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Ординатура / Офтальмология / Учебные материалы / Entzündliche Augenerkrankungen Springer.pdf
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58 Kapitel 2  •  Extraokular/Adnexe

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(führt zur Oberlidretraktion) und eine orbitale Volumen-

zunahme (Exophthalmus, Fettprolaps im Lidbereich, Seh-

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nervkompression).

 

 

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2.2.4

Klinik

 

 

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Die EO ist klinisch meist gut zu erkennen und zeigt ty-

pischerweise folgende Symptome, die in wechselnder Zu-

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sammenstellung auftreten können:

Sehr häufig (90–98 %) Oberlidretraktion (Dalrymple-

-Zeichen) durch die Fibrose des Lidhebermuskels,

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Zurückbleiben des Oberlides bei Abblick (von-Grae­

fe-Zeichen) und Lagophthalmus

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Häufig entzündliche Weichteilsymptome: Lidödeme,

-Lidrötung, Bindehautinjektion, Bindehautchemosis, Ka-

 

runkelschwellung und prominente Falten der Glabella

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Exophthalmus

Störungen der Benetzung der Hornhaut durch

 

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-inkompletten Lidschluss, verminderte Tränenpro-

duktion, Änderung der Zusammensetzung des

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Tränenfilms, Erweiterung der Lidspalten, schlechte

Bulbusbeweglichkeit (reduziertes Bell’sches Phäno-

 

men durch Hebungsdefizit)

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Verminderte Augenbeweglichkeit durch Dehnbar-

-keitsverlust (Fibrose) der Augenmuskeln (bevorzugt

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sind M. rectus inferior und medialis Hebungsbzw.

Abduktionsdefizit)

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Selten (3–5 %) Optikuskompression durch die Ver-

-dickung der Augenmuskeln in der Orbitaspitze (sog.

 

apical crowding“)

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Diese klinischen Veränderungen führen zu typischen Be-

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schwerden:

Symptome der Entzündung: schmerzhaftes Druckge-

-fühl hinter beiden Augen, Schmerzen bei Bewegung

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der Augäpfel (v. a. Aufblick und Seitblick)

Symptome der Benetzungsstörung: Augenbrennen,

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-erhöhte Lichtempfindlichkeit, Tränenlaufen, Ver-

schwommensehen, Doppelkonturen

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Symptome der reduzierten Augenbeweglichkeit:

-Doppelbilder, abnormale Kopfhaltung

 

Änderung des Aussehens

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-Symptome der Optikuskompression

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Die Fibrosierung des Perimysiums führt zu einer Deh-

nungshemmung (.Abb.2.7a) des betroffenen Augenmus-

 

kels und gleichzeitig zu dessen Verkürzung (bei erhaltener

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Kontraktilität) (.Abb.2.7c). Diese Fibrosierung betrifft

bei der EO am häufigsten den M. rectus inferior und den

 

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M. rectus medialis, was entsprechend zu einer Abduktions-

und Hebungseinschränkung mit der Folge konvergenter,

 

vertikaler oder kombinierter Schielstellungen.

>> Eine Fibrosierung beider Mm. recti inferiores führt hierbei vor allem dann nicht zu Doppelbildwahrnehmung, wenn sie symmetrisch ausgeprägt ist, da sich die Effekte dann„aufheben“: beide Bulbi können gleich schlecht nach oben gedreht werden, was zu einer kompensatorischen Kopfhebung, nicht aber zu Doppelbildern führt.

Die Patienten sind im Nahbereich (Leseposition im Abblick) weniger gestört, als bei Blick in die Ferne. Dem gegenüber „addiert“ sich die Fibrosierung beider Mm. recti mediales zu einem großen konvergenten Schielwinkel. Auch hierbei sind die Patienten für die Ferne (Autofahren) mehr eingeschränkt, als in der Nähe. Selten sind auch schräge Muskeln betroffen.

Eine besonders gravierende Situation kann nach einer Dekompression (insbesondere der nasalen Orbitawand) auftreten: die Mm. recti mediales können in die Siebbeinzellen prolabieren und die Folge dieser Einklemmung ist eine deutliche konvergente Schielstellung. Weiterhin kann sich nach einer Dekompression der inferioren Orbitawand der Bulbus absenken und eine Überfunktion des M. obliquus superior durch Vorspannung erzeugen (Inzyklorotation und A-Phänomen).

Klinik der Sehnervkompression bei der Endokrinen Orbitopathie

Durch eine Kombination von intraorbitaler Fettgewebsvermehrung, straffem Septum orbitale und eine Verdickung der geraden Augenmuskeln, die typischerweise den Muskelbauch betrifft, kann es zu einer Sehnervkompression im Apex der Orbita kommen. Ein deutlicher Exophthalmus ist hierbei nicht unbedingt Voraussetzung, da gerade ein straffes Septum orbitale eine natürliche Druckentlastung nach vorne verhindert.

2.2.5 Diagnostik

Standardisierte Untersuchungsprotokolle sind erhältlich auf der Homepage der European Group On Graves Ophthalmopathy (EUGOGO, www.eugogo.eu) oder der International Thyroid Eye Disease society (ITEDS, www.thyroideyedisease.org).

Diagnostik der Floridität bei der Endokrinen Orbitopathie

Die Aktivität und der Schweregrad einer EO können in den meisten Fällen allein durch die klinische Untersuchung beurteilt werden. Für die Beurteilung der Krankheitsaktivität wird der „Clinical Activity Score“ (CAS: .Tab.2.7) herangezogen.

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2.2  •  Endokrine Orbitopathie (EO) (engl. Graves’Orbitopathy (GO),Thyroid Eye Disease (TED))

..Abb. 2.7a–f  Klinik der Augenbewegungsstörung bei der Endokrinen Orbitopathie. Patientin mit EO im inaktiven Stadium. Auf Grund der massiven Fibrosierung des M. rectus inferior kann der rechte Bulbus nur 5° über die Mittellinie eleviert werden (a), was bei Geradeausblick (b) zu einem Tiefstand von 27,5° führt. Durch die gute Kontraktilität des M. rectus inferior ist der Abblick nicht eingeschränkt (c). Nach einer Rücklagerung des rechten M. rectus inferior um 4 mm in Kombination mit dem Einsetzen eines 10 mm breiten Interponats aus bovinem Perikard (Tutopatch®) ist die Bulbuselevation rechts deutlich gebessert (d). Bei Geradeausblick besteht Parallelstand (e) und die Senkung des rechten Bulbus bleibt nur gering hinter derjenigen des linken zurück (f)

.. Tab. 2.7  Clinical activity score (CAS) – 10 Punkte Score zur Beurteilung der Aktivität der EO

Kriterium

Vorhanden

Subjektive Aktivitätszeichen

 

Schmerzen oder Druckgefühl hinter dem Augapfel während der letzten 4 Wochen

1

Schmerzen bei Auf-, Ab-, oder Seitenblick während der letzten 4 Wochen

1

Objektive Entzündungszeichen

 

Rötung der Augenlider

1

Schwellung der Augenlider

1

Diffuse Rötung der Konjunktiva in mindestens einem Quadranten

1

Chemosis

1

Karunkelschwellung

1

Zeichen der Progredienz

 

Protrusiozunahme > 2 mm während der letzten 1–3 Monate

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Verminderung der Augenbeweglichkeit in beliebiger Richtung > 5°während der letzten 1–3 Monate

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Visusminderung um > 1 Linie während der letzten 1–3 Monate

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Gesamtscore

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60 Kapitel 2  •  Extraokular/Adnexe

Die Erkrankung wird in 3 Schweregrade eingeteilt:

5.Mild (oligosymptomatische EO – keine/kaum Funktionsstörungen, .Abb.2.7a)

6.Moderat (deutliche Veränderung der Augenpartie und Funktionsminderung – v. a. Doppelbilder, .Abb.2.7b)

7.Visus bedrohend (Optikuskompression oder schwere Hornhautaustrocknung mit Ulkusbildung, .Abb.2.7c)

Aufgrund der typischen Symptome und der begleitenden Augenerkrankung ist die Diagnosestellung meist unproblematisch. Nur bei schwierigen Therapieentscheidungen, vor allem bei der Indikation zu einer Orbitaspitzenbestrahlung oder einer Dekompression, kann die Aktivität und das Ausmaß der Augenmuskelbeteiligung im MRT beurteilt werden. Am wichtigsten ist die Bildgebung für die Differentialdiagnose des einseitigen Exophthalmus (v. a. Tumor-Ausschluss).

Diagnostik der Augenbewegungsstörung bei der Endokrinen Orbitopathie

Zur Messung von Augenmotilitätsstörungen stehen prinzipiell zwei gut zu quantifizierende Methoden zur Verfügung:

1.Haploskopische Messmethoden (wie Harms-Wand, Hess-Schirm, Synoptometer)

2.Messung der monokularen Bewegungsstrecken

Haploskopische Methoden haben zur Voraussetzung, dass die Bewegungsstörung einseitig ist und die normale Beweglichkeit des gesunden Auges als „Goldstandard“ für die Abweichung der erkrankten Seite dient. Da die Augenbewegungsstörungen bei EO meist beidseitig sind (häufig aber mit vorwiegend einseitigem Beginn) ist eine Verlaufskontrolle und Quantifizierung mit haploskopischen Methoden nicht gut möglich. In diesen Fällen ist die Messung der monokularen Bewegungsstrecken (z. B. mit der Kestenbaumbrille nach Haase oder dem Goldmannperimeter) sinnvoll. Auch die Messung des Feldes des binokularen Einfachsehens, die für die Operationsplanung wichtig ist, kann bei der Beurteilung der Motilitätsentwicklung in die Irre führen. Beispielsweise führt eine zunächst einseitige Fibrosierung des M. rectus inferior zu massiven Doppelbildern, die weniger werden, wenn der M. rectus inferior des Gegenauges auch zunehmend betroffen wird. In diesem Beispiel würden die Doppelbilder zwar abnehmen, die kompensatorische Kopfhebung aber zunehmen. Die Messung einer Kopfzwangshaltung ist also bei EO ebenfalls erforderlich.

Für die Planung einer Augenmuskel-OP ist zudem die Messung der Augenstellung bei Geradeausblick wichtig (simultaner Prismenabdecktest), da sowohl die Seitenverteilung der zu operierenden Augenmuskeln als auch die Dosierung der Augenmuskeloperationsstrecken auf der Messung der Augenstellung bei Geradeausblick, der

Kopfzwangshaltung und des Feld des binokularen Einfachsehens basieren (  Abschn.2.2.6).

Diagnostik der Sehnervkompression bei der Endokrinen Orbitopathie

Die unter  Abschn.2.2.4 geschilderten Ursachen einer Sehnervkompression (intraorbitale Fettgewebsvermehrung, straffes Septum orbitale, Verdickung der Augenmuskeln) führen zu einer reduzierten Sehschärfe, pathologischen visuell evozierten Potentialen, (eher diffusen) Gesichtsfeldausfällen, einem reduzierten Farbensehen, bisweilen auch zu Papillenschwellungen und zu Obskurationen (Verdunkelungssehen). Ein einfach prüfbares Zeichen eines straffen Septum orbitale ist die geringe Redressierbarkeit auf manuellen Bulbusdruck. Die Muskelverdickungen, besonders im Apex orbitae, sind eine Indikation für bildgebende Verfahren (CT oder besser MRT). Das reduzierte Farbensehen ist ein sehr frühes Zeichen einer Sehnervkompression und kann klinisch einfach geprüft werden durch die Frage nach Farb-Entsättigung sehr farbintensiver Objekte, insbesondere natürlich im Rechts-Links-Vergleich. Auch Amplitudenminderungen (und weniger Latenzverzögerungen) der visuell evozierten Potentiale sind ebenfalls frühe Zeichen einer Optikuskompression.

Differentialdiagnostik

Aufgrund der typischen Symptomatik und der begleitenden Schilddrüsenerkrankung ist in den meisten Fällen die Diagnosestellung einfach. Ohne assoziierte Schilddrüsenerkrankung und vor allem bei einseitiger Symptomatik muss man u. a. folgende Differentialdiagnosen bedenken: Carotis-sinus-cavernosus-Fistel, Raumforderungen der Orbita (mit Lidschwellung: Lymphom), Pseudotumor orbitae, Keilbeinflügelmeningeom.

Falls bei Augenbewegungsstörungen auch die Möglichkeit in Betracht kommt, dass es sich um eine neurogene Augenmuskelparese handelt, ist die Differenzierung durch die Messung der passiven Bulbusbeweglichkeit (Traktionstest, Pinzettentest) hilfreich. Auch die Blickrichtungs-Tonome- trie kann hier weiterhelfen – ebenso wie bei der Differenzierung zwischen genuinem Glaukom und Pseudoglaukom.

Aufgrund der klinischen Präsentation müssen weitere entzündliche Orbitopathien (.Tab.2.8), vor allem aber auch orbitale Neoplasien, abgrenzt werden, insbesondere bei einseitigem Exophthalmus.

2.2.6 Therapie

Bei der Therapie der Endokrinen Orbitopathie müssen Augenärzte und Schilddrüsenspezialisten bzw. Hausärzte eng zusammen arbeiten. Einen exzellenten Management-

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2.2  •  Endokrine Orbitopathie (EO) (engl. Graves’Orbitopathy (GO),Thyroid Eye Disease (TED))

.. Tab. 2.8  Differentialdiagnosen Endokrine Orbitopathie (EO)

Differentialdiagnosen

Charakteristika/Abklärung

Okuläre Myositis

Akuter Beginn, meist einseitig, Schmerzen (cave: nicht obligat), bevorzugt betroffener

 

Muskel: M. rectus lateralis (aber häufig auch medialis!), schnelles Ansprechen auf syste-

 

mische Kortokoide (Bestätigung der Diagnose ex iuvantibus)

Carotis-Sinus-cavernosus-Fistel

Akuter Beginn, meist Caput medusae-artige Dilatation der konjunktivalen Venen, häufig

 

Augenmuskelparesen, pulssynchrones Fistelgeräusch (nicht obligat), Augeninnendru-

 

ckerhöhung (nicht obligat)

Orbitale Neoplasie (z. B. Keinbeinflügel-

Wichtige DD bei einseitigem Exophthalmus: meist protrahierter Beginn. Keine Lidödeme.

meningeom, Cavernom)

Oberund Unterlidretraktion ähnlich stark ausgeprägt (Bulbus wird nach vorne gedrückt,

 

keine Fibrosierung des M. levator palpebrae – von Graefe-Zeichen negativ)

Zustand nach Ptosis-OP

Oberlidretraktion mit positivem von Graefe-Zeichen (häufigstes EO-Zeichen überhaupt):

 

einzig wesentliche DD: Zustand nach Ptosis-OP ( Anamnese!)

Allergie

Lidschwellung/Bindehautchemose ohne Exophthalmus, beidseitig

Tränendrüsentumor

Exophthalmus möglich, keine konjunktivalen Entzündungszeichen, einseitig

..Abb. 2.8a,b  Oberlidretraktion bei EO vor (a) und nach (b) systemischer Kortikoidtherapie

..Abb. 2.9a,b  Lidödeme bei EO vor (a) und nach (b) systemischer Kortikoidtherapie

plan findet man im Consensus paper der EUGOGO (www. eugogo.eu).

Medikamentöse Therapie

Im aktiven Stadium ist eine stadienabhängige antientzündliche Therapie indiziert. Bei der milden EO wirken 200 µg Selen täglich einer weiteren Verschlechterung entgegen und bessern vorhandene Symptome. Bei der moderatschweren, aktiven EO (.Abb.2.8a,b, .Abb.2.9a,b) ist eine i. v. Steroidstoßtherapie indiziert (empfohlene kumulative Dosis 4,5 g – maximal 8 g) z. B. in Gaben von 250 bis 500 mg Prednisolon, einmal wöchentlich über 6–12 Wochen. Bei schwerer, den Visus bedrohender Manifestation muss eine Orbitadekompression erfolgen, wenn sich die

Symptomatik nach einem hoch dosierten Steroidstoß nicht signifikant innerhalb von 2 Wochen bessert. Eine Dekompression hilft auch bei Nonrespondern der i. v. Steroidtherapie ohne Zeichen der Optikuskompression, weil sich durch eine Verbesserung des venösen und lymphatischen Abflusses auch die Entzündungssymptome bessern. Alternativ kann eine immunsuppressive Therapie (off label: Methotrexat, Ciclosporin A oder Mycophenolatmofetil) oder eine Therapie mit Biologika (off label: Anti-TNF-alpha-Ak oder Anti-CD20-Ak) erfolgen.

Adjuvante Therapie

Wichtig sind adjuvante therapeutische Maßnahmen, wie Botulinumtoxin-Injektion in den M. tarsalis Müller zur

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62 Kapitel 2  •  Extraokular/Adnexe

Besserung der Lidretraktion, Prismen-Folie (bzw. -Gläser)

fassen Entropium, Liquorfistel, Meningitis, persistierende

zum Ausgleich von Doppelbildern in Primärposition und

Sensibilitätsstörung der Haut, Sinusitis, Obstruktion des

Tränenersatzmittel zur Besserung der Benetzung.

Tränen-Nasen-Ganges, Geruchsstörungen.

Chirurgische Korrektur der bleibenden Veränderungen

Im stabilen inaktiven Stadium der Defektheilung (CAS sehr klein, .Tab.2.7) können im variablen Ausmaß operative Korrekturen durchgeführt werden, sinnvollerweise in folgender Reihenfolge: Orbitadekompression zur Reduktion des Exophthalmus, Rücklagerung der fibrotisch verkürzten Augenmuskeln sowie Lidverlängerung/Fettresektion/Blepharoplastik. Die Beachtung dieser Reihenfolge ist wichtig, da durch eine Orbitadekompression die Lidretraktion gebessert wird (.Abb.2.10a,b) bzw. eine Lidoperation sogar ganz überflüssig werden kann. Eine Augenbewegungsstörung kann sich demgegenüber durch eine Dekompression verschlechtern. Ein weiteres Beispiel: durch eine Rücklagerung des. M. rectus inferior wird eine Oberlidretraktion „gebessert“, eine Unterlidretraktion aber „verschlechtert“ (.Abb.2.7b,e), sodass die Lidchirurgie am Ende der Behandlungskette stehen sollte.

Orbitadekompression bei der Endokrinen Orbitopathie

Die knöcherne Orbitadekompression kann prinzipiell über alle vier Wände der Orbita erfolgen. In den letzten Jahrzehnten wurden die operativen Techniken ständig weiterentwickelt. Die Zugangswege zu den Orbitawänden sind vielfältig: koronar, transantral, endoskopisch transnasal, neurochirurgisch von kranial, transkonjunktival („swinging eyelid approach“). Das Ausmaß der Reduktion des Exophthalmus (maximal bis zu 10 mm, durchschnittlich jedoch 4–6 mm bei einer Dekompression von 2–3 Wänden) korreliert mit der Anzahl der dekomprimierten Wände und dem Ausgangs-Exophthalmus. Vor allem nach der Dekompression der medialen und inferioren (seltener der lateralen) Orbitawand kann es zu einem Neuauftreten einer Augenfehlstellung bzw. zur Verschlechterung eines vorbestehenden Schielens kommen, wobei die Verschlechterung einer vorbestehende Motilitätseinschränkung (50–70 %) wesentlich häufiger ist, als deren Neuauftreten (4 %–10 %). In fast allen Fällen verschlechtert sich die Abduktion durch den Prolaps der verdickten Augenmuskeln in Richtung der Siebbeinzellen. Die vertikale Beweglichkeit verändert sich kaum, da der laterale Anteil des Orbitabodens stehen bleiben sollte, um ein starkes Absinken des Bulbus zu vermeiden. Durch ein Belassen der vorderen Periorbita bzw. durch das Belassen einer medial-inferioren Knochenleiste oder durch eine balancierte Dekompression lässt sich das Ausmaß postoperativer Motilitätsverschlechterungen verringern. Weitere Komplikationsmöglichkeiten neben der postoperativ verschlechterten Augenbeweglichkeit um-

Augenmuskelchirurgie bei der Endokrinen Orbitopathie

Die Therapie der Wahl einer Schielstellung bei der EO ist die Rücklagerung der fibrosierten Augenmuskeln. Grundsätzlich kann man zwischen zwei OP-Techniken wählen:

1.Bei der sogenannten „duction correction“ Technik wird anhand der aktiven oder passiven intraoperativen Beweglichkeit dosiert.

2.Bei der „deviation correction“ Technik legt man die Rücklagerungstrecke präoperativ anhand von Dosis- Wirkungs-Beziehungen fest, die für die klassischen Ausgangssituationen publiziert worden sind.

Der Dosis-Wirkungs-Effekt beträgt für die Rücklagerungen des M. rectus inferior 2° Schielwinkelreduktion pro mm Rücklagerungstrecke und für die des M. rectus medialis ca. 1,7°/mm (einseitig) bzw. 1,5°/mm (beidseitig). Nach einer Dekompression müssen größere Rücklagerungsstrecken gewählt werden, da bei diesen Patienten der Dosis-Wirkungs- Effekt geringer ist. Wenn normale Rücklagerungsstrecken nicht ausreichen kann einen Sehnenverlängerung mit einem Interponat (z. B. bovinem Perikard) helfen (.Abb.2.7).

Lidchirurgie bei der Endokrinen Orbitopathie

Ziele der Lidoperationen sind die Reduktion einer eventuell vorhandenen Benetzungsstörung und die Wiederherstellung eines normalen Aussehens. Zur Überbrückung des Zeitintervalls, bis eine operative Lidkorrektur möglich wird, kann eine starke Oberlidretraktion mit einer transkonjunktivalen Injektion von Botulinumtoxin A in den M. tarsalis Müller (direkt hinter dem Tarsusoberrrand) vorübergehend reduziert werden.

Vor einer Lidoperation muss man die Ursache der Lidspaltenerweiterung genau evaluieren:

Ein starker Exophthalmus führt zu einer gleichmäßigen Lidspaltenerweiterung und sichtbarer gleichmäßiger Oberlidund Unterlidretraktion und sollte kausal mit einer Orbitadekompression verringert werden (.Abb.2.10). Bei Patienten, die keine orbitachirurgischen Maßnahmen wünschen, kann man Oberlidund Unterlid durch eine Tarsorrhaphie nach Elschnig wieder näher zusammenbringen.

Eine Hebungseinschränkung der Bulbi (durch M. rectus inferior-Fibrosierung) führt durch die vermehrte Koinnervation der M. levator palpebrae bei intendiertem Aufblick zur reaktiven Oberlidretraktion (normales von- Graefe-Zeichen!). Diese kann durch eine beidseitige (ggf. asymmetrische) M. rectus inferior-Rücklagerung behoben werden.