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Ординатура / Офтальмология / Учебные материалы / Entzündliche Augenerkrankungen Springer.pdf
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460

Kapitel 10  •  Nichtinfektiös

 

 

 

 

.. Tab. 10.22  Differentialdiagnostik bei AZOOR

 

 

 

 

Differentialdiagnosen

Charakteristika/Abklärung

 

AAOR (acute annular outer

Skotome wie bei AZOOR, aber keine Photopsien; ringförmige, intraretinale Ablagerungen, die

 

retinopathy)

zunächst zunehmen, bevor sie innerhalb von ca. 2 Wochen verschwinden

 

CAR (Cancer associated

Skotome und Photopsien wie bei AZOOR, meist fortschreitender Funktionsverlust; Nachweis von

 

Retinopathie)

retinalen Autoantikörpern (v. a. Anti-Recoverin)

 

MEWDS (Multiple evanescent

Kleine weiße chorioidale Läsionen der inneren Netzhautschichten oder RPE; die Herdbefunde ver-

 

white dot Syndrome)

blassen im Verlauf , z. T. gelb-orange granuläre Veränderungen im Makulabereich; Visusminderung

 

 

und Gesichtsfeldveränderungen sind (nach Monaten) meist reversibel

 

MIC (multifocal inner cho-

Meist bsd., Kleine weiße periphere chorioidale Läsionen mit Vitritis; im Verlauf mit scharfen, ausge-

 

roiditis)

stanzt wirkenden, demarkierten, pigmentierten Rändern

 

PIC (Punctate Inner Choro-

Meist bsd. zentral gelegene chorioidale Läsionen; keine Glaskörperbeteiligung

 

iditis)

 

 

ARN (Akute Retina Nekrose)

Initial unilaterale rasch fortschreitende nekrotisierende Retinitis; beginnt in der peripheren Retina;

 

 

oft begleitend granulomatöse anteriore Uveitis; Notfallsituation! (Herpes-simplex-Virus, VZV, CMV

 

 

Nachweis in Kammerwasser-Glaskörper )

 

AIBSE (acute idiopathic blind

Meist unilaterale, akut symptomatische Vergrößerung des blinden Fleckes ohne morphologische

 

spot enlargement syndrome)

Sehnervveränderung; ERG-Veränderungen meist nur nasal, parafoveal (nicht im Ganzfeld-ERG, wie

 

 

bei AZOOR); FLA – z. T. Leckage im Papillen Bereich

.. Tab. 10.23  Ausgangsbefunde bei AZOOR (n = 157 Augen)

Visus

Anzahl (%) betroffener Augen

0,5–1,0

71

(45)

20/25–20/40

45

(29)

20/50–20/100

20

(13)

20/200–5/200

13

(8)

4/200-LS

8 (5)

Modifiziert nach Monson und Smith, 2011

10.12.7 Verlauf und Prognose

Zu Beginn liegen bei 60 % der Patienten einseitige Symptome und Befunde vor (.Tab.10.23), die bei mehr als der Hälfte im Verlauf von bis zu 15 Jahren bilateral werden. Rezidive werden bei ca. 1/3 der Betroffenen mit z. T. jahrelangen freien Intervallen beobachtet (Gass 2002). Die Gesichtsfeldausfälle stabilisierten sich meist innerhalb der ersten 6 Monate (Verbesserung bei ca. 20 %; Progression bei ca. 5 %). Im Verlauf von 8 Jahren lag bei 70 % der Betroffenen ein Visus von 0,5 oder besser vor; Erblindungen wurde bei ca. 20 % berichtet (Gass 2002).

10.12.8Selbsthilfegruppen und hilfreiche Websites

www.uveitis-selbsthilfe.de, www.duag.org, uveitis.jimdo. com, www.orpha.net, www.bsk-ev.org

10.13 M. Behcet (MB)

N. Stübiger

ICD-10 Code M35.2 Behçet-Krankheit

Synonym: Morbus Adamantiades-Behcet, Behçet Syndrom

10.13.1 Definition und Einleitung

Beim Morbus Behcet (MB) handelt es sich um eine systemische Vaskulitis, die hauptsächlich durch rezidivierende mukokutane Läsionen und durch massive intraokulare Entzündungen charakterisiert ist (.Tab.10.25). Typisch für den MB ist eine Beteiligung sowohl der großen als auch der kleinen Gefäße (speziell beim MB ist ein gleichzeitiger Befall von Arterien und Venen möglich, währenddessen die venöse Beteiligung überwiegt). Daher können Manifestationen an potentiell jedem Organ, jedoch insbesondere auch an den Gelenken und am zentralen Nervensystem, zu finden sein. Die hohe Morbiditätsund Mortalitätsrate machen eine frühe Diagnostik sowie eine adäquate Therapie unbedingt notwendig. Durch die Ein-

10.13  •  M. Behcet (MB)

führung neuer therapeutischer Optionen, den sog. „Biologika“, konnte die Prognose dieser Erkrankung bedeutend verbessert werden.

10.13.2 Epidemiologie

Obwohl der MB weltweit verbreitet ist, ist die geografische Verteilung sehr unterschiedlich. Zu finden ist diese Erkrankung überwiegend im Bereich des Mittelmeers (Türkei, Israel, Ägypten) und entlang des Verlaufs der „alten Seidenstraße“ im Mittleren und Fernen Osten (Iran, Japan, Korea).

Die höchste Prävalenz zeigt sich mit 80 bis zu 370/100.000 Einwohnern in der Türkei, wobei die höchste Erkrankungsrate in den östlichen Teilen (Anatolien) des Landes gefunden wird. In Nordafrika und Asien wird sie mit 35 bzw. mit 18/100.000 Einwohnern angenommen; aus Japan liegen Angaben von 7–9/100.000 Einwohnern und für Nordamerika von ca. 0,4–5,2/100.000 Einwohnern vor. Die Schätzungen für Deutschland gehen aus dem Behcet Register hervor: für Berlin (West) wurde eine Prävalenz von ca. 2,3 /100.000 Einwohnern gefunden. Damit tritt der Morbus Behcet deutlich häufiger als andere Vaskulitisformen, wie z. B. der Morbus Wegener, auf.

Über die epidemiologische Entwicklung der Erkrankungen liegen teilweise widersprüchliche Angaben vor. Einerseits gibt es Hinweise aus Japan, dass die Prävalenz der Erkrankung rückläufig zu sein scheint. Da gleichzeitig in der japanischen Bevölkerung keine wesentlichen Veränderungen im genetischen Hintergrund zu finden waren, wird dieses Phänomen durch veränderte Umweltfaktoren (wie z. B. bessere Hygiene) erklärt.

Auf der anderen Seite zeigen aktuelle Untersuchungen aus Frankreich und den USA, dass die Prävalenz mit 7,1 bzw. 5,2/100.000 Einwohnern höher zu sein scheint, als bisher bekannt war. In beiden Studien wird als Ursache für die erstaunlich hohen Zahlen vermutet, dass dies durch die höhere Mobilität der Bevölkerung, wie auch durch die verbesserte Erkennung und Kenntnis über die Bedeutung der Erkrankung bedingt ist.

Zwar kann der MB bei Patienten jeden Alters zu finden sein, jedoch manifestiert sich die Erkrankung selten in der Kindheit oder nach dem 6. Lebensjahrzehnt.

10.13.3 Ätiologie und Pathogenese

Ätiologie und Pathogenese des MB sind bisher nicht geklärt. Die Genese dieser Erkrankung dürfte multifaktoriell sein: neben Umwelteinflüssen wird vor allem auch eine infektiöse Ursache vermutet. Besteht dann noch zusätzlich eine genetische Disposition (HLA-B51), kann dies eine sys-

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10

 

 

 

 

 

temische Vaskulitis induzieren. Zusätzlich wird vermutet, dass sich sekundär eine überschießende immunologische Reaktion, unter anderem gegen „Heat Shock Proteine (HSP)“, anschließt (.Abb.10.47).

Genetik

In multiplen Studien konnte eine ausgeprägte genetische Prädisposition aufgrund einer starken Assoziation zum HLA-B51-Antigen nachgewiesen werden. Während dieses Antigen lediglich bei 8 % der europäischen bzw. bei 24 % der türkischen gesunden Bevölkerung auftritt, wird dieser Genotyp bei 40–80 % der Betroffenen gefunden. Erkrankungshäufungen innerhalb einer Familie konnten beobachtet werden, jedoch tritt der MB, aufgrund des nicht existenten Mendel’schen Erbganges, meist sporadisch auf. Bekannt ist auch, dass die Prognose bei MB-Patienten mit diesem Genotyp ungünstiger verläuft.

Das Gen des HLA-B liegt auf dem Chromosom 6p21.3. In dieser Region des kurzen Armes des Chromosoms 6 befinden sich weitere assoziierte Gene. Daher wurde in verschiedenen Studien untersucht, ob bestimmte Genpolymorphismen bestehen könnten. Hierbei wurden zwar verschiedene Zytokine (wie z. B. ICAM-1, IL-1 und TNF) erhöht nachgewiesen, jedoch wiesen diese keine direkte Spezifität für den Morbus Behcet auf. Interessant erscheint die erst kürzlich nachgewiesene Assoziation zum IL-23R und IL-12RB2 Lokus, da vermutet wird, dass dieser für die klinische Entwicklung des MB wichtig sein könnte, indem er, zumindest einen unterstützenden Einfluss, bei der Suppression von regulatorischen T Lymphozyten und der Verstärkung des Th17 Effektorweges hat (.Abb.10.47).

Immunologie

Für die Autoimmungenese dieser Erkrankung sprechen neben der bereits beschriebenen Assoziation zu einem MHC-Antigen auch die lymphozytäre Infiltration des Zielorgans und die Beeinflussung des Erkrankungsverlaufes durch immunsuppressive Wirkstoffe. Auch konnte im Tiermodell durch Injektion retinaler Antigene eine Uveoretinitis initiiert werden, die klinisch einen sehr ähnlichen Verlauf aufweist. Besondere Bedeutung scheint hierbei den regulatorischen T-Lymphozyten (T-reg) zuzukommen, die immunsuppressive Eigenschaften aufweisen. Sind diese vermindert nachweisbar, treten vermehrt autoimmunologische Veränderungen auf.

Während diese Hinweise für eine Autoimmunpathogenese sprechen, liegen jedoch auch gegensätzliche Beobachtungen vor. Klassische Merkmale, wie eine spezifische Autoantikörperbildung und Bevorzugung des weiblichen Geschlechtes, liegen nicht vor. Auch das bereits erwähnte Tiermodell gilt ausschließlich für die okuläre Beteiligung, ohne dass weitere Organe, wie Haut oder Gelenke, mitbe-

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462 Kapitel 10  •  Nichtinfektiös

 

 

3

 

 

 

Endothel

 

 

Gewebeschädigun

 

IL-23

 

 

IL-17

 

 

IL-8

IFNy

 

 

 

 

Treg

 

 

ICAM

 

 

VCAM

TH17

 

 

Koagulation

IL-2

roxide

1

MICA

HSP60

T-cell

 

 

 

 

HLA-B51

 

 

 

4

 

netische Prädispos

 

 

 

 

 

 

TH1-Cytokine

Makrophage

 

TNFα

(TH2-Cytokine)

 

IL-12

 

 

MICA

 

IL-8

 

Infektion (S. sanguis, E. coli)

Self-HSP60

 

2

 

Bakterien-HSP65

..Abb. 10.47  Schematische Darstellung zur (hypothetischen) Pathogenese des M. Behcet. Bei genetisch prädisponierten Individuen wird eine Überreaktion des Immunsystems mit Granulozyteninfiltration induziert (1). Heat Shock Proteine werden über erregerassoziierte Mechanismen exprimiert und Zelladhäsionsmoleküle, Zytokine und Lymphozyten aktiviert (2). Durch die Reaktionskaskade werden Gefäßentzündung und Koagulation verursacht (3). Der Th17 Reaktionsweg wird zusätzlich aktiviert und ist Gegenstand aktueller Therapieansätze (4). (Modifiziert nach Deuter et al., 2008)

teiligt sind. Daher wurde heutzutage der Begriff „autoinflammatorische Reaktion“ eingeführt. Grundlage autoinflammatorischer Reaktionen ist, dass über eine genetische Assoziation Signalwege des angeborenen Immunsystems aktiviert werden. So gehört z. B. auch der Morbus Crohn zu den autoinflammatorischen Erkrankungen, die mit einer okulären Manifestation einhergehen. Durch ein auslösendes „Inflammasom“ kommt es zu einer Entzündungsreaktion, die überwiegend zur IL-1ß Bildung führt. In diese Theorie passt auch die Beobachtung, dass dieser Reaktionsweg durch verschiedene Trigger, wie z. B. bakterielle Antigene, aktiviert werden kann. So zeigte sich z. B. die Behandlung mit einem gegen das IL1 gerichtete Agens bei einigen Patienten noch wirksam, nachdem die herkömmlich zur Verfügung stehenden TNF Blocker bereits versagt hatten.

Antigene

Eine bakterielle Genese des MB wurde bereits Anfang des 20. Jahrhunderts von Adamantiades vermutet, nachdem er beobachtet hatte, dass diese Erkrankung bei den meisten Patienten mit Infektionen der Mundhöhle begann (orale Aphten, Alterationen der Mundschleimhaut, Peridontitis). Nach wie vor treten Hygieneprobleme in der Mundhöhle und chronische Tonsillitiden sehr häufig bei den MB Patienten auf. Gleichzeitig liegen Hinweise dafür vor, dass diesen Befunden eine prognostische Bedeutung zukommt und sie mit einem ungünstigeren Verlauf verbunden zu sein scheinen.

Inzwischen haben zahlreiche Studien eine Verbindung zu Streptokokkensstämmen, wie Streptococcus sanguis, orales, faecalis und pyogenes zeigen können. Einige dieser Erregerstämme konnten direkt auf der Mundschleimhaut bei erkrankten Personen nachgewiesen werden. Die meisten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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10.13  •  M. Behcet (MB)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

.. Tab. 10.24  Klinische Symptomatik im internationalen Vergleich

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Japan

Korea

Iran

Türkei

England

Deutschland

 

Patientenzahl

2031

1904

 

4704

880

46

 

415

 

 

 

 

 

Orale Aphten

95

99

 

97

100

100

 

98

 

 

 

 

 

Genitalulzera

80

80

 

66

60

71

 

65

 

 

 

 

 

Eryth. nodosum

90

60

 

22

24

81

 

50

 

 

 

 

 

Pathergie – Test

79

58

38

 

 

 

 

 

Arthritis

10

35

 

 

34

55

 

51

 

 

 

 

 

Gastroint. Beteil.

10

4

 

8

19

 

20

 

 

 

 

 

Neurol. Beteiligung

10

10

 

3

4

48

 

19

 

 

 

 

 

Augenbeteiligung

80

30

 

56

100

100

 

51

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Angaben in Prozent, aus Krause L. 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Betroffenen entwickeln allerdings eine immun-mediierte

 

sen Patienten betroffen sein. Im Vordergrund stehen al-

 

Reaktion und erhöhte Antikörpertiter gegen Streptokok-

 

lerdings die Manifestationen an Haut, Schleimhaut und

 

ken. Häufig wurden „Heatshockproteine“ (z. B. Hsp-65

 

Augen. Die Beteiligung der verschiedenen Organe bzw.

 

oder Hsp-60) nachgewiesen. Die gesteigerte Aktivität von

 

die Reihenfolge der Organbeteiligung weist offensicht-

 

Heatshockproteinen führt wiederum zu einer gesteigerten

 

lich weder prognostische noch diagnosespezifische Be-

 

Aktivität von γ-δ-T-Lymphozyten, was eine Kreuzreaktion

 

deutung auf. Zu den häufigsten Manifestationen gehören

 

zwischen menschlichen und mikrobiellen Bestandteilen

 

.Tab.10.24:

 

 

 

 

 

 

 

 

der Heatshock-Proteine auslöst und Immunmechanismen

 

Augenbeteiligung (retinale Vaskulitis/Uveitis poste-

 

in Gang setzt. Diese Reaktion wird u. a. für die okklusive

 

-rior/Panuveitis)

 

 

 

 

 

 

 

 

Immun-Vaskulitis verantwortlich gemacht, die über einen

 

Orale und genitale Aphten

 

 

 

 

 

 

Endothelschaden und einer resultierenden endothelia-

 

Hautbeteiligung (papulopustulöse bzw. akneiforme

 

len Dysfunktion zu retinalen Schädigungen führen kann

 

-Veränderungen, Erythema nodosum, Pathergie-Phä-

 

(.Abb.10.47)

 

 

 

 

nomen)

 

 

 

 

 

 

 

 

Allerdings sind nicht nur Streptokokken-Antigene,

 

Arthritis

 

 

 

 

 

 

 

 

sondern auch Escherischia coli und Staphylococcus aureus

 

Gastrointestinale Beteiligung

 

 

 

 

 

 

in der Lage aktivierte Lymphozyten von MB Patienten zur

 

Neurologische Manifestationen (z. B. in Form einer

 

Synthese von IFN-γ und IL-6 zu stimulieren. Dies unter-

 

-zerebralen Vaskulitis)

 

 

 

 

 

 

 

 

stützt die These, dass nicht ein spezifischer Erreger, son-

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

dern vielmehr unspezifische, jedoch persistierende, mik-

10.13.5

Klinik des okulären Morbus Behcet

 

robielle Antigene entscheidend sind. Unterstützt wird dies

 

dadurch, dass eine antibakterielle Therapie einen positiven

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einfluss ausübt. Gegen eine unmittelbare Bedeutung einer

 

Bei ca. 60–80 % der Patienten tritt eine Augenbeteiligung

 

„Infektions-Theorie“ spricht allerdings die überwiegend

 

auf – in lediglich 10–20 % der Betroffen ist sie das initiale

 

gute Wirkung von TNF-α-Antagonisten. Bei einer aktiven

 

MB-Symptom. Meist ist diese bereits bei Erstmanifestation

 

infektiösen Erkrankung sollte dies wenig erfolgsverspre-

 

des MB vorhanden bzw. entwickelt sich spätestens nach

 

chend sein. Daher steht vermutlich die Immunreaktion, die

 

2–4 Jahren. Ist nach dieser Zeitspanne keine okuläre Ma-

 

sich an einen auslösenden infektiösen Stimulus anschließt,

 

nifestation aufgetreten, so wird dies im weiteren Verlauf

 

im Vordergrund.

 

 

 

 

der Erkrankung immer unwahrscheinlicher. Die Häufig-

 

 

 

 

 

 

keit einer okulären Manifestation, mit einem mittleren Er-

 

10.13.4 Klinik – Allgemeinbefunde

 

krankungsalter von 28,5–30 Jahren, wird bei Frauen mit

 

 

67–75 % und bei Männern mit 83–95 % angegeben. Etwa

 

 

 

 

 

 

70 % der betroffenen Männer sind jünger als 25 Jahre, die

 

 

 

 

 

 

Da es sich beim Morbus Behcet um eine systemische

 

Erkrankung verläuft bei ihnen mit einer schlechteren Pro-

 

Vaskulitis handelt, kann prinzipiell jedes Organ bei die-

 

gnose.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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464 Kapitel 10  •  Nichtinfektiös

.. Tab. 10.25  Häufigkeit klinischer Befunde und Komplikatio-

nen bei Augenbeteiligung

 

n = 1567

%

Erstbefund

Vitritis

89

 

Vaskulitis

89

 

Retinitis

52

 

Hypopion

12

 

Papillitis

6

Komplikationen

Neovaskularisationen

68

 

Makulaödem

45

 

Katarakt

38

 

Phthisis bulbi

28

 

Optikopathie

24

 

Ablatio retinae

23

 

Rubeosis iridis

19

 

Glaukom

14

 

Makula Pucker

17

Nach Tugal-Tutkun et al. 2004

..Abb. 10.48  Typische Iritis beim Morbus Behçet mit Endothelpräzipitaten und Hypopion

Bei 50–90 % der Patienten tritt initial eine unilaterale anteriore Uveitis auf, die sich im Verlauf bei 75 % der Betroffenen zu einer bilateralen, chronisch rezidivierenden Panuveitis entwickelt. Klinisch wird eine nicht-granuloma- töse Entzündungsreaktion mit einer nekrotisierenden obliterativen Vaskulitis beobachtet, die sowohl im vorderen als auch im hinteren Augenabschnitt getrennt auftreten kann, meist jedoch das komplette Auge betrifft. Ein beidseitiges, rezidivierendes Auftreten wird bei bis zu 80 % der Betroffenen beobachtet.

Veränderungen des vorderen Augenabschnittes

Anteriore Uveitis

Häufig tritt eine anteriore Uveitis auf, die bei ca. 10 % der Patienten die einzige okuläre MB-Manifestation darstellen kann. In der Literatur wird in 20–30 % der Patienten das Auftreten einer klassischen Hypopioniritis (.Tab.10.25, .Abb.10.48) beschrieben, die jedoch heute deutlich seltener zu beobachten ist. Zumeist zeigt sich eine isolierte anteriore, nicht-granulomatöse Uveitis ohne Hypopion. Es wird angenommen, dass die heute früher einsetzende und effektivere Therapie dafür verantwortlich ist.

Die anteriore Uveits tritt meist binnen weniger Stunden auf und hat einen eher explosiven Charakter. Es gibt

..Abb. 10.49  Perivaskuläre Gefäßeinscheidungen bei aktiver retinaler Vaskulitis bei Morbus Behçet

Berichte über Patienten, die aus komplettem Wohlbefinden heraus 2 h später eine massive intraokulare Entzündung entwickelt hatten. Diese kann spontan, d. h. auch ohne Therapie, innerhalb von 2–3 Wochen, abheilen, ohne eine Beteiligung des hinteren Augenabschnittes aufzuweisen.

Weitere mögliche, jedoch eher seltene Beteiligungen -am vorderen Augenabschnitt sind:

Sicca-Syndrom

Konjunktivitis (mit oder ohne subkonjunktivale Blu-

-Epi-/Skleritis

Keratitis (mit oder ohne korneale Ulzerationen) Lidläsionentungen)

10.13  •  M. Behcet (MB)

..Abb. 10.50  Verschlossenes, sog.„Silberdraht“-Gefäß mit umgebenden retinalen Fleckblutungen

Veränderungen des hinteren Augenabschnittes (.Tab. 10.25)

Glaskörper

Veränderungen des posterioren Segmentes beinhalten eine zelluläre Infiltration des Glaskörpers. Diese kann sehr diskret ausfallen. Es können nur wenige Zellen zwischen den einzelnen Fibrillen sichtbar sein. In der akuten Entzündungsphase können sie auch eine dichte plasmoide Reaktion aufweisen. Eine isolierte Vitritis ist für Patienten mit MB nicht typisch.

Choroiditis

Auch eine choroidale Manifestation ist bekannt, jedoch sehr selten beschrieben. Es ist jedoch davon auszugehen, dass choroidale Infarkte weitaus häufiger auftreten, als bisher bekannt ist.

Uveitis posterior/Panuveitis

Eine Uveitis posterior bzw. Panuveitis tritt in bis zu 52 % der Patienten auf. Typisch ist eine Chorioretinitis, die neben Papillenödemen auch ausgeprägte retinale Ödeme, insbesondere ein zystoides Makulaödem (CMÖ), in bis zu 45 % der Patienten aufweisen kann.

Retinale okklusive Vaskulitis

Die charakteristische Manifestation des okulären MB ist die okklusive, nekrotisierende, retinale Vaskulitis (.Abb.10.49). Ausgeprägte Befunde werden durch die reaktive Bildung retinaler Neovaskularisationen sowie Neovaskularisationen der Papille kompliziert. Die retinale Vaskulitis tritt bei bis zu 89 % der Patienten und überwiegend am hinteren Pol auf.

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..Abb. 10.51  Endstadium mit Retinaatrophie, chorioretinalen Narben, Pigmentepithelveränderungen, okkludierten Gefäßen und kompletter Optikusatrophie

>> Pathognomonisch für den MB ist die gleichzeitige Beteiligung mittelgroßer Arterien und Venen, wobei überwiegend die retinalen Venen betroffen sind.

Andere typische Befunde stellen venöse und kapilläre Dilatationen sowie eine vermehrte Tortuositas vasorum dar. Auch können eine akute Phlebitis und eine Thrombangiitis obliterans auftreten, die zu massiven retinalen Blutungen und zur Glaskörperblutung führen können. Zusätzlich können perivaskuläre Gefäßeinscheidungen und gelblichweisse Infiltrate (.Abb.10.50), umgeben von kleinen Blutungen, sichtbar sein.

Papillitis

Zusätzlich kommt es bei ca. 25 % der Patienten im Rahmen des okulären MB auch zu einer Beteiligung des N. opticus, meist sichtbar in Form einer hyperämischen und randunscharfen Papille, und gilt als Ausdruck einer akuten Mikrovaskulitis der Arteriolen des Sehnervens.

Endstadium

Das Endstadium ist charakterisiert durch verschlossene, sog. „Silberdraht“-Gefäße, durch fibrotische Veränderungen des hinteren Pols mit unterschiedlicher Ausprägung multipler chorioretinaler Narben, retinaler Pigmentepithelveränderungen und einer ausgeprägten Optikusatrophie (.Abb.10.51).

Neuroophthalmologische Präsentationen

Eine neurologische Beteiligung wird meist innerhalb von 5 Jahren nach Krankheitsbeginn manifest und ist mit einer erhöhten Mortalität verbunden. Beschrieben wird der gefürchtete „Neuro-Behcet“ in ca. 10–15 % der Betroffenen. Meist wird er durch eine zerebrale Vaskulitis ausgelöst,