprechend der Indolenz dieser Tumorentität und dem niedrigen Malignitätsgrad sind nur sehr wenige Mitosen vorhanden. Wie auch bei den extranodalen Marginalzonenlymphomen

505

10

 

10.18  •  Intraokuläre Lymphome (engl. Intraocular lymphoma)

..Abb. 10.62a,ba Chorioretinales Biopsat bestehend aus kleinem monomorphem Lymphozyten, die stellenweise eine plasmazellulaere Differenzierung aufweisen. Es können nur wenige Mitosen beobachtet werden, passend zum niedrigen Malignitätsgrad diesen Lymphomsubtyps (HE, x 40-Objektiv). b Die CD79a-Färbung zeigt, dass diese Lymphozyten sind überwiegend B-Zellen (DAB, × 40-Objektiv)

(„Maltom“) der Konjunktiva oder der Magenschleimhaut findet man histologisch auch bei den primären Aderhaut EMZL sogenannte lymphoepitheliale Läsionen. Das sind gruppiert gelagerte neoplastische B-Lymphozyten im benachbarten ortsständigen Epithel.

Die maligne Natur dieses Tumors wird durch den Nachweis der lymphoepithelialen Läsionen ( d. h. Lymphomzellen infiltrieren die Bruchsche Membran und das retinale Epithel) und die Ausbreitung in das episklerale Gewebe untermauert. Das immunhistologische Profil der Tumorzellen entspricht dem der B-Lymphozyten: CD79a, CD20 und von PAX5 (.Abb.10.62a,b). Die neoplastischen B-Zellen exprimieren teils aberrant T-Zell-Antigene wie z. B. CD43 und /oder es besteht eine monotypische Expression einer leichten und/oder einer schweren Immunglobulinkette.

Primäre Aderhautlymphome exprimieren i. d. R. weder CD23, CD5, CD10, BCL6 noch CyclinD1. Daher kann durch die Bestimmung des Immunphänotyps eine sekundäre Aderhautinfiltration durch andere niedrig maligne kleinzellige B-Zell-Lymphome, wie beispielsweise das lymphozytische Lymphom/ CLL (CD5+, CD23+, CD10, BCL6, CyclinD1), das Mantelzelllymphom (CD5+, CD23, CD10, BCL6, CyclinD1) und das follikuläre Lymphom (CD5, CD23, CD10+, BCL6+, CyclinD1) ausgeschlossen werden. Entsprechend dem indolenten Verhalten der primären Aderhautlymphome beträgt die Ki-67-Proliferationsrate zwischen 5–15 % (.Tab.10.35).

Über die chromosomalen Translokationen der Aderhautlymphome ist wenig bekannt. Man nimmt an, dass ebenso wie bei den EMZL mit anderer Primärlokalisation folgende Translokationen vorkommen: t(11;18)(q21;q21)/ API2-MALT1, t(1;14)(p22;q32)/BCL10-IGH, t(14;18)

(q32;q21)/IGH-MALT1 und t(3;14)(p13;q32)/FOXP1IGH. Ob diese Vermutung richtig ist und ob z. B., wie kürzlich bei den Malt-Lymphomen der okulären Adnexe nachgewiesen, eine A20-Gen-Translokation vorliegt, muss noch erforscht werden.

Therapie des primären EMZL

Unbehandelt kann das Aderhautlymphom zum Glaukom und zur Netzhautablösung mit konsekutiver Erblindung und Schmerzsymptomatik führen. Die low-dose-Radiothe- rapie erzielt häufig eine komplette Tumorremission, und es werden wenige Nebenwirkungen bei guter Wiederherstellung der Sehkraft beschrieben. Die Prognose ist i. d. R. gut. Eine Beteiligung des ZNS, wie bei dem VRL, wird nicht beobachtet.

Das primäre Irislymphom

Das primäre Irislymphom ist sehr selten. Bislang wurden nur ein Dutzend Fälle beschrieben. Meist liegt bei den betroffenen Patienten eine amelanotische Tumormasse in der Iris mit Ausbreitung in die vordere Kammer vor. Andere entwickeln ein Pseudohyphema oder einen erhöhten intraokulären Druck. Es besteht weder eine Geschlechtsnoch eine Altersprädilektion. Die bislang beschriebenen primären Irislymphome zeichnen sich durch eine rasenförmige Infiltration von großen atypischen lymphoiden Zellen mit pleomorpher Zytologie und zahlreichen Mitosen und Apoptosen aus. Immunhistologisch besteht entweder eine Dominanz von B- oder von T-Zellen mit jeweils aberrantem Immunphänotyp. Die Proliferationsrate ist hoch und beträgt 70–90 %. Therapie der Wahl ist eine externe low- dose-Strahlentherapie mit optionaler zusätzlicher Chemotherapie bei bereits erfolgter Streuung der neoplastischen