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402

Kapitel 23 · Erbliche Augenkrankheiten

 

 

. Tabelle 23.2 (Fortsetzung)

 

 

 

 

 

 

 

5

Alterskatarakt

Es besteht ein Erblichkeitsfaktor, wie durch Zwillingsuntersuchungen bewiesen

 

 

 

 

werden konnte. Sehr wahrscheinlich zeigt dieser Erblichkeitsfaktor einen

 

 

5

 

dominanten Erbgang.

 

 

 

23

 

Homozystinurie

Autosomal rezessiv. Linsensubluxation nach nasal unten.

 

5

Marfan-Syndrom

Meist autosomal dominant. Linsensubluxation nach nasal oben.

 

 

 

 

5

Weill-Marchesani-Syndrom

Meist autosomal dominant. Kugellinse. Nach neueren Anschauungen Kleinwuchs

 

 

 

 

und Kurzfingrigkeit als Zeichen der Heterozygotie, schwere Verlaufsformen mit

 

 

 

 

Sekundärglaukom als Zeichen der Homozygotie.

 

 

 

 

 

 

Netzhaut/Aderhaut (Kap. 12 und 13)

 

 

 

5

Retinopathia pigmentosa

Autosomal dominant, autosomal rezessiv oder X-chromosomal rezessiv. Es

 

 

 

 

besteht eine erhebliche Variabilität der klinischen Manifestationen, z.B. der

 

 

 

 

Pigmentverschiebungen (Knochenkörperchen). Hierfür sind nicht allein die

 

 

 

 

verschiedenen Erbgänge – eine Zuordnung aufgrund der Klinik ist nur mit

 

 

 

 

Vorbehalt möglich –, sondern auch die genetische Heterogenie innerhalb eines

 

 

 

 

formalen Erbgangs verantwortlich.

 

 

 

– Sporadische Fälle:

Zuweilen stellt sich später ein rezessiver oder seltener ein dominanter Erbgang

 

 

 

 

heraus.

 

 

 

– Autosomal dominante

Meist relativ milder Verlauf. Im Regelfall nur bei Erkrankung dreier aufeinander-

 

 

 

Retinopathia pigmentosa:

folgender Generationen bewiesen. Durch molekulargenetische Untersuchun-

 

 

 

 

gen ließen sich verschiedene Punktmutationen sowie Deletionen von DNA-Basen

 

 

 

 

im Rhodopsin-Gen nachweisen, also allelische genetische Heterogenie. Der Lokus

 

 

 

 

des Rhodopsin-Gens befindet sich auf dem langen Arm des Chromosoms 3.

 

 

 

 

Dadurch haben sich Möglichkeiten zur Untersuchung der Genotyp-Phänotyp-

 

 

 

 

Korrelation ergeben.

 

 

 

– Autosomal rezessive

Heterozygotenfrequenz ca. 1:42. Pseudodominanz möglich.

 

 

 

Retinopathia pigmentosa:

 

 

 

 

– X-chromosomal rezessive

Konduktorinnen zeigen manchmal Mikrosymptome, die jedoch sehr variabel

 

 

 

Retinopathia pigmentosa:

sind (im Unterschied zur Chorioideremie). Ein sog. tapetoider Reflex ist möglich:

 

 

 

 

Metallischer Netzhautglanz um die Makula herum und temporal der Makula, der

 

 

 

 

sich mit zunehmendem Alter etwas in die Peripherie ausdehnt. Bei der X-chromo-

 

 

 

 

somal rezessiv vererbten Retinopathia pigmentosa kommt Heterogenie vor,

 

 

 

 

mehrere Genorte konnten bereits identifiziert werden. Molekulargenetische

 

 

 

 

Diagnostik (auch pränatal) möglich.

 

 

5

Retinitis punctata

Autosomal rezessiv. Elektrophysiologie und Funktionsstörungen wie bei Retinopa-

 

 

 

albescens (Kap. 13.8.3)

thia pigmentosa. Typisches Fundusbild mit feinen weißen Punkten in der Netzhaut.

 

 

5

Usher-Syndrom (Kap. 13.8.3)

Retinopathia pigmentosa und Innenohrschwerhörigkeit. Autosomal rezessiv.

 

 

5

Kongenitale Amaurose

Tapetoretinale Degeneration; autosomal rezessiv, selten jedoch auch autosomal

 

 

 

(Leber)

dominant.

 

 

5

Zapfendystrophie

Meist autosomal dominant. Farbenblindheit, starke Blendung bei Helligkeit.

 

 

5

Retinoblastom

Genetische Beratung aufgrund der komplizierten Verhältnisse in allen Fällen

 

 

 

(7 Kap. 13.5.1)

dringend anzuraten. Unterscheidung von sporadischen Fällen und vererbten

 

 

 

 

Fällen sehr wichtig. Falls erblich, autosomal dominanter Erbgang, allerdings mit

 

 

 

 

unvollständiger Penetranz (ca. 80–90%). In beidseitigen Fällen (60% der

 

 

 

 

erblichen Fälle) oder bei multilokulärem, einseitigem Befall und bei familiärem

 

 

 

 

Auftreten praktisch immer erbliche Form. Sporadische einseitige Retinoblastome

 

 

 

 

sind nicht vererbbar (80–90%) oder können vererbbare Neumutationen sein

 

 

 

 

(10–20%). Bei Assoziation eines Retinoblastoms mit Fehlbildungen und geistiger

 

 

 

 

Retardierung ergaben zytogenetische Untersuchungen eine Deletion am

 

 

 

 

Chromosom 13. Mittels Restriktionsendonukleasen ließen sich auch submikrosko-

 

 

 

 

 

403

23

 

23.2 · Übersicht genetisch bedingter Erkrankungen

. Tabelle 23.2 (Fortsetzung)

5Atrophia gyrata

5Vitelliforme MakulaDegeneration (Morbus Best)

5X-chromosomale juvenile Retinoschisis

5Bourneville-Pringle- Syndrom (Astrozytom der Netzhaut)

5Chorioideremie

5Groenblad-Strandberg- Syndrom

5Ehlers-Danlos-Syndrom

5von-Hippel-Lindau- Syndrom (Angiomatosis retinae)

5Morbus Stargardt (juvenile Makuladegeneration, Fundus flavimaculatus)

5Sorsby-Makuladystrophie

pische Deletionen am Chromosom 13 nachweisen. Bei familiärem Auftreten sollte deshalb unbedingt eine molekulargenetische Untersuchung angestrebt werden. Dadurch werden bei Verwandten, z.B. Geschwistern, ophthalmoskopische Kontrollen in Narkose überflüssig. Kann molekulargenetisch keine Aussage gemacht werden, oder muss nach molekulargenetischer Untersuchung mit dem Auftreten eines Retinoblastoms gerechnet werden, sollten ophthalmoskopische Kontrollen bei Kindern, Geschwistern, Neffen und Nichten von Patienten mit Retinoblastom im 1. und 2. Lebensjahr ca. 4-mal, danach 1/2-jährlich bis jährlich vorgenommen werden. Eine pränatale Analyse ist möglich. Die unvollständige Penetranz einerseits und das multilokuläre oder beidseitige Auftreten andererseits werden durch einen 2. Mutationsschritt am homologen Genlokus des anderen Chromosoms 13 in einzelnen Netzhautstellen erklärt, der die durch Keimzellmutation bestehende genetische Belastung demaskiert. Diese 2., somatische Mutation kann unterbleiben, aber auch einmal oder mehrmals im Stadium der Netzhautentwicklung eintreten. Das Retinoblastom ist damit der Modellfall für ein sog. Tumor-Supressor- Gen.

Autosomal rezessiv. Hyperornithinämie durch Enzymdefekt. Diätetische Behandlung verhindert Progression.

Autosomal dominant. Pathologisches Elektrookulogramm (EOG).

Stark unterschiedliche Expressivität, so dass eine Generation scheinbar übersprungen werden kann. Das EOG ist jedoch auch bei Patienten mit subjektiver Beschwerdefreiheit pathologisch. Falls genetische Beratung gewünscht wird, ist ein EOG der Angehörigen sinnvoll.

Rezessives X-gebundenes Gen XLRS1 auf Chromosom 10p22.2 aufgeklärt.

Autosomal dominant, unvollständige Penetranz.

X-chromosomal intermediär. Heterozygote haben rudimentäre Symptome,

z.B. Pigmentverschiebungen ohne Funktionsverlust. Bei »informativen Familien« (7 Retinoblastom) erlaubt eine molekulargenetische Differenzierung der X-Chromosomen pränatal die Vorhersage, ob ein männlicher Fetus erkranken wird oder nicht.

Gefäßähnliche Streifen (Defekte der Bruch-Membran). Meist autosomal rezessiv. Es gibt auch Stammbäume, bei denen mehrere nachfolgende Generationen betroffen sind.

Autosomal dominant. Gefäßähnliche Streifen.

Autosomal dominant. Unvollständige Penetranz, variable Expressivität. Im übrigen gelten ähnliche Vererbungsregeln wie bei Retinoblastom:

Isolierte einseitige Lindau-Tumoren und einzelne einseitige Netzhautangiome sind meist nicht erblich.

Autosomal rezessiv. Das Stargardt-Gen wurde in der 1p13-p21-Region identifiziert. Daneben wurden zahlreiche andere Mutationen gefunden.

Erbliche Makuladystrophie, die der altersbezogenen Makuladegeneration ähnlich sieht. Krankhaftes Gen wurde identifiziert (TIMP3).

 

404

Kapitel 23 · Erbliche Augenkrankheiten

 

 

 

. Tabelle 23.2 (Fortsetzung)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sehnerv (Kap. 15)

 

 

 

 

5 Hereditäre Optikusatrophie

 

 

 

 

Einfache Form:

Autosomal dominant. Vollständige Penetranz, wechselnde Expressivität. Mehrere

23

 

 

 

Varianten. Typischerweise Blau-Gelb-Farbensinnstörung, seltener Rot-Grün.

 

Komplizierte Formen:

Meist rezessiver Erbgang: Häufig in Kombination mit Diabetes insipidus, Diabe-

 

 

 

 

 

 

tes mellitus, Innenohrschwerhörigkeit (DIDMOAD-oder Wolfram-Syndrom), oder

 

 

 

 

mit neurologischen Symptomen (Behr-Optikusatrophie)

 

 

Leber Optikusatrophie:

Mitochondriale Vererbung. Die mitochondriale DNS ist mütterlichen Ursprungs.

 

 

 

 

Der früher vermutete X-chromosomal rezessive Erbgang wird nicht mehr akzep-

 

 

 

 

tiert. Heterozygote Frauen teilweise ebenfalls manifest erkrankt, wobei rassische

 

 

 

 

Unterschiede bestehen. Eine Übertragung der Krankheit von einem befallenen

 

 

 

 

Mann auf seine Nachkommen findet nie statt!

 

 

 

 

 

 

 

Augenmotilität (Kap. 21, Kap. 22)

 

 

 

 

5 Nystagmus

Als Begleitsymptom einer anderen Augenerkrankung (Achromatopsie,

 

 

 

 

Albinismus, Cataracta congenita), entsprechender Erbgang. Ohne sonstige

 

 

 

 

Augenveränderungen heterogen bedingt. Durch Stammbaumerhebung können

 

 

 

 

gelegentlich dominante, autosomal rezessive, X-chromosomal rezessive und

 

 

 

 

X-chromosomal dominante Erbgänge aufgedeckt werden.

 

 

5 Frühkindliches Schielen

Multifaktorielle Vererbung mit Schwelleneffekt zu vermuten.

 

 

 

 

 

 

 

In Kürze

 

 

 

 

Embryonalentwicklung. Durch die Kenntnis der

Fehlbildungen. Harmlose, aber auffällige Fehlbil-

 

 

Embryonalentwicklung können viele Fehlbildungen

dungen sind eine Pupillarmembran und eine Arteria

 

 

des Auges geklärt werden. Kolobome der Iris und der

hyaloidea persistens. Bei schweren Fehlbildungen

 

 

Aderhaut sind durch einen unvollständigen Schluss

des Gesamtauges ist der Bulbus verkleinert (Mikroph-

 

 

der Augenbecherspalte bedingt. Aniridie kann mit

thalmus) oder gar nicht angelegt (Anophthalmus). Sie

 

 

Wilms-Tumor assoziiert sein.

 

sind oft mit anderen Körperfehlbildungen kombiniert.

24

Verletzungen des Auges

24.1

Überblick über die wichtigsten Augenverletzungen – 406

24.2

Untersuchungsstrategie bei Augenverletzungen – 409

24.2.1

Anamnese – 409

 

 

24.2.2

Inspektion und orientierende Untersuchung – 411

24.2.3 Augenfachärztliche Untersuchung – 413

24.3

Verletzungsmechanismen – 413

 

24.3.1

Direkte Augenverletzung

– 413

 

24.3.2

Indirekte Augenverletzung

– 414

 

24.4

Polytrauma mit Augenverletzung

– 414

24.5

Verletzungen mehrerer Augenabschnitte – 414

24.5.1 Penetrierende und perforierende Verletzungen mehrerer

 

Augenabschnitte – 414

 

 

24.5.2 Stumpfes Bulbustrauma (Contusio bulbi)

– 414

406 Kapitel 24 · Verletzungen des Auges

> > Einleitung

Trotz besserer Schutzvorkehrungen am Arbeitsplatz und in vielen anderen Bereichen des täglichen Lebens (z.B. Schutzbrillen, Abschirmungen bei schnell rotierenden Maschinen, spezielle Verschlüsse bei Flaschen mit ätzenden Flüssigkeiten, Sicherheitsgurt und Airbag im Auto) gibt es nach wie vor eine große Zahl

24 schwerer Augenverletzungen, die zur Erblindung führen.

In diesem Kapitel sind die wichtigsten Verletzungen des Auges zusammengefasst. Einzelheiten der Verletzungen isolierter Augenabschnitte sind beim jeweiligen Augenabschnitt beschrieben.

24.1Überblick über die wichtigsten Augenverletzungen

Die wichtigsten Augenverletzungen sind in . Tabelle 24.1 zusammengefasst. Diese Tabelle eignet sich als Repititorium nach Studium des Textes von 24.2–24.5. Die

oberflächlichen Augenverletzungen sind wesentlich häufiger als penetrierende oder perforierende Verletzungen, letztere sind aber wegen der Gefahr der Erblindung besonders wichtig. Man spricht von einer penetrierenden Verletzung, wenn sie den Augapfel, d.h. Sklera oder Hornhaut eröffnet hat (z.B. ein Fremdkörper in den Augapfel eingedrungen und intraokular verblieben ist), und von einer perforierenden Verletzung, wenn ein Fremdkörper den Augapfel durchschlagen hat und die Hinterwand des Augapfels verletzt oder durch sie wieder ausgetreten ist. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil perforierende Verletzungen eine besonders schlechte Prognose haben und immer mittels Vitrektomie versorgt werden müssen. Auch ein auf die Netzhaut aufgeschlagener oder in der hinteren Augapfelwand steckender Fremdkörper hat die ungünstige Prognose der perforierenden Verletzung.

Der Nichtfacharzt muss oberflächliche Bindehautfremdkörper entfernen und insbesondere Situationen erkennen können, in denen der Verlust des Augenlichts droht. Jeder Arzt muss außerdem bei Verätzungen Erste Hilfe leisten können.

. Tabelle 24.1. Die wichtigsten Augenverletzungen

Verletzte

Symptome und Befunde

Weiterführende

Therapie

Einzel-

Region

 

Diagnostik

 

heiten 7

 

 

 

 

 

Lid und

Lidkantenverletzung nasal

Sondierung des

exakte Rekonstruktion

Kap. 4.6

Tränenwege

mit Verletzung des Tränen-

Tränenkanälchens

von Lidkante und

und 5.3.2

 

kanälchens (besonders bei

 

Tränenkanälchen

 

 

Hundebiss-, Schnittoder

 

 

 

 

Rissverletzungen): Tränen-

 

Schienung unter

 

 

träufeln, wenn unzureichend

 

dem Mikroskop

 

 

versorgt

 

 

 

 

Durchtrennung der Lidkante

 

Lidkantennaht

 

 

in derMitte oder temporal:

 

 

 

 

Hämatom

 

 

 

 

 

 

 

 

Bindehaut

Rissoder Schnittwunde:

bei Fremdkörper-

Bindehautfremdkörper:

Kap. 6.3.1

 

Hyposphagma, Fremdkörper-

verletzung zum

Entfernung des Fremd-

und 6.3.2

 

gefühl, Tränenträufeln,

Ausschluss einer

körpers (intraokulare

 

 

Blepharospasmus, bei einge-

Perforation:

Fremdkörper:

 

 

branntem Fremdkörper auch

Ophthalmoskopie

Vitrektomie)

 

 

Kratzer auf der Hornhaut

(nach Mydriasis),

größere Risswunde:

 

 

 

Sonographie, evtl.

Nähen, desinfizierende

 

 

 

Röntgenaufnahmen

Salbe, Augenverband

 

 

 

der Orbita in zwei

kleine Risswunde:

 

 

 

Ebenen, oder bes-

kann manchmal ohne

 

 

 

ser CT

Naht bleiben, wenn

 

 

 

 

gut adaptiert

 

 

 

 

 

 

24.1 · Überblick über die wichtigsten Augenverletzungen

 

407

24

 

 

 

 

 

 

 

 

. Tabelle 24.1 (Fortsetzung)

 

 

 

 

 

Verletzte

Symptome und Befunde

Weiterführende

Therapie

Einzel-

 

Region

 

Diagnostik

 

 

heiten 7

 

 

 

 

 

 

 

Hornhaut

oberflächliche Verletzung:

Tropfanästhesie,

oberflächliche Verletzung:

Kap. 7.5.3

 

(. Abb. 24.1a)

starke Schmerzen,

doppeltes

Tropfanästhesie, evtl.

und 7.5.1

 

 

Blepharospasmus, Tränen-

Ektropionieren

Entfernen eines Fremd-

 

 

 

träufeln; ein oberflächlich

zum Nachweis

körpers, desinfizierende

 

 

 

eingebrannter Metallfremd-

von Fremdkörpern,

Salbe, Augenverband

 

 

 

körper ist von einem Rosthof

Anfärbung der

penetrierende Verletzung:

 

 

 

umgeben

Hornhaut mit

7»Lederhaut«

 

 

 

penetrierende Verletzung:

Fluoreszein,

Verätzung: intensives Spülen

 

 

 

Visusminderung und Horn-

auf Fistulation

mit Wasser (Erste Hilfe)

 

 

 

hauttrübung durch Störung

(Austritt von

oder Pufferlösung (Ringer-

 

 

 

der optischen Eigenschaften

Kammerwasser)

Laktat oder Balanced Salt

 

 

 

der Hornhaut und die bei

achten

Solution = BSS), doppeltes

 

 

 

»Lederhaut« genannten Befunde

 

Ektropionieren zum Ent-

 

 

 

Verätzung: geringgradig: starke

 

fernen von Kalkpartikeln

 

 

 

Schmerzen, rotes Auge,

 

(Laugenververätzung),

 

 

 

hochgradig: geringe Schmerzen,

 

stündliches Spülen mit

 

 

 

Chemosis, Bindehaut weiß,

 

Pufferlösung, Vitamin C

 

 

 

Notfall!

 

lokal und systemisch,

 

 

 

 

 

antibiotische Augentropfen

 

 

 

 

 

alle 2 Stunden, Kortiko-

 

 

 

 

 

steroide lokal (sub-

 

 

 

 

 

konjunktivale Injektion)

 

 

 

 

 

und systemisch, evtl.

 

 

 

 

 

systemisch nichtsteroidale

 

 

 

 

 

Antiphlogistika,

 

 

 

 

 

Pupillenweitstellung

 

 

 

 

 

 

 

 

Lederhaut

penetrierende oder

Ruptur der Sklera:

operative Exploration

Kap. 8.5

 

(. Abb. 24.1b,

perforierende Verletzung,

Bulbus aufgrund

und Versorgung, meist

 

 

24.2, 24.3 und

Ruptur bei stumpfem

der Perforation

mittels Vitrektomie,

 

 

24.5)

Bulbustrauma: Bindehautunter-

weich (verminder-

ggf. Entfernung des

 

 

 

blutung, Glaskörperblutung,

ter Augeninnen-

Metallsplitters

 

 

 

Netzhautblutungen bei weiter

druck), vorsich-

 

 

 

 

 

hinten gelegenen Perforationen

tige Messung des

 

 

 

 

 

 

Augeninnendrucks

 

 

 

 

 

 

oder vorsichtige

 

 

 

 

 

 

Palpation des

 

 

 

 

 

 

Bulbus! Bildgebende

 

 

 

 

 

 

Verfahren zum

 

 

 

 

 

 

Nachweis bzw.

 

 

 

 

 

 

Ausschluss des

 

 

 

 

 

 

Fremdkörpers.

 

 

 

 

 

 

Wenn möglich,

 

 

 

 

 

 

Spiegeln des Augen-

 

 

 

 

 

 

hintergrundes.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

408

Kapitel 24 · Verletzungen des Auges

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

. Tabelle 24.1 (Fortsetzung)

 

 

 

 

 

Verletzte

Symptome und Befunde

Weiterführende

Therapie

Einzel-

 

 

Region

 

Diagnostik

 

heiten 7

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Linse

 

stumpfes Bulbustrauma:

Spaltlampe:

Subluxation, Luxation:

Kap. 9.3.2

 

 

(. Abb. 24.1a)

monokulare Diplopie

Irisschlottern,

Linsenentfernung oft

 

 

 

 

 

(Subluxation), Visusminderung

Linsenschlottern,

nur intrakapsulär möglich,

 

24

 

 

 

 

 

 

 

(Luxation, Kontusionsstar)

(Subluxation,

dann evtl. transsklerale

 

 

 

 

 

Luxation),

Fixation der Kunstlinse

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Linsentrübung,

oder Vorderkammerlinse,

 

 

 

 

 

 

Kontusionsstar

ggf. Versorgung mit Kon-

 

 

 

 

 

 

 

taktlinse, wenn keine intra-

 

 

 

 

 

 

 

okulare Linse möglich ist

 

 

 

 

 

 

 

Kontusionsstar:

 

 

 

 

 

 

 

Kataraktoperation

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Iris und

Vorderkammerblutung,

Spaltlampenunter-

Ruhigstellung von Iris

Kap. 11.5.1

 

 

Ziliarkörper

Einrisse am Pupillarsaum,

suchung, Beurtei-

und Ziliarkörper mit

und 11.5.2

 

 

(. Abb. 24.3,

Irisbasisabriss mit zweiter

lung des Kammer-

Atropin-Augentropfen.

 

 

 

. Abb. 11.9)

»Pupille« (insbesondere bei

winkels mittels

Operative Versorgung des

 

 

 

 

 

Iridodialyse, Irisbasisabriss),

Gonioskopie, Unter-

Irisbasisabrisses.

 

 

 

 

 

rückfallendes Rotlicht, erhöhter

suchung mit dem

Bei erhöhtem Augeninnen-

 

 

 

 

 

Augeninnendruck bei Blutung,

Augenspiegel im

druck medikamentöse

 

 

 

 

 

verminderter Augeninnendruck

regredienten Licht,

Senkung des Augeninnen-

 

 

 

 

 

bei Ziliarkörperkontusion

Messung des Augen-

drucks.

 

 

 

 

 

 

innendrucks

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Netzhaut

Makulaschichtloch: Visus-

Makulaschichtloch,

Makulaschichtloch:

Kap. 13.7.4

 

 

(. Abb. 24.4,

minderung, Metamorphopsien

Ablatio und trau-

Vitrektomie und ggf.

und 13.9

 

 

. Abb. 24.5b)

Ablatio: schmerzlose Wahr-

matische Netzhaut-

Netzhaut»peeling«

 

 

 

 

 

nehmung von Lichtblitzen,

veränderungen:

Amotio: Eindellende

 

 

 

 

 

eines Schwarms »schwarzer

binokulare

Netzhautchirurgie oder

 

 

 

 

 

Mücken« oder »Rußregen«,

Ophthalmoskopie

vitreoretinale Chirurgie

 

 

 

 

 

gefolgt von einer »Mauer von

mit Lupe, Kontakt-

Angiopathia retinae

 

 

 

 

 

unten oder oben« oder einem

glasspiegelung,

traumatica (Purtscher):

 

 

 

 

 

»Vorhang von unten oder oben«

okuläre Kohärenz-

evtl. systemische Kortison-

 

 

 

 

 

Angiopathia retinae traumatica

tomographie (OCT)

therapie, abwarten

 

 

 

 

 

(Purtscher): Netzhautblutungen,

bei Makula-Verände-

 

 

 

 

 

 

weiße Herde in Gefäßnähe

rungen

 

 

 

 

 

 

(. Abb. 24.4)

 

 

 

 

 

 

 

Berlin-Ödem: weißliches Ödem

 

 

 

 

 

 

 

in der Region der Netzhaut-

 

 

 

 

 

 

 

kontusion, evtl. auch im Netz-

 

 

 

 

 

 

 

hautzentrum, dann starke Seh-

 

 

 

 

 

 

 

störung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

24.2 · Untersuchungsstrategie bei Augenverletzungen

 

 

409

24

 

 

 

 

 

 

 

 

 

. Tabelle 24.1 (Fortsetzung)

 

 

 

 

 

Verletzte

Symptome und Befunde

Weiterführende

Therapie

Einzel-

 

Region

 

Diagnostik

 

 

heiten 7

 

 

 

 

 

 

 

Sehnerv

Avulsio n. optici: Abriss des Seh-

Computertomo-

Quetschung: hochdosierte

Kap. 18.8.3

 

(. Abb. 18.10)

nervs an der Papille mit intra-

gramm, ggf.

Steroidtherapie

 

 

 

okularer Blutung, Erblindung

Kernspin-

(1000 mg Prednisolon i.v.)

 

 

 

Direkte Verletzung des

tomogramm

Fraktur des Canalis opticus:

 

 

 

N. opticus durch Pfählung:

 

Entdachungsoperation, falls

 

 

 

meist Erblindung

 

noch Pupillenreaktion

 

 

 

Schleudertrauma durch Sturz

 

nachweisbar

 

 

 

auf die Schläfe: Lichtblitze,

 

 

 

 

 

 

Erblindung; am betroffenen

 

 

 

 

 

 

Auge aufgehobene Pupillen-

 

 

 

 

 

 

reaktion, nach 4–6 Wochen

 

 

 

 

 

 

Optikusatrophie

 

 

 

 

 

 

Quetschung des N. opticus

 

 

 

 

 

 

durch Fraktur des Canalis

 

 

 

 

 

 

opticus: Erblindung; am

 

 

 

 

 

 

betroffenen Auge aufgehobene

 

 

 

 

 

 

Pupillenreaktion, später

 

 

 

 

 

 

Optikusatrophie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Orbitaboden

Blow-out-Fraktur: einge-

Blow-out-Fraktur:

Blow-out-Fraktur:

Kap. 18.8.1

 

(Blow-out-

schränkte Blickhebung,

CT: »hängender

bei starker Dislokation

und 18.8.2

 

Fraktur) und

Sensibilitätsstörung der

Tropfen« = sich in

des Orbitabodens und

 

 

Orbitaver-

Oberlippe

die Kieferhöhle

Motilitätsstörung: operative

 

 

letzung

Orbitaverletzung (meist

vorwölbendes

Revision; bei geringer

 

 

(. Abb. 18.9)

direkte Gewalteinwirkung):

Gewebe und Blut.

Dislokation und geringer

 

 

 

Orbitahämatom

Orbitaverletzung:

Motilitätsstörung:

 

 

 

 

Computertomo-

Revision nicht immer

 

 

 

 

graphie

erforderlich

 

 

 

 

 

andere schwere Orbita-

 

 

 

 

 

verletzungen: kieferchirur-

 

 

 

 

 

gische, HNO-chirurgische

 

 

 

 

 

oder neurochirurgische Ver-

 

 

 

 

 

sorgung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

!Bei Augenverletzungen keine Salbe verabreichen, um die nachfolgende fachärztliche Untersuchung nicht zu erschweren, sondern einen sterilen Augenverband anlegen und den Patienten eiligst zum nächsten Augenarzt, voraussichtlich operativ zu behandelnde Verletzte möglichst in die nächste Augenklinik transportieren lassen.

24.2Untersuchungsstrategie bei Augenverletzungen

24.2.1 Anamnese

Der Anamnese kommt bei Verletzungen eine besondere Bedeutung zu, da die diagnostischen Maßnahmen durch die Schwere der Verletzung oft begrenzt sind und der Unfallhergang Hinweise auf die Art und das Ausmaß der Verletzung gibt:

4Flexund Schleifarbeiten. Hier findet sich häufig ein eingebrannter, metallischer Hornhautfremdkörper.

4Arbeiten mit Hammer und Meißel (Hammer auf anderes Metall oder Hämmern auf Stein). Hier

410 Kapitel 24 · Verletzungen des Auges

24

. Abb. 24.1. Intraokularer Fremdkörper mit kaum sichtbarer Perforation. a Hornhautund Linsenperforation, sichtbar an der Spaltlampe im regredienten Licht. b Metallischer Fremdkörper, der in der Netzhaut steckt

. Abb. 24.3. Traumatischer Irisabriss: a Befund der Verletzung zu Beginn der Operation, b Wiederannähung der Irisbasis mit langer Spezialnadel und Kunststoff-Faden zur Vermeidung einer monokularen Diplopie, c angenähte Irisbasis bei gonioskopischer Untersuchung

 

liegt häufig eine penetrierende oder perforierende

 

Verletzung mit kleinem, metallischem, intraokula-

 

rem Fremdkörper (manchmal unbemerkt) vor.

 

4 Schlag auf den Augapfel durch Faust, Stein,

 

Schneeball, Tennisoder Squashball, Fußball.

 

HäufigbestehteinstumpfesBulbustraumamitintra-

 

okularen Prellungsund Kontusionsverletzungen,

 

im schwersten Fall eine Bulbusruptur.

 

4 Brillenglasoder andere Glasverletzungen (beim

. Abb. 24.2. Perforierende Lidund Bulbusverletzung durch

nicht angeschnallten Autofahrer auch Wind-

schutzscheibe). Häufig liegt eine penetrierende

Bolzen

Schnittverletzung der Hornhaut und Sklera vor,

 

 

manchmal auch an beiden Augen.

411

24

 

24.2 · Untersuchungsstrategie bei Augenverletzungen

. Abb. 24.4. Retinopathia traumatica (Purtscher): Fleckige Netzhautödeme um Papille und Makula, ausgelöst durch Ischämie der Netzhaut infolge Thoraxkompressionstrauma

4Schweißarbeiten, Höhensonne, Gletscher. »Verblitzung« (Keratitis photoelectrica und schwere begleitende Konjunktivitis),

4Kinder. Vorsicht! Häufig bestehen Pfählungsverletzungen, bei denen der Fremdkörper schon entfernt oder innen abgebrochen ist (Bleistift, Nadel, Schere, Messer). Deshalb bei Verdacht Computeroder Kernspintomographie veranlassen, um tiefe Verletzungen der Orbita auszuschließen und zurückgebliebene Fremdkörper zu lokalisieren.

4Hundebissverletzungen. Hierbei finden sich oft Lidverletzungen mit Durchriss des unteren Tränenkanälchens.

4Sturz mit dem Fahrrad. Bei seitlichem Aufschlag auf die Stirn kommt es häufig zu einer Zerrung des N. opticus im Canalis opticus mit sofortiger Erblindung.

4Polytrauma, Verkehrsunfälle. Hier treten schwerste penetrierende Verletzungen, gedeckte Bulbusruptur, Optikusabriss oder Optikusverletzung im Sehnervenkanal auf.

24.2.2Inspektion und orientierende Untersuchung

Anders als bei einer Routineuntersuchung des Augenarztes kann man bei Verletzungen des Auges die üblichen ophthalmologischen Untersuchungsgeräte oft nicht oder nur sehr beschränkt einsetzen. Dies trifft

. Abb. 24.5. Schrotschussverletzung mit perforierender Bulbusverletzung. a Hautund Lidverletzungen, b Netzhautverletzung mit Blutung und hinterer Perforationsstelle, durch Laserkoagulationen abgeriegelt (oben)

insbesondere auf Polytraumatisierte zu, die im Notfallraum, im chirurgischen Operationssaal oder auf der Intensivstation untersucht werden müssen. Der Inspektion kommt deshalb eine große Bedeutung zu, denn es gilt, Verletzungen mit Erblindungsgefahr zu erkennen oder auszuschließen. Hierzu zählen:

4penetrierende oder perforierende Verletzungen,

4gedeckte oder offene Bulbusruptur,

4Optikusschädigung,

4Tränenwegund Lidkantenverletzungen.

Als intensive Lichtquelle benutzt man am besten eine Visitenlampe oder den Lichtkegel des Augenspiegels (. Abb. 2.1), zur Vergrößerung bei Bedarf die Ophthalmoskopierlupe von 20 dpt, die für die indirekte monokulare Ophthalmoskopie ohnehin gebraucht wird. In Augenkliniken gibt es eine tragbare Handspaltlampe.