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Ординатура / Офтальмология / Немецкие материалы / Retinale Gefäßerkrankungen_Joussen_2011.pdf
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186 Kapitel 10 · Verschlusserkrankungen

Thrombophilieprogramm bei arteriellen retinalen Gefäßverschlüssen

Thromboplastinzeit (TPZ)

Aktivierte partielle Thromboplastinzeit (aPTT), Thrombinzeit (TZ)

APC-Resistenz

Fibrinogen

Plasminogen

Gewebsplasminogenaktivator (t-PA) und -Inhibitor (PAI-1)

Antiphospholipid-Antikörper Homozystein

10.1.4 Gerinnungsstörungen als Ursache venöser retinaler Gefäßverschlüsse

 

Zu den systemischen und okulären Risikofaktoren, die

 

mit der Entstehung venöser retinaler Gefäßverschlüsse in

 

Verbindung gebracht werden, zählen

 

10

die arterielle Hypertonie,

der Diabetes mellitus,

 

 

das Offenwinkelglaukom,

 

eine erhöhte Blutkörperchensenkungsgeschwindig-

 

keit (BSG) oder erhöhte Erythrozytenaggregation,

 

eine erhöhte Plasmaviskosität sowie

 

Gerinnungsstörungen.

 

Die pathogenetische Bedeutung thrombophiler Gerin-

 

nungsstörungen für die Entstehung venöser retinaler Ge-

 

fäßverschlüsse wird bis heute noch immer kontrovers

 

diskutiert, was aufgrund der methodischen Einschrän-

 

kungen und der damit verbundenen mangelnden Aussa-

 

gefähigkeit und Vergleichbarkeit vieler in den letzten Jah-

 

ren und Jahrzehnten veröffentlichter ophthalmologischer

 

Studien nicht verwunderlich ist. So wurden häufig nur

 

sehr kleine Patientengruppen und kein Vergleichskollek-

 

tiv untersucht, lediglich ein oder wenige Gerinnungspa-

 

rameter erhoben oder eine retrospektive Studienkonzep-

 

tion gewählt. Darüber hinaus definierten einige Autoren

 

eine positive Eigenoder Familienanamnese hinsichtlich

 

thromboembolischer Komplikationen als Ausschlusskri-

 

terium für die Untersuchung von Patienten im Rahmen

 

einer ophthalmologischen Studie.

 

Venöse retinale Gefäßverschlüsse gelten als Erkran-

 

kung des höheren Lebensalters und können meist auf

 

kardiovaskuläre Grunderkrankungen und Risikofaktoren

 

zurückgeführt werden, die typischerweise bei älteren Pa-

 

tienten vorkommen. Dementsprechend sollte bei allen

 

Patienten mit venösen retinalen Gefäßverschlüssen in-

 

terdisziplinär eine Abklärung kardiovaskulärer Risiko-

faktoren wie arterielle Hypertonie und Arteriosklerose, Diabetes mellitus, Fettstoffwechselstörung und Rauchen erfolgen. Im Gegensatz zu arteriellen retinalen Verschlüssen ist jedoch keine Diagnostik zum Ausschluss einer Emboliequelle erforderlich ( Tab. 10.2). Eine Ausnahme hiervon stellen Patienten dar, bei denen differentialdiagnostisch das Vorliegen eines okulären Ischämiesyndroms in Betracht gezogen werden muss. In diesen Fällen sollte eine Farbduplexsonographie der hirnversorgenden Gefäße erfolgen.

Bei jüngeren Individuen mit retinalem Gefäßverschluss lassen sich kardiovaskuläre Grunderkrankungen häufig nicht nachweisen. Dabei ist etwa jeder zehnte Patient mit venösem retinalem Gefäßverschluss zum Zeitpunkt des Erkrankungsbeginns 50 Jahre oder jünger. In dieser Altersgruppe findet sich aber nicht selten eine familiäre Häufung oder eine entsprechende Eigenanamnese mit vorangegangenem thromboembolischem Ereignis als Hinweis auf genetisch determinierte Risikofaktoren. Im Gegensatz zu früheren Untersuchungen konnten jüngere prospektive Studien mit adäquaten Kontrollgruppen und geeigneten Kriterien für die Patientenselektion einen eindeutigen Zusammenhang zwischen thrombophilen Gerinnungsstörungen und der Entstehung venöser retinaler Gefäßverschlüsse belegen. In bestimmten Subgruppen von Patienten wurden die APC-Resistenz, Antiphos- pholipid-Antikörper, der Faktor-XII-Mangel sowie Defekte des antikoagulatorischen Systems (Antithrombin- III-, Protein-C-, Protein-S-sowie Heparin-Co-Faktor-II- Mangel) signifikant häufiger nachgewiesen ( Abb. 10.3,Abb. 10.4). Zudem gibt es Hinweise, dass auch eine Erhöhung von Lipoprotein (a) und Faktor VIII sowie die Prothrombinmutante und eine Hyperhomozysteinämie mit einem erhöhten Risiko für die Entstehung venöser retinaler Gefäßverschlüsse einhergehen.

Die Thrombophiliediagnostik bei Patienten mit venösen retinalen Gefäßverschlüssen entspricht also exakt der diagnostischen Vorgehensweise bei Patienten mit Thromboembolien großer Gefäße. Auch hier gehen thrombophile Gerinnungsdefekte häufig mit einem jungen Alter, Rezidivereignissen, auffälliger Familienanamnese, atypischer Lokalisation und besonders schweren Verläufen einher. Ein Thrombophiliescreening ophthalmologischer Patienten sollte daher selektiv junge Patienten mit retinalen Gefäßverschlüssen erfassen bzw. eine auffällige Eigenoder Familienanamnese hinsichtlich thromboembolischer Ereignisse berücksichtigen. Dabei sollte auch nicht nur das Alter zum Zeitpunkt des retinalen Gefäßverschlusses, sondern ggf. das Lebensalter zum Zeitpunkt eines (anamnestisch) ersten thromboembolischen Ereignisses als Kriterium für eine weiterführende Thrombophiliediagnostik herangezogen werden. Als Leitkriterien für eine erhöhte Prävalenz thrombophiler Gerinnungsstörungen bei Pa-

10.1 · Plasmaproteine und Gerinnung

 

 

187

10

 

 

 

Tab. 10.2 Vergleich der Vorgehensweise zur Abklärung systemischer Grunderkrankungen bei arteriellen und venösen retinalen Gefäß-

 

verschlüssen. Aufgrund des fehlenden pathophysiologischen Zusammenhangs ist bei venösen Gefäßverschlüssen der Ausschluss einer

 

Emboliequelle nicht erforderlich.

 

 

 

 

 

Arterieller Verschluss

Venöser Verschluss

 

Blutdruckkontrolle

Ja

Ja

 

Echokardiographie

Ja

Nein

 

EKG

Ja

Ja

 

Farbduplexsonographie A. carotis

Ja

Nein

 

Doppler A. temporalis

Bei V.a. Arteriitis temporalis Horton

Nein

 

Allgemeine Blutuntersuchung

Ja

Ja

 

Thrombophiliediagnostik

Tab. 10.1

Tab. 10.1

 

Bildgebung (MRT, MR-Angio etc.)

Nur bei begründetem Verdacht

i.d.R nicht

 

tienten mit venösem retinalem Gefäßverschluss wurden ein Alter ≤45 Jahre zum Zeitpunkt des ersten thromboembolischen Ereignisses, das Fehlen kardiovaskulärer Risikofaktoren unabhängig vom Alter, sowie bei Patienten ≤60 Jahren eine auffällige Familienanamnese hinsichtlich thromboembolischer Ereignisse identifiziert (s.o.). Von zentraler Bedeutung ist auch ein geeignetes Thrombophiliescreening, das das entsprechende Spektrum an Laborparametern abdeckt (s.u.). Beachtet werden sollte auch, dass das Fehlen eines vorangegangenen thromboembolischen Ereignisses das Vorliegen eines Gerinnungsdefekts nicht ausschließt, da es sich bei einer Thrombophilie lediglich um die Prädisposition und ein erhöhtes Risiko für thromboembolische Ereignisse handelt, die keinesfalls zwangsläufig zur klinischen Manifestation führen muss.

Thrombophiliescreeningprogramm

Blutbild (Thrombozytenzahl)

Thromboplastinzeit (TPZ), Thrombinzeit (TZ), aktivierte partielle Thromboplastinzeit (aPTT)

Fibrinogen

Antithrombin-III-Aktivität (AT III)

Faktor-VII-Aktivität und Antigen, Faktor-VIII- Aktivität und Antigen, Faktor-XII-Aktivität

Aktiviertes Protein C (APC)-Resistenz (und Genanalyse Faktor-V-Leiden-Mutation)

Protein-C- und –S-Aktivität, Protein-S-Antigen

Homozysteinspiegel

Histidinreiches Glykoprotein (HRG)

Heparin-Cofaktor II

Lupus-Antikoagulantien (Exner, DRVVT), Anti-

cardiolipin-Antikörper (IgG, IgM)

Plasminogenaktivität

Gewebsplasminogenaktivator (»tissue plasminogen activator« = t-PA)-Antigen

Plasminogenaktivator-Inhibitor (PAI)-Aktivität und -Antigen

Lipoprotein (a)

Idiopathische systemische Thrombosen aufgrund einer Gerinnungsstörung gehen mit einem höheren Risiko für ein Rezidiv einher. Prospektive, randomisierte Studien konnten zeigen, dass die Rezidivrate systemischer Thrombosen durch eine verlängerte Antikoagulation gesenkt werden kann. Geht man auch bei ophthalmologischen Patienten mit einer Thrombophilie von einem erhöhten Rezidivrisiko aus, ergibt sich zwangsläufig auch die Frage nach Beginn und Dauer einer Antikoagulationstherapie. Demgegenüber steht jedoch das kumulative Blutungsrisiko einer Langzeitantikoagulation.

Obwohl die Assoziation thrombophiler Gerinnungsstörungen mit einer positiven Eigenanamnese thromboembolischer Ereignisse großer Gefäße bei einzelnen Patienten mit venösem Netzhautgefäßverschluss auf ein erhöhtes Rezidivrisiko hindeutet, ist aufgrund mangelnder Daten eine abschließende Beurteilung dieser Frage derzeit nicht möglich.

Die Notwendigkeit einer Antikoagulation bei Patienten mit venösen retinalen Gefäßverschlüssen mit einer zugrunde liegenden Thrombophilie sollte daher individuell in Rücksprache mit dem behandelnden Hämostaseologen erfolgen, u.a. um eine gezielte Prophylaxe in Risikosituationen zu ermöglichen (z.B. Heparinisierung, Thrombosestrümpfe bei Immobilisation,

188 Kapitel 10 · Verschlusserkrankungen

Abb. 10.3 Fundusphoto einer 18-jährigen Patientin mit frischem Zentralvenenverschluss, 2 Wochen nach Beginn einer oralen Kontrazeption. Die weiterführende Diagnostik ergab das Vorliegen eines Faktor-XII-Mangels

10

a

b

Langstreckenflügen etc., strenge Einstellung zusätzlicher kardiovaskulärer Risikofaktoren, zurückhaltende Verordnung von Hormonpräparaten wie orale Kontrazeptiva).

10.1.5Hyperviskositätssyndrom und retinale Gefäßverschlüsse

Als Hyperviskositätssyndrom wird eine abnorme Plasmaviskosität durch Erhöhung der Konzentration der Paraproteine (IgG, IgA, IgM) bezeichnet. Die erhöhte Viskosität bedingt eine Herabsetzung des Fließeigenschaften des Blutes. Zu den Ursachen eines durch Paraproteine bedingten Hyperviskositätssyndroms zählen der M. Waldenström sowie das Multiple Myelom.

Bei Patienten mit Hyperviskositätssyndrom besteht ein erhöhtes Risiko für Thrombosen oder Thromboembolien. Gleichzeitig kann es jedoch auch zu einer blutungsbedingten Anämie kommen, da die Paraproteine zu einer Behinderung der Rezeptoren an der Thrombozytenoberfläche führen. Am Auge lässt sich bei einem Hyperviskositätssyndrom häufig eine bilaterale Stauung der retinalen Venen beobachten, wobei es je nach Schweregrad und Dauer der hämatologischen Grunderkrankung, Art der Blutbildveränderungen (Thrombozytose, Leukozytose) oder zusätzlich vorhandenen Risikofaktoren zur Ausprägung des Vollbilds eines Zentralvenenverschlusses kommen kann ( Abb. 10.5).

Ein spezifischer symptomatischer Therapieansatz zur Behandlung eines Hyperviskositätssyndroms besteht in der Durchführung einer Plasmapherese.

Abb. 10.4 Fundusphoto eines 47-jährigen Mannes mit ischämischem ZVV am LA (a) und RA (b) innerhalb von 2 Jahren. Anamnestisch war es bereits im Alter von 33 Jahren zu einer tiefen Beinvenenthrombose gekommen. Die Thrombophiliediagnostik ergab das Vorliegen einer homozygoten APC-Resistenz

Abb. 10.5 Fundusphoto einer 72-jährigen Patientin mit Vollbild eines Zentralvenenverschlusses bei Thrombozytose (>800.000, Normwert: <400.000) und Leukozytose