Добавил:
kiopkiopkiop18@yandex.ru t.me/Prokururor I Вовсе не секретарь, но почту проверяю Опубликованный материал нарушает ваши авторские права? Сообщите нам.
Вуз: Предмет: Файл:
Скачиваний:
0
Добавлен:
28.03.2026
Размер:
21.28 Mб
Скачать

441

23

 

23.2· Übersicht genetisch bedingter Erkrankungen

Tabelle 23.2 (Fortsetzung)

Lider (Kap. 4)

 

 

Epikanthus

Autosomal dominant. Kombination mit Ptosis und Blepharophimose möglich.

Kongenitale Ptosis

Autosomal dominant, auch in Kombination mit Lidspaltenveränderungen wie

 

Epikanthus, Blepharophimose oder Elongation der unteren Tränenröhrchen.

 

Wechselnde Penetranz und Expressivität.

Sturge-Weber-Syndrom

Unregelmäßig autosomal dominante Vererbung, Sekundärglaukom ( Kap. 17).

(enzephalofaziale

 

 

Angiomatose)

 

 

 

 

 

Hornhaut (Kap. 7)

 

 

Hornhautdystrophien

Typischerweise identische Manifestation innerhalb einer Familie.

 

Bröcklige Hornhautdystrophie: autosomal dominant

 

Gittrige Hornhautdystrophie: autosomal dominant

 

Fleckförmige Hornhautdystrophie: autosomal rezessiv

 

Weitere seltene Hornhautdystrophien: autosomal dominant oder autosomal

 

 

rezessiv

Keratokonus

Autosomal rezessiv oder unregelmäßig dominant.

 

Kommt bei Trisomie 21 und zahlreichen anderen genetisch bedingten Augen-

 

krankheiten vor.

Megalokornea

X-chromosomal rezessiv, im Gegensatz zu hoher Myopie und kongenitalem

 

Glaukom keine entsprechende Bulbusverlängerung/-vergrößerung.

Mikrokornea

Autosomal dominant. Normale Bulbuslänge.

Zystinose

Autosomal rezessiv. Zystinspeicherung im Körper mit typischen Hornhaut-

 

einlagerungen.

Morbus Wilson

Autosomal rezessiv. Heterozygotentest. Ablagerung von Kupfer in der Hornhaut

 

(Kupferspeicherkrankheit). Kayser-Fleischer Ring.

 

 

 

Iris (Kap. 11)

Aniridie (Kap. 11)

Kolobome (Iris, siehe auch Lid, Aderhaut, Papille, Kap. 4, 12, 15)

Albinismus

(Kap. 11, Kap. 13)

Okulokutaner Albinismus

Okulärer Albinismus

Albinismus des Fundus

Morbus Recklinghausen (Neurofibromatose)

Autosomal dominant. Wechselnde Expressivität, unvollständige Penetranz. Gehäuftes Auftreten eines Wilms-Tumors (Nierenkarzinom) in den ersten Lebensjahrzehnten. Zytogenetische Untersuchung sinnvoll, da Chromosomendeletion möglich. In diesem Fall Assoziation mit weiteren Manifestationen,

z. B. Hodentumor.

Sporadisch oder autosomal dominant mit inkompletter Penetranz

Autosomal rezessiv. Es muss von genetischer Heterogenie ausgegangen werden, da auch Formen ohne Tyrosinasemangel vorkommen. Deshalb können 2 erkrankte Eltern bei Mutationen an verschiedenen Genorten gesunde Kinder haben.

Teilweise Pleiotropie (z. B. Thrombozytenstörungen).

X-chromosomal. Heterozygote klinisch auffällig: vermehrte Durchleuchtbarkeit der Iris. Veränderungen des retinalen Pigmentepithels.

X-chromosomal

Autosomal dominant

Glaukom (Kap. 17)

 

Angeborenes Glaukom

Autosomal rezessiv. Gelegentlich sog. Pseudodominanz, wenn ein Elternteil

(Hydrophthalmie)

manifest erkrankt ist (homozygot) und der andere Elternteil gesunder Genträger

 

ist. Die Heterozygotenhäufigkeit beträgt ca. 2 %. Zwei Gen-Loci wurden nachge-

 

wiesen: GLC3A auf Region 2p21 und GLC3B auf Region 1p36.

442

Kapitel 23 · Erbliche Augenkrankheiten

 

 

 

 

 

 

 

 

Tabelle 23.2 (Fortsetzung)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Axenfeld-Rieger-Syndrom

Autosomal dominant. Heterogenie. Lokalisationen auf Chromosom 4q25 und

 

 

 

( Abb. 23.5)

13q14. Schwankende Expressivität, so dass manchmal eine Generation über-

 

 

 

 

 

sprungen zu sein scheint. Zunahme der Expressivität relativ häufig. Das Embryo-

23

 

 

 

 

toxon posterius stellt eine Mikroform dar. Sporadische Fälle möglich. Manche

 

 

Peters-Anomalie

Erscheinungsformen ähneln der Peters-Anomalie

 

 

 

Autosomal rezessiv. Anheftung der Iriskrause und gelegentlich der Linse an der

 

 

 

 

 

 

( Abb. 23.6)

Hornhautrückfläche mit Hornhauttrübung.

 

 

 

Juveniles Glaukom

Manifestationsalter in der 2.–4. Lebensdekade. Dominante Vererbung. Ein Gen

 

 

 

 

 

(GLC1A) wurde in der Region 1q21-q31 aufgeklärt. Mutationen im TIGR-Myocilin-

 

 

 

 

 

Gen, welches das steroidinduzierte Glaukom-Protein kontrolliert, wurden ge-

 

 

 

 

 

funden.

 

 

 

Primäres

Es wird selten eine dominante Vererbung mit wechselnder Penetranz gefunden,

 

 

 

Offenwinkelglaukom

der genaue genetische Hintergrund des primären Offenwinkelglaukoms ist aber

 

 

 

 

 

noch unklar. In einem Teil der Fälle wurden das GLC1A-Gen (juveniles Glaukom),

 

 

 

 

 

das GLC1C-Gen (3q21-24 Region), das GLC1B-Gen (2q13) oder Veränderungen

 

 

 

 

 

der Region 2p11-2q13 nachgewiesen. Auch eine multifaktorielle Vererbung mit

 

 

 

 

 

Schwelleneffekt wird diskutiert.

 

 

 

 

 

 

 

 

Linse (Kap. 9)

 

 

 

 

Angeborene Katarakt

Meist dominanter Erbgang. Verschiedene Trübungsformen möglich. Nur geringe

 

 

 

 

 

Schwankungen der Expressivität intrafamiliär. Auch X-chromosomaler Erbgang

 

 

 

 

 

möglich. Beachte die Möglichkeit der Phänokopie, z. B. bei Rötelnembryopathie.

 

 

 

 

 

Auch als Begleitsymptom anderer hereditärer Syndrome möglich.

 

 

 

Galaktosämie

Autosomal rezessiv, Neugeborenenscreening (Urin, Blut), Heterozygotentest!

 

 

 

 

 

Katarakt unter Therapie evtl. reversibel.

 

 

 

Alterskatarakt

Es besteht ein Erblichkeitsfaktor, wie durch Zwillingsuntersuchungen bewiesen

 

 

 

 

 

werden konnte. Sehr wahrscheinlich zeigt dieser Erblichkeitsfaktor einen

 

 

 

 

 

dominanten Erbgang.

 

 

 

Homozystinurie

Autosomal rezessiv. Linsensubluxation nach nasal unten.

 

 

 

Marfan-Syndrom

Meist autosomal dominant. Linsensubluxation nach nasal oben.

 

 

 

Weill-Marchesani-Syndrom

Meist autosomal dominant. Kugellinse. Nach neueren Anschauungen Kleinwuchs

 

 

 

 

 

und Kurzfingrigkeit als Zeichen der Heterozygotie, schwere Verlaufsformen mit

 

 

 

 

 

Sekundärglaukom als Zeichen der Homozygotie.

 

 

 

 

 

 

 

Netzhaut/Aderhaut (Kap. 12 und 13)

 

 

 

Retinopathia pigmentosa

Autosomal dominant, autosomal rezessiv oder X-chromosomal rezessiv. Es

 

 

 

 

 

besteht eine erhebliche Variabilität der klinischen Manifestationen, z. B. der

 

 

 

 

 

Pigmentverschiebungen (Knochenkörperchen). Hierfür sind nicht allein die

 

 

 

 

 

verschiedenen Erbgänge – eine Zuordnung aufgrund der Klinik ist nur mit

 

 

 

 

 

Vorbehalt möglich –, sondern auch die genetische Heterogenie innerhalb eines

 

 

 

 

 

formalen Erbgangs verantwortlich.

 

 

 

Sporadische Fälle:

Zuweilen stellt sich später ein rezessiver oder seltener ein dominanter Erbgang

 

 

 

 

 

heraus.

 

 

 

Autosomal dominante

Meist relativ milder Verlauf. Im Regelfall nur bei Erkrankung dreier aufeinander-

 

 

 

 

Retinpathia pigmentosa:

folgender Generationen bewiesen. Durch molekulargenetische Untersuchun-

 

 

 

 

 

gen ließen sich verschiedene Punktmutationen sowie Deletionen von DNA-Basen

 

 

 

 

 

im Rhodopsin-Gen nachweisen, also allelische genetische Heterogenie. Der Lokus

 

 

 

 

 

des Rhodopsin-Gens befindet sich auf dem langen Arm des Chromosoms 3.

 

 

 

 

 

Dadurch haben sich Möglichkeiten zur Untersuchung der Genotyp-Phänotyp-

 

 

 

 

 

Korrelation ergeben.

 

 

 

Autosomal rezessive

Heterozygotenfrequenz ca. 1 : 42. Pseudodominanz möglich.

 

 

 

 

Retinopathia pigmentosa:

 

 

 

 

 

 

 

443

23

 

23.2· Übersicht genetisch bedingter Erkrankungen

Tabelle 23.2 (Fortsetzung)

– X-chromosomal rezessive

Konduktorinnen zeigen manchmal Mikrosymptome, die jedoch sehr variabel

Retinopathia pigmentosa:

sind (im Unterschied zur Chorioideremie). Ein sog. tapetoider Reflex ist möglich:

 

Metallischer Netzhautglanz um die Makula herum und temporal der Makula, der

 

sich mit zunehmendem Alter etwas in die Peripherie ausdehnt. Bei der X-chromo-

 

somal rezessiv vererbten Retinopathia pigmentosa kommt Heterogenie vor,

 

mehrere Genorte konnten bereits identifiziert werden. Molekulargenetische

 

Diagnostik (auch pränatal) möglich.

Retinitis punctata

Autosomal rezessiv. Elektrophysiologie und Funktionsstörungen wie bei Retinopa-

albescens (Kap. 13.8.3)

thia pigmentosa. Typisches Fundusbild mit feinen weißen Punkten in der Netzhaut.

Usher-Syndrom (Kap. 13.8.3)

Retinopathia pigmentosa und Innenohrschwerhörigkeit. Autosomal rezessiv.

Kongenitale Amaurose

Tapetoretinale Degeneration; autosomal rezessiv, selten jedoch auch autosomal

(Leber)

dominant.

Zapfendystrophie

Meist autosomal dominant. Farbenblindheit, starke Blendung bei Helligkeit.

Retinoblastom

Genetische Beratung aufgrund der komplizierten Verhältnisse in allen Fällen

( Kap. 13.5.1)

dringend anzuraten. Unterscheidung von sporadischen Fällen und vererbten

 

Fällen sehr wichtig. Falls erblich, autosomal dominanter Erbgang, allerdings mit

 

unvollständiger Penetranz (ca. 80 – 90 %). In beidseitigen Fällen (60 % der

 

erblichen Fälle) oder bei multilokulärem, einseitigem Befall und bei familiärem

 

Auftreten praktisch immer erbliche Form. Sporadische einseitige Retinoblastome

 

sind nicht vererbbar (80 – 90 %) oder können vererbbare Neumutationen sein

 

(10 – 20 %). Bei Assoziation eines Retinoblastoms mit Fehlbildungen und geistiger

 

Retardierung ergaben zytogenetische Untersuchungen eine Deletion am

 

Chromosom 13. Mittels Restriktionsendonukleasen ließen sich auch submikrosko-

 

pische Deletionen am Chromosom 13 nachweisen. Bei familiärem Auftreten sollte

 

deshalb unbedingt eine molekulargenetische Untersuchung angestrebt werden.

 

Dadurch werden bei Verwandten, z. B. Geschwistern, ophthalmoskopische Kon-

 

trollen in Narkose überflüssig. Kann molekulargenetisch keine Aussage gemacht

 

werden, oder muss nach molekulargenetischer Untersuchung mit dem Auftreten

 

eines Retinoblastoms gerechnet werden, sollten ophthalmoskopische Kontrollen

 

bei Kindern, Geschwistern, Neffen und Nichten von Patienten mit Retinoblastom

 

im 1. und 2. Lebensjahr ca. 4-mal, danach 1/2-jährlich bis jährlich vorgenommen

 

werden. Eine pränatale Analyse ist möglich. Die unvollständige Penetranz einer-

 

seits und das multilokuläre oder beidseitige Auftreten andererseits werden durch

 

einen 2. Mutationsschritt am homologen Genlokus des anderen Chromosoms 13

 

in einzelnen Netzhautstellen erklärt, der die durch Keimzellmutation bestehende

 

genetische Belastung demaskiert. Diese 2., somatische Mutation kann unterblei-

 

ben, aber auch einmal oder mehrmals im Stadium der Netzhautentwicklung ein-

 

treten. Das Retinoblastom ist damit der Modellfall für ein sog. Tumor-Supressor-

 

Gen.

Atrophia gyrata

Autosomal rezessiv. Hyperornithinämie durch Enzymdefekt. Diätetische

 

Behandlung verhindert Progression.

Vitelliforme Makula-

Autosomal dominant. Pathologisches Elektrookulogramm (EOG).

Degeneration (Morbus Best)

Stark unterschiedliche Expressivität, so dass eine Generation scheinbar über-

 

sprungen werden kann. Das EOG ist jedoch auch bei Patienten mit subjektiver

 

Beschwerdefreiheit pathologisch. Falls genetische Beratung gewünscht wird, ist

 

ein EOG der Angehörigen sinnvoll.

X-chromosomale

Rezessives X-gebundenes Gen XLRS1 auf Chromosom 10p22.2 aufgeklärt.

juvenile Retinoschisis

 

Bourneville-Pringle-

Autosomal dominant, unvollständige Penetranz.

Syndrom (Astrozytom

 

der Netzhaut)

 

 

 

444

Kapitel 23 · Erbliche Augenkrankheiten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Tabelle 23.2 (Fortsetzung)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Chorioideremie

X-chromosomal intermediär. Heterozygote haben rudimentäre Symptome,

 

 

 

 

 

z. B. Pigmentverschiebungen ohne Funktionsverlust. Bei »informativen Familien«

 

 

 

 

 

( Retinoblastom) erlaubt eine molekulargenetische Differenzierung der

23

 

 

 

 

X-Chromosomen pränatal die Vorhersage, ob ein männlicher Fetus erkranken

 

 

 

 

wird oder nicht.

 

 

 

Groenblad-Strandberg-

Gefäßähnliche Streifen (Defekte der Bruch-Membran). Meist autosomal rezessiv.

 

 

 

 

 

 

Syndrom

Es gibt auch Stammbäume, bei denen mehrere nachfolgende Generationen

 

 

 

 

 

betroffen sind.

 

 

 

Ehlers-Danlos-Syndrom

Autosomal dominant. Gefäßähnliche Streifen.

 

 

 

von-Hippel-Lindau-

Autosomal dominant. Unvollständige Penetranz, variable Expressivität.

 

 

 

Syndrom (Angiomatosis

Im übrigen gelten ähnliche Vererbungsregeln wie bei Retinoblastom:

 

 

 

retinae)

Isolierte einseitige Lindau-Tumoren und einzelne einseitige Netzhautangiome

 

 

 

 

 

sind meist nicht erblich.

 

 

 

Morbus Stargardt (juvenile

Autosomal rezessiv. Das Stargardt-Gen wurde in der 1p13-p21-Region

 

 

 

Makuladegeneration,

identifiziert. Daneben wurden zahlreiche andere Mutationen

 

 

 

Fundus flavimaculatus)

gefunden.

 

 

 

Sorsby-Makuladystrophie

Erbliche Makuladystrophie, die der altersbezogenen Makuladegene-

 

 

 

 

 

ration ähnlich sieht. Krankhaftes Gen wurde identifiziert (TIMP3).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sehnerv (Kap. 15)

 

 

 

 

 

Hereditäre Optikusatrophie

 

 

 

 

 

Einfache Form:

Autosomal dominant. Vollständige Penetranz, wechselnde Expressivität. Mehrere

 

 

 

 

 

Varianten. Typischerweise Blau-Gelb-Farbensinnstörung, seltener Rot-Grün.

 

 

 

Komplizierte Formen:

Meist rezessiver Erbgang: Häufig in Kombination mit Diabetes insipidus, Diabe-

 

 

 

 

 

tes mellitus, Innenohrschwerhörigkeit (DIDMOADoder Wolfram-Syndrom), oder

 

 

 

 

 

mit neurologischen Symptomen (Behr-Optikusatrophie)

 

 

 

Leber Optikusatrophie:

Mitochondriale Vererbung. Die mitochondriale DNS ist mütterlichen Ursprungs.

 

 

 

 

 

Der früher vermutete X-chromosomal rezessive Erbgang wird nicht mehr akzep-

 

 

 

 

 

tiert. Heterozygote Frauen teilweise ebenfalls manifest erkrankt, wobei rassische

 

 

 

 

 

Unterschiede bestehen. Eine Übertragung der Krankheit von einem befallenen

 

 

 

 

 

Mann auf seine Nachkommen findet nie statt!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Augenmotilität (Kap. 21, Kap. 22)

 

 

 

 

 

Nystagmus

Als Begleitsymptom einer anderen Augenerkrankung (Achromatopsie,

 

 

 

 

 

Albinismus, Cataracta congenita), entsprechender Erbgang. Ohne sonstige

 

 

 

 

 

Augenveränderungen heterogen bedingt. Durch Stammbaumerhebung können

 

 

 

 

 

gelegentlich dominante, autosomal rezessive, X-chromosomal rezessive und

 

 

 

 

 

X-chromosomal dominante Erbgänge aufgedeckt werden.

 

 

 

Frühkindliches Schielen

Multifaktorielle Vererbung mit Schwelleneffekt zu vermuten.

 

 

 

 

 

 

 

24

Verletzungen des Auges

24.1

Überblick über die wichtigsten Augenverletzungen – 446

24.2

Untersuchungsstrategie bei Augenverletzungen – 451

24.2.1

Anamnese – 451

 

24.2.2

Inspektion und orientierende Untersuchung – 452

24.2.3

Augenfachärztliche Untersuchung – 453

24.3

Verletzungsmechanismen – 453

24.3.1

Direkte Augenverletzung

– 453

24.3.2

Indirekte Augenverletzung

– 454

24.4

Polytrauma mit Augenverletzung – 454

24.5

Verletzungen mehrerer Augenabschnitte – 455

24.5.1Penetrierende und perforierende Verletzungen mehrerer

 

Augenabschnitte – 455

24.5.2

Stumpfes Bulbustrauma (Contusio bulbi) – 455

446 Kapitel 24 · Verletzungen des Auges

> > Einleitung

Trotz besserer Schutzvorkehrungen am Arbeitsplatz und in vielen anderen Bereichen des täglichen Lebens (z. B. Schutzbrillen, Abschirmungen bei schnell rotierenden Maschinen, spezielle Verschlüsse bei Flaschen mit ätzenden Flüssigkeiten,

24 Sicherheitsgurt und Airbag im Auto) gibt es nach wie vor eine große Zahl schwerer Augenverletzungen, die zur Erblindung führen.

In diesem Kapitel sind die wichtigsten Verletzungen des Auges zusammengefasst. Einzelheiten der Verletzungen isolierter Augenabschnitte sind beim jeweiligen Augenabschnitt beschrieben.

24.1Überblick über die wichtigsten Augenverletzungen

Die wichtigsten Augenverletzungen sind in Tabelle 24.1 zusammengefasst. Diese Tabelle eignet sich als Repititorium nach Studium des Textes von

24.2–24.5. Die oberflächlichen Augenverletzungen sind wesentlich häufiger als penetrierende oder perforierende Verletzungen, letztere sind aber wegen der Gefahr der Erblindung besonders wichtig. Man spricht von einer penetrierenden Verletzung, wenn sie denAugapfel,d.h.Sklera oder Hornhaut eröffnet hat (z.B. ein Fremdkörper in den Augapfel eingedrungen und intraokular verblieben ist), und von einer perforierenden Verletzung, wenn ein Fremdkörper den Augapfel durchschlagen hat und durch die Hinterwand des Augapfels wieder ausgetreten ist. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil perforierende Verletzungen eine besonders schlechte Prognose haben und immer mittels Vitrektomie versorgt werden müssen. Auch ein auf die Netzhaut aufgeschlagener oder in der hinterenAugapfelwand steckender Fremdkörper hat die ungünstige Prognose der perforierenden Verletzung.

Der Nichtfacharzt muss oberflächliche Bindehautfremdkörper entfernen und insbesondere Situationen erkennen können,in denen der Verlust des Augenlichts droht. Jeder Arzt muss außerdem bei Verätzungen Erste Hilfe leisten können.

Tabelle 24.1. Die wichtigsten Augenverletzungen

Verletzte

Symptome und Befunde

Weiterführende

Therapie

Einzel-

Region

 

Diagnostik

 

heiten

 

 

 

 

 

Lid und

Lidkantenverletzung nasal

Sondierung des

exakte Rekonstruktion

Kap. 4.6

Tränenwege

mit Verletzung des Tränen-

Tränenkanälchens

von Lidkante und

und

 

kanälchens (besonders bei

 

Tränenkanälchen

5.3.2

 

Hundebiss-, Schnittoder

 

 

 

 

Rissverletzungen): Tränen-

 

Schienung unter

 

 

träufeln, wenn unzureichend

 

dem Mikroskop

 

 

versorgt

 

 

 

 

Durchtrennung der Lidkante

 

Lidkantennaht

 

 

in derMitte oder temporal:

 

 

 

 

Hämatom

 

 

 

 

 

 

 

 

Bindehaut

Rissoder Schnittwunde:

bei Fremdkörper-

Bindehautfremdkörper:

Kap.

 

Hyposphagma, Fremdkörper-

verletzung zum

Entfernung des Fremd-

6.3.1

 

gefühl, Tränenträufeln,

Ausschluss einer

körpers (intraokulare

und

 

Blepharospasmus, bei einge-

Perforation:

Fremdkörper:

6.3.2

 

branntem Fremdkörper auch

Ophthalmoskopie

Vitrektomie)

 

 

Kratzer auf der Hornhaut

(nach Mydriasis),

größere Risswunde:

 

 

 

Sonographie, evtl.

Nähen, desinfizierende

 

 

 

Röntgenaufnahmen

Salbe, Augenverband

 

 

 

der Orbita in zwei

kleine Risswunde:

 

 

 

Ebenen, oder bes-

kann manchmal ohne

 

 

 

ser CT

Naht bleiben, wenn

 

 

 

 

gut adaptiert

 

 

 

 

 

 

447

24

 

24.1· Überblick über die wichtigsten Augenverletzungen

Tabelle 24.1 (Fortsetzung)

Verletzte

Symptome und Befunde

Weiterführende

Therapie

Einzel-

Region

 

Diagnostik

 

heiten

 

 

 

 

 

Hornhaut

oberflächliche Verletzung:

Tropfanästhesie,

oberflächliche Verletzung:

Kap.

( Abb.

starke Schmerzen,

doppeltes

Tropfanästhesie, evtl.

7.5.3

24.1a)

Blepharospasmus, Tränen-

Ektropionieren

Entfernen eines Fremd-

und

 

träufeln; ein oberflächlich

zum Nachweis

körpers, desinfizierende

7.5.1

 

eingebrannter Metallfremd-

von Fremdkörpern,

Salbe, Augenverband

 

 

körper ist von einem Rosthof

Anfärbung der

penetrierende Verletzung:

 

 

umgeben

Hornhaut mit

»Lederhaut«

 

 

penetrierende Verletzung:

Fluoreszein,

Verätzung: intensives Spülen

 

 

Visusminderung und Horn-

auf Fistulation

mit Wasser (Erste Hilfe)

 

 

hauttrübung durch Störung

(Austritt von

oder Pufferlösung (Ringer-

 

 

der optischen Eigenschaften

Kammerwasser)

Laktat oder Balanced Salt

 

 

der Hornhaut und die bei

achten

Solution = BSS), doppeltes

 

 

»Lederhaut« genannten Befunde

 

Ektropionieren zum Ent-

 

 

Verätzung: geringgradig: starke

 

fernen von Kalkpartikeln

 

 

Schmerzen, rotes Auge,

 

(Laugenververätzung),

 

 

hochgradig: geringe Schmerzen,

 

stündliches Spülen mit

 

 

Chemosis, Bindehaut weiß,

 

Pufferlösung, Vitamin C

 

 

Notfall!

 

lokal und systemisch,

 

 

 

 

antibiotische Augentropfen

 

 

 

 

alle 2 Stunden, Kortiko-

 

 

 

 

steroide lokal (sub-

 

 

 

 

konjunktivale Injektion)

 

 

 

 

und systemisch, evtl.

 

 

 

 

systemisch nichtsteroidale

 

 

 

 

Antiphlogistika,

 

 

 

 

Pupillenweitstellung

 

 

 

 

 

 

Lederhaut

penetrierende oder

Ruptur der Sklera:

operative Exploration

Kap. 8.5

( Abb. 24.1b,

perforierende Verletzung,

Bulbus aufgrund

und Versorgung, meist

 

24.2, 24.3 und

Ruptur bei stumpfem

der Perforation

mittels Vitrektomie,

 

24.5)

Bulbustrauma: Bindehautunter-

weich (verminder-

ggf. Entfernung des

 

 

blutung, Glaskörperblutung,

ter Augeninnen-

Metallsplitters

 

 

Netzhautblutungen bei weiter

druck), vorsich-

 

 

 

hinten gelegenen Perforationen

tige Messung des

 

 

 

 

Augeninnendrucks

 

 

 

 

oder vorsichtige

 

 

 

 

Palpation des

 

 

 

 

Bulbus! Bildgebende

 

 

 

 

Verfahren zum

 

 

 

 

Nachweis bzw.

 

 

 

 

Ausschluss des

 

 

 

 

Fremdkörpers.

 

 

 

 

Wenn möglich,

 

 

 

 

Spiegeln des Augen-

 

 

 

 

hintergrundes.

 

 

 

 

 

 

 

448

Kapitel 24 · Verletzungen des Auges

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Tabelle 24.1

(Fortsetzung)

 

 

 

 

 

 

Verletzte

Symptome und Befunde

Weiterführende

Therapie

Einzel-

 

 

 

Region

 

Diagnostik

 

heiten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Linse

stumpfes Bulbustrauma:

Spaltlampe:

Subluxation, Luxation:

Kap.

 

 

 

( Abb. 24.1 a)

monokulare Diplopie

Irisschlottern,

Linsenentfernung oft

9.3.2

 

 

 

 

(Subluxation), Visusminderung

Linsenschlottern,

nur intrakapsulär möglich,

 

24

 

 

 

(Luxation, Kontusionsstar)

(Subluxation,

dann evtl. transsklerale

 

 

 

 

 

Luxation),

Fixation der Kunstlinse

 

 

 

 

 

 

Linsentrübung,

oder Vorderkammerlinse,

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kontusionsstar

ggf. Versorgung mit Kon-

 

 

 

 

 

 

 

taktlinse, wenn keine intra-

 

 

 

 

 

 

 

okulare Linse möglich ist

 

 

 

 

 

 

 

Kontusionsstar:

 

 

 

 

 

 

 

Kataraktoperation

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Iris und

Vorderkammerblutung,

Spaltlampenunter-

Ruhigstellung von Iris

Kap.

 

 

 

Ziliarkörper

Einrisse am Pupillarsaum,

suchung, Beurtei-

und Ziliarkörper mit

11.5.1

 

 

 

( Abb. 24.3,

Irisbasisabriss mit zweiter

lung des Kammer-

Atropin-Augentropfen.

und

 

 

 

Abb. 7.11)

»Pupille« (insbesondere bei

winkels mittels

Operative Versorgung des

11.5.2

 

 

 

 

Iridodialyse, Irisbasisabriss),

Gonioskopie, Unter-

Irisbasisabrisses.

 

 

 

 

 

rückfallendes Rotlicht, erhöhter

suchung mit dem

Bei erhöhtem Augeninnen-

 

 

 

 

 

Augeninnendruck bei Blutung,

Augenspiegel im

druck medikamentöse

 

 

 

 

 

verminderter Augeninnendruck

regredienten Licht,

Senkung des Augeninnen-

 

 

 

 

 

bei Ziliarkörperkontusion

Messung des Augen-

drucks.

 

 

 

 

 

 

innendrucks

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Netzhaut

Makulaschichtloch: Visus-

Makulaschichtloch,

Makulaschichtloch:

Kap.

 

 

 

( Abb. 24.4,

minderung, Metamorphopsien

Ablatio und trau-

Vitrektomie und ggf.

13.7.4

 

 

 

Abb. 24.5 b)

Ablatio: schmerzlose Wahr-

matische Netzhaut-

Netzhaut»peeling«

und

 

 

 

 

nehmung von Lichtblitzen,

veränderungen:

Amotio: Eindellende

13.9

 

 

 

 

eines Schwarms »schwarzer

binokulare

Netzhautchirurgie oder

 

 

 

 

 

Mücken« oder »Rußregen«,

Ophthalmoskopie

vitreoretinale Chirurgie

 

 

 

 

 

gefolgt von einer »Mauer von

mit Lupe, Kontakt-

Angiopathia retinae

 

 

 

 

 

unten oder oben« oder einem

glasspiegelung,

traumatica (Purtscher):

 

 

 

 

 

»Vorhang von unten oder oben«

okuläre Kohärenz-

evtl. systemische Kortison-

 

 

 

 

 

Angiopathia retinae traumatica

tomographie (OCT)

therapie, abwarten

 

 

 

 

 

(Purtscher): Netzhautblutungen,

bei Makula-Verände-

 

 

 

 

 

 

weiße Herde in Gefäßnähe

rungen

 

 

 

 

 

 

( Abb. 24.4)

 

 

 

Berlin-Ödem: weißliches Ödem in der Region der Netzhautkontusion, evtl. auch im Netzhautzentrum, dann starke Sehstörung

449

24

 

24.1· Überblick über die wichtigsten Augenverletzungen

Tabelle 24.1 (Fortsetzung)

Verletzte

Symptome und Befunde

Weiterführende

Therapie

Einzel-

Region

 

Diagnostik

 

heiten

 

 

 

 

 

Sehnerv

Avulsio n. optici: Abriss des Seh-

Computertomo-

Quetschung: hochdosierte

Kap.

( Abb. 18.10)

nervs an der Papille mit intra-

gramm, ggf.

Steroidtherapie

18.8.3

 

okularer Blutung, Erblindung

Kernspin-

(1000 mg Prednisolon i. v.)

 

 

Direkte Verletzung des

tomogramm

Fraktur des Canalis opticus:

 

 

N. opticus durch Pfählung:

 

Entdachungsoperation, falls

 

 

meist Erblindung

 

noch Pupillenreaktion

 

 

Schleudertrauma durch Sturz

 

nachweisbar

 

 

auf die Schläfe: Lichtblitze,

 

 

 

 

Erblindung; am betroffenen

 

 

 

 

Auge aufgehobene Pupillen-

 

 

 

 

reaktion, nach 4 – 6 Wochen

 

 

 

 

Optikusatrophie

 

 

 

 

Quetschung des N. opticus

 

 

 

 

durch Fraktur des Canalis

 

 

 

 

opticus: Erblindung; am

 

 

 

 

betroffenen Auge aufgehobene

 

 

 

 

Pupillenreaktion, später

 

 

 

 

Optikusatrophie

 

 

 

 

 

 

 

 

Orbitaboden

Blow-out-Fraktur: einge-

Blow-out-Fraktur:

Blow-out-Fraktur:

Kap.

(Blow-out-

schränkte Blickhebung,

CT: »hängender

bei starker Dislokation

18.8.1

Fraktur) und

Sensibilitätsstörung der

Tropfen« = sich in

des Orbitabodens und

und

Orbitaver-

Oberlippe

die Kieferhöhle

Motilitätsstörung: operative

18.8.2

letzung

Orbitaverletzung (meist

vorwölbendes

Revision; bei geringer

 

( Abb. 18.9)

direkte Gewalteinwirkung):

Gewebe und Blut.

Dislokation und geringer

 

 

Orbitahämatom

Orbitaverletzung:

Motilitätsstörung:

 

 

 

Computertomo-

Revision nicht immer

 

 

 

graphie

erforderlich

 

 

 

 

andere schwere Orbitaver-

 

 

 

 

letzungen: kieferchirurgische,

 

 

 

 

HNO-chirurgische oder

 

 

 

 

neurochirurgische Versorgung

 

 

 

 

 

 

!Bei Augenverletzungen keine Salbe verabreichen, um die nachfolgende fachärztliche Untersuchung nicht zu erschweren, sondern einen sterilen Augenverband anlegen und den Patienten eiligst zum nächsten Augenarzt, voraussichtlich operativ zu behandelnde Verletzte möglichst in die nächste Augenklinik transportieren lassen.

450 Kapitel 24 · Verletzungen des Auges

24

a

b

Abb. 24.1. Intraokularer Fremdkörper mit kaum sichtbarer Perforation. a Hornhautund Linsenperforation, sichtbar an der Spaltlampe im regredienten Licht. b Metallischer Fremdkörper, der in der Netzhaut steckt

a

b

c

Abb. 24.3. Traumatischer Irisabriss: a Befund der Verletzung zu Beginn der Operation, b Wiederannähung der Irisbasis mit langer Spezialnadel und Kunststoff-Faden zur Vermeidung einer monokularen Diplopie, c angenähte Irisbasis bei gonioskopischer Untersuchung

Abb. 24.2. Perforierende Lidund Bulbusverletzung durch Bolzen