17.4 · Sekundäre Glaukome
verstopfen das Trabekelwerk. Die trübe Linse muss umgehend entfernt werden.
Entzündliches Glaukom. Entzündungen können ein Ödem der Trabekelzellen bewirken(Her- pes-simplex-Trabekulitis, glaukomatozyklitische Krise) oder die Maschen des Trabekelwerks durch Entzündungsproteine verstopfen.
Verletzungsbedingtes Glaukom (traumatisches Glaukom).Bei einerVerletzung des Augapfels kann eine Blutung in die Vorderkammer die Abflusswege des Kammerwassers verlegen oder der Glaskörper sich in die Pupille einklemmen. Nach einer schweren Augapfelprellung (Kontusion) entstehen Risse im Trabekelwerk. Die Narben führen zum Anstieg des Augeninnendrucks. Verätzungen (insbesondere durch Laugen) veröden den Schlemm-Kanal.
Sekundärglaukome bei angeborenen Missbildungen des Auges ( Kap. 23). Ein Beispiel ist das Sturge-Weber-Syndrom: Bei Naevus flammeus des Gesichtes und Hämangiomen der Episklera und der Aderhaut entwickelt sich oft schon im Kindesalter ein ipsilaterales Sekundärglaukom. Daher muss man bei betroffenen Kindern regelmäßig den Augeninnendruck kontrollieren.
Therapie
Allgemeine Therapie-Grundsätze. ImVordergrund steht die Therapie des zugrunde liegenden Pathomechanismus. Außerdem muss der Augeninnendruck gesenkt werden, um das Fortschreiten der Sehnervenschädigung zu verhindern.
Bei Neovaskularisationsglaukom wird zuerst die retinale Ischämie behandelt, und zwar mittels panretinaler Laserkoagulation ( Kap. 13 und Kap. 27).Dann wird zur Senkung desAugeninnendrucks ggf. eine Verödung des Ziliarepithels mittels Zyklokryotherapie oder Zyklophotokoagulation durchgeführt.
Bei Pigmentdispersionsglaukom vermindern Engstellung der Pupille und eine Iridektomie die Retrokurvatur der Iris und können den Pigmentabrieb verringern. Außerdem senkt man den Augeninnendruck medikamentös wie beim primären Offenwinkelglaukom.
Das Pseudoexfoliationsglaukom und das traumatische Glaukom werden wie das primäre Offenwinkelglaukom therapiert.
Beim Kortisonglaukom Kortikosteroid-Augen- tropfen sofort absetzen! Zunächst kann man abwarten, denn der Druck normalisiert sich anfangs noch spontan. Ist dies nicht der Fall, wird wie beim primären Offenwinkelglaukom behandelt.
Beim phakolytischen Glaukom ist eine Kataraktoperation erforderlich.
Bei entzündlichen Glaukomen wird die Ursache behandelt (bei Herpesinfektion Zovirax® lokal und systemisch). Zusätzlich wird symptomatisch der Augeninnendruck gesenkt,meist durch systemische Gabe von Karboanhydrasehemmern.
Operative Therapie. Operationen haben bei sekundären Glaukomen eine schlechtere Prognose als bei primärem Offenwinkelglaukom.
Bei Neovaskularisationsglaukom und therapierefraktären Glaukomen anderer Ursache wird eine panretinale Laserkoagulation bzw.eine Zyklokryotherapie oder eine Zyklophotokoagulation durchgeführt.
Bei den anderen, nicht-neovaskulären Sekundärglaukomen versucht man zunächst eine Trabekulektomie und hemmt die Vernarbungsprozesse durch Antimetaboliten (Mitomycin C, 5-Flu- orouracil). In sehr schwierigen Fällen wird ein Abfluss-System auf der Sklera unter die Bindehaut fixiert, das mit einem Silikonschlauch in die Vorderkammer verbunden ist.Das Kammerwasser wird dabei durch den Silikonschlauch unter die Bindehaut zu einer Kunststoffplatte abgeleitet, die eine Resorptionsfläche für Kammerwasser freihält.
In Kürze
Offenwinkelglaukom. Die häufigste Glaukomform, das primäre Offenwinkelglaukom, ist meist beidseitig.
Das primäre Offenwinkelglaukom ist besonders gefährlich, weil der Patient es jahrelang nicht bemerkt, während der Sehnerv allmählich geschädigt wird. Bleibt der Augeninnendruck erhöht, so kommt es zur Atrophie des Sehnervs mit glaukomatöser Exkavation der Papille und Gesichtsfeldeinschränkung bis zur Erblindung.
Eine Papillenschädigung und Gesichtsfeldeinschränkung lassen sich verhindern, wenn
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350 Kapitel 17 · Glaukom
der Augenarzt bei jedem seiner Patienten die Papille spiegelt und den Augeninnendruck misst, im Verdachtsfall auch eine computergesteuerte Perimetrie ausführt. Dies ist besonders wichtig bei Angehörigen von Glaukomkranken.
Winkelblockglaukom. Das primäre Winkelblockglaukom kommt bei flacher Vorderkammer (Hypermetropie) und großer Linse vor.
Bei akutem Winkelblockglaukom (»Glaukomanfall«) hat der Patient Schmerzen und bemerkt eine Sehstörung, die durch ein Hornhautödem verursacht wird. Der Augapfel ist hart. Der Glaukomanfall ist ein Notfall und muss sofort behandelt werden.
Kongenitales Glaukom. Das kongenitale Glaukom muss frühzeitig diagnostiziert werden, denn das Kind kann erblinden, wenn die Erkrankung übersehen wird.
Kennzeichen sind große Augen (durch erhöhten Hornhautdurchmesser), Lichtscheu und Tränenfluss sowie Hornhauttrübung.
Therapie der Glaukome. Bei allen Glaukomformen ist das Therapieprinzip eine Senkung des Augeninnendrucks. Zur Senkung des Augeninnendrucks (in Form von Augentropfen) dienen Beta-Blocker, Alpha-2-Agonisten und Karboanhydrasehemmer, die alle die Kammerwasserproduktion hemmen, sowie Prostaglandinderivate, die den uveoskleralen Abfluss verbessern. Adrenalinderivate und Parasympathomimetika verbessern den Abfluss des Kammerwassers durch das Trabekelwerk. Parasympathomimetika werden
17 wegen ihrer Nebenwirkungen (Miosis) heute nur noch selten eingesetzt.
Bei Versagen der medikamentösen Therapie wird eine Laserbehandlung oder eine Operation erforderlich, um den Abfluss des Kammerwassers zu gewährleisten.
18
Augenhöhle (Orbita)
18.1 |
Anatomische und funktionelle Grundlagen – 352 |
18.2Allgemeine pathologische Zeichen
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bei Orbitaerkrankungen |
– 353 |
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18.3 |
Untersuchungsmethoden |
– 353 |
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18.3.1 |
Messung der Bulbuslage |
– 353 |
|
18.3.2 |
Untersuchung der Orbita |
– 353 |
|
18.3.3 |
Ophthalmologische Untersuchungen bei Orbitaerkrankungen – 354 |
18.4 |
Entzündungen der Orbita |
– 355 |
|
18.4.1 |
Orbitaphlegmone |
– 355 |
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18.4.2 |
Pseudotumor orbitae |
– 356 |
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18.5 |
Endokrine Orbitopathie |
– 356 |
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18.6 |
Tumoren der Orbita |
– 359 |
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18.6.1 |
Orbitatumoren bei Kindern |
– 359 |
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18.6.2 |
Tumoren bei Erwachsenen |
– 360 |
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18.6.3 |
Therapie von Orbitatumoren |
– 361 |
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18.7 |
Vaskuläre Erkrankungen der Orbita |
– 361 |
18.7.1 |
Karotis-Sinus-cavernosus-Fistel – 361 |
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18.7.2 |
Orbitavarizen |
– 362 |
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18.8 |
Verletzungen der Orbita |
– 362 |
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18.8.1 |
Orbitabodenfraktur (»Blow-out«-Fraktur) |
– 362 |
18.8.2 |
Stichund Schussverletzungen der Orbita |
– 363 |
18.8.3 |
Sehnervenverletzung im Canalis opticus |
– 364 |
18.8.4 |
Enophthalmus – 364 |
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352 Kapitel 18 · Augenhöhle (Orbita)
>> Einleitung
Die Orbita bildet die knöcherne Höhle für das Auge. Erkrankungen entstehen durch Entzündungen (Orbitaphlegmone, Pseudotumor orbitae), immunologische Prozesse (endokrine Orbitopathie), Tumoren (primäre Tumoren und Metastasen, auch bei Kindern) und vaskuläre Prozesse (Carotis-Sinus-cavernosus-Fistel, Orbitavarize). Verletzungen entstehen vorwiegend am Orbitaboden (»Blow-out«-Fraktur), im Sehnervenkanal und durch penetrierende Orbitafremdkörper.
18.1Anatomische und funktionelle Grundlagen
Lage der Orbita im Schädel. Die Achse des Orbitatrichters ist leicht divergent nach außen und unten gerichtet. Den wichtigsten Inhalt der Orbita bilden Bulbus mit Sehnerv, Augenmuskeln, Nerven und Blutgefäßen, sowie die Tränendrüse. Als Polster füllt Fettgewebe mit wenigen Bindegewebezügen den größten Teil der Orbita aus.
Knöcherne Begrenzung der Orbita und benachbarte Strukturen ( Abb. 18.1). Die aus 7 Knochen gebildete Wand der Orbita ist mit Periost überzogen und medial und unten sehr dünn. Nur 0,5 mm Knochendicke des Os maxillare trennen die Augenhöhle nach unten von der Kieferhöhle, nur 0,3 mm oder nur das Periost trennen sie medial hinten von den Siebbeinzellen des Os ethmoidale.
Hinten grenzt das Os sphenoidale mit der Keilbeinhöhle an die mittlere Schädelgrube. Die Orbitaspitze ist Chiasma opticum, Hypophyse und Sinus cavernosus benachbart. Eine Insel des Os palatinum grenzt in der hinteren Orbitawand an Maxilla,Ethmoid und kleinen Keilbeinflügel.Oben trennt das Os frontale die Orbita von der Stirnhöhle und der vorderen Schädelgrube. Die kräftige laterale Wand wird vom Os zygomaticum gebildet, wobei der Jochbogen als chirurgischer Zugangsweg vorübergehend entfernt werden kann. Alle diese benachbarten Gebilde und Hohlräume sind von großer Bedeutung, da die Augenhöhle bei Erkrankung der Nachbarorgane mit beteiligt ist und umgekehrt sich Krankheiten der Orbita in diese Strukturen ausdehnen können. Nasal im Tränenbein (Os lacrimale) befindet sich die Fossa lacrimalis für den Tränensack (Zugang bei Tränenwegsoperation, Kap. 5). Die Tränendrüse liegt in einer flachen Nische des seitlich-oberen Orbitadaches.
Öffnungen der Orbita. An der Spitze der Orbita befindet sich der knöcherne Kanal für Sehnerv und A. ophthalmica (Canalis opticus), lateral davon die
Fissura orbitalis superior für die V. ophthalmica, die das Blut aus Orbita undAuge in den Sinus cavernosus leitet (klinisch wichtig wegen der Gefahr einer Sinus-cavernosus-Thrombose bei Lidoder Orbitaphlegmone!). Durch die Fissura orbitalis superior laufen auch die Hirnnerven III, IV,V1 und VI. Der gemeinsame Ausfall dieser Nerven sowie des Sehnervs wird als Orbitaspitzensyndrom (To- losa-Hunt-Syndrom) bezeichnet.Durch die Fissura
Abb. 18.1. Knochen und Fissuren der rechten Orbita sowie Muskelansätze
18.3 · Untersuchungsmethoden
orbitalis inferior verlaufen die Nn. infraorbitalis und zygomaticus (Teil des 2. Trigeminusastes).
Nerven der Orbita. Die sensibleVersorgung der Orbita erfolgt über den 1. und 2. Trigeminusast. Am medialen Oberrand der Orbita findet sich der N. supraorbitalis, am Unterrand der N. infraorbitalis, der bei Orbitabodenfraktur verletzt wird. Aus dem 1. Trigeminusast zweigt der N. nasociliaris ab, der das Augeninnere (Ziliarkörper) sowie die Nasenspitze sensibel versorgt,was bei Zoster ophthalmicus wichtig ist.Ist bei Zoster auf der Nasenspitze eine Effloreszenz zu sehen, dann ist bewiesen, dass auch das Augeninnere entzündet sein muss ( S. 138). Das Ganglion ciliare, das parasympathische Fasern für Ziliarkörper und Sphincter pupillae enthält, liegt 15 mm hinter dem Auge im Muskeltrichter.
Gefäße der Orbita. Die arterielle Versorgung geschieht über die A. ophthalmica (aus der Carotis interna). Der venöse Abfluss erfolgt über die Vena ophthalmica superior in den Sinus cavernosus, über die Vena ophthalmica inferior in den Plexus pterygoideus und über V. angularis zu den Gesichtsvenen.
Augenmuskeln und Septum orbitale. Die Augenmuskeln entspringen von einem Sehnenring, der den unteren Teil der Fissura orbitalis superior und das Foramen opticum umgibt. Nach vorn verschließen das Septum orbitale und die Lider die Orbita.
18.2Allgemeine pathologische Zeichen bei Orbitaerkrankungen
Krankhafte Prozesse der Orbita gehen häufig mit einem Hervortreten des Auges (Exophthalmus = Protrusio bulbi) oder mit einer Verdrängung des Augapfels in vertikaler oder horizontaler Richtung einher. Ein Zurücksinken des Auges (Enophthalmus) ist seltener und entsteht durch Atrophie des Fettgewebes der Orbita, z.B. nach einer Fraktur des Orbitabodens. Durch Augapfelschrumpfung (Phthisis bulbi) wird ein Enophthalmus vorgetäuscht. Orbitaerkrankungen zeigen nicht selten okuläre Begleitsymptome: Augenbewegungsstörungen, Stauungspapille, Aderhautfalten durch
eine Tumor-bedingte Eindellung des Auges von hinten.
18.3Untersuchungsmethoden
18.3.1Messung der Bulbuslage
Den Exophthalmus misst man mit dem Exophthalmometer (nach Hertel), das beidseits am knöchernen Orbitarand aufgesetzt wird. Mit einem Spiegel kann der Abstand des Hornhautscheitels vom seitlichen Orbitarand gemessen werden ( Abb. 18.2). Ohne Geräte kann man einen einseitigen Exophthalmus erkennen, indem man hinter dem Patienten stehend dessen Oberlider anhebt und über dessen Stirn zu den Wangen blickt ( Abb. 2.3).Unterschiede der Lidspaltenweite sind nicht unbedingt durch einen Exophthalmus bedingt. Bei hoher Myopie oder bei Hydrophthalmie ist der Augapfel wesentlich größer und kann eine Protrusio vortäuschen (Pseudo-Exophthalmus).
18.3.2Untersuchung der Orbita
Einige einfache Untersuchungen ermöglichen oft schon eine Diagnose: Wenn beim Betasten einer Schwellung der Lider oder der Orbita ein Knistern zu hören ist, weist dies auf ein Luftemphysem durch eine Fraktur der Lamina papyracea des Siebbeins hin. Die Lufteinschlüsse können röntgenologisch bestätigt werden.Ein stark durchströmter arteriovenöser Shunt zwischen A. carotis und Sinus cavernosus verursacht ein pulssynchrones, maschinenartiges Gefäßgeräusch, das manche Patienten selbst wahrnehmen und das der Arzt mit dem Stethoskop hören kann. Bei einem Varixknoten der Orbita nimmt der Exophthalmus bei Kopftieflagerung oder beim Pressen zu, weil sich das venöse Blut im Varixknoten staut. Der Patient berichtet nicht selten über ein starkes Hervortreten des Auges beim Pressen (z.B. beim Stuhlgang). Die Zurückdrängbarkeit des Bulbus lässt sich palpieren und gibt Aufschluss darüber, ob die Konsistenz eines Orbitatumors hart (z.B. Meningiom) oder weich ist (z.B. Gefäßtumor). Aufgrund alter Fotografien kann man ab-
354 Kapitel 18 · Augenhöhle (Orbita)
Abb. 18.2a, b. Exophthalmometer nach Hertel. a Das Instrument wird an beiden Seiten auf den lateralen knöchernen Orbitarand aufgesetzt. Im Spiegel des Instrumentes erscheint das Hornhautprofil (auf der Abb. im rechten Spiegel sichtbar). Entscheidend ist nicht der Absolutwert, sondern der Vergleich zwischen rechtem und linkem Auge und der Vergleich mit den zu einem früheren Zeitpunkt gemessenen Werten. Deshalb muss bei Folgeuntersuchungen immer dieselbe Basis eingestellt werden. b Aufbau eines Exophthalmometers
a
100
Untersuchereinblick Untersuchereinblick b
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schätzen, wie lange ein Exophthalmus bereits be- |
des vorderen Muskelansatzes, sichtbar unter der |
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steht. |
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Bindehaut) und mechanischer Bewegungsbehinde- |
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rung (mechanischer Stopp beim Traktionstest). |
18.3.3 |
Ophthalmologische |
Visusprüfung: Wichtig sind das Ausmaß und |
der Verlauf der Sehschärfeherabsetzung. |
18 |
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Untersuchungen |
Gesichtsfelduntersuchung: Unterscheidung |
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bei Orbitaerkrankungen |
zwischen Zentralskotom (Optikusschädigung in |
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der Orbita), parazentralen Skotomen (meist Glau- |
|
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Motilitätsprüfung: Unterscheidung zwischen neu- |
|
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kom oder Drusen der Papille), Vergrößerung des |
|
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rogener Parese (typisch: Inkomitanz des Schielwin- |
blinden Flecks (bei Stauungspapille) und Lage der |
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kels), Störungen der neuromuskulären Übertra- |
Skotomgrenzen (horizontale Grenze bei Papillen- |
|
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gung (z. B. Myasthenie – Zunahme der Parese), Er- |
prozessen, vertikaler, mittellinienbegrenzter Aus- |
|
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krankungen des Muskels (entzündliche Schwellung |
fall bei hypophysären Läsionen). |