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6.4 · Entzündung der Bindehaut (Konjunktivitis)

Abb. 6.11. Keratoconjunctivitis epidemica. Nummuli der Hornhaut in der Abheilungsphase der Entzündung

!Außerhalb von Epidemiezeiten wird die Keratoconjunctivitis epidemica zu selten, in Epidemiezeiten zu häufig diagnostiziert, da ihr Beginn uncharakteristisch ist. Bei starkem Verdacht sollte heute ein PCR-Nachweis der Adenoviren erfolgen und der Patient zu strengsten Hygienemaßnahmen aufgefordert werden, bis der Verdacht ausgeräumt ist oder die Entzündung abgeklungen ist.

Therapie

Eine spezifische Behandlung ist nicht möglich. In der Regel sollte man keine Kortikosteroidtropfen verabreichen, weil sie die immunologische Elimination des Virus dämpfen und so den Krankheitsverlauf verlängern. Außerdem verstärken sie die durch den Virusbefall der Lidrandund Bindehautdrüsen ohnehin bestehende Trockenheit der Bindehaut.Nur bei sehr starken Beschwerden kann wenige Tage lang ein Kortikosteroidpräparat getropft werden. Kortikosteroide können die Nummuli beseitigen, nach ihrem Absetzen treten die Nummuli aber in vollem Umfange wieder auf und bleiben länger bestehen, so dass man durch Steroide die Spontanheilung verzögert.

Prophylaxe

Die Viren werden vom Auge auf die Hand übertragen, wenn sich der Patient wegen der stark juckenden Konjunktivitis am Auge reibt, und durch Händeschütteln,gemeinsame Waschlappen und Hand-

tücher von Mensch zu Mensch übertragen. Meist erfolgt die Weitergabe der Infektion schon in der Zeit, in der das klinische Bild noch unklar ist. Der Betroffene muss besondere Hygienevorkehrungen einhalten, um nicht andere Personen zu infizieren: Er soll das Händeschütteln vermeiden. Häufige Händedesinfektion (z.B. mit Sterillium Virugard) ist erforderlich. In der augenärztlichen Praxis bzw. Klinik muss besonders sorgfältige Händedesinfektion eingehalten werden und die benutzten Geräte müssen nach der Untersuchung eines Patienten mit Keratoconjunctivitis epidemica mit wirksamen Oberflächen-Desinfektionsmitteln gesäubert werden. Man lässt Patienten mit einer Keratoconjunctivitis epidemica möglichst nicht im allgemeinen Wartezimmer warten und behandelt nur mit eigens für diesen Patienten verschriebenen Medikamenten. Bei infektiösen Patienten sollte der Augeninnendruck nicht gemessen werden,um jegliches Infektionsrisiko zu vermeiden. Druckmesskörperchen sind auch außerhalb von Epidemiezeiten grundsätzlich mit Pantasept®-Lösung zu desinfizieren, die gegen Adenoviren wirkt. Exponierte Personen (z.B.Praxisoder Krankenhauspersonal) können eine Infektion vermeiden, wenn die hygienischen Maßnahmen sorgfältig eingehalten werden. Die Erkrankung ist neuerdings meldepflichtig.

!Eine sorgfältige Händedesinfektion verhindert die Übertragung der hoch infektiösen Keratoconjunctivitis epidemica. Untersuchungsgeräte müssen nach Kontakt mit dem Patienten desinfiziert werden. Augendruckmessungen sind bei infektiösen Patienten zu vermeiden, um das Risiko der Infektionsübertragung so gering wie möglich zu halten.

Pharyngokonjunktivales Fieber. Es handelt sich um eine Konjunktivitis, die durch Adenovirus Typ 3, 4 oder 7 ausgelöst wird. Neben allgemeinen Infektzeichen und Pharyngitis bestehen eine follikuläre Konjunktivitis mit wässriger Sekretion sowie eine Keratitis punctata. Diese heilen unter symptomatischen Maßnahmen (kalte Kompressen, Tränenersatzmittel) spontan ab.

104 Kapitel 6 · Bindehaut

Herpes-simplex-Konjunktivitis. Eine Blepharokonjunktivitis tritt im Rahmen einer Primärinfektion bei Kindern auf. Es finden sich flüssigkeitsgefüllte Bläschen am Lid sowie eine Rötung und Schwellung der Bindehaut ( Abb. 7.19). Die Behandlung erfolgt mit Aciclovir-Augensalbe und systemischer Acicloviroder Valaciclovir-Gabe.

Ein endogenes Herpes-Rezidiv dagegen betrifft vorwiegend die Hornhaut ( Kap. 7).

Weitere virusbedingte Konjunktivitiden. Bei Masern, Windpocken und Röteln kommt häufig

6eine Konjunktivitis vor.Die akute hämorrhagische Konjunktivitis kommt vorwiegend in orientalischen Ländern vor und ist durch Enterovirus 70 bedingt. Mollusca contagiosa der Lider ( Kap. 4, Abb. 4.4) sondern Viren ab und verursachen dadurch zuweilen eine begleitende Konjunktivitis.

Mykotische Konjunktivitis

Meist geht eine mykotische Konjunktivitis von einer mykotischen Entzündung des Tränenkanälchens ( Kap. 5) aus. Mykosen sind selten an der Konjunktiva, dagegen häufig an der Hornhaut ( Kap. 7) anzutreffen und dürfen nicht mit Kortikosteroidtropfen,sondern müssen lokal und systemisch mit Antimykotika behandelt werden.

Parasitäre Konjunktivitis

In Afrika sind parasitäre Augenerkrankungen häufig ( Kap. 25).

Am weitesten verbreitet ist die Onchozerkose (Flusskrankheit,Erreger: Onchocerca volvolus).Sie ist eine der häufigsten Erblindungsursachen in Endemiegebieten. Im tropischen Afrika und in Mittelund Südamerika sind etwa 20–40 Mio. Menschen daran erkrankt, von denen 40% durch Konjunktivitis, Keratitis, Iridozyklitis, Uveitis und Netzhautnarben erblinden. Die Übertragung erfolgt durch den Stich der Simuliumfliege. Seit einigen Jahren gibt es ein wirksames Medikament (Ivermectin),das Mikrofilarien so langsam abtötet, dass keine Schockerkrankung durch zerfallende Würmer entsteht. Die Patienten müssen über Jahre halbjährlich mit einer Einzeldosis Ivermectin behandelt werden. Neuerdings wird auch eine Therapie mit Doxycyclin diskutiert, da die Filarien in Symbiose mit einem Bakterium der Gattung

Wolbachia leben und sich nur vermehren können, wenn sie mit diesem Bakterium infiziert sind. Durch antibiotische Therapie kann man also möglicherweise den Generationszyklus der Filarien unterbrechen.

In Westafrika ist die Erkrankung mit Larven der Filaria Loa endemisch. Die Erreger sind unter der Bindehaut auch mit bloßem Auge sichtbar, ziehen sich aber bei der Untersuchung an der Spaltlampe schnell in tiefere Schichten zurück. Wenn man schnell handelt, kann man den Wurm unter der Bindehaut chirurgisch entfernen und dadurch die lokale Entzündung beseitigen.

Die Conjunctivitis nodosa entsteht durch Raupenhaare. Sie ist selten, aber sehr gefährlich. Meist gelangen die Raupenhaare in das Auge, wenn sich Kinder gegenseitig mit den Raupen bewerfen. Die Raupenhaare enthalten Widerhaken, so dass sie sich immer tiefer in das Bindehautgewebe vorarbeiten. Dort rufen sie ein Granulom hervor. Die Raupenhaare können sogar ins Augeninnere eindringen und dann eine schwere Entzündung bis zur Erblindung verursachen.

6.5Degenerationen

und Altersveränderungen der Bindehaut

6.5.1 Lidspaltenfleck (Pinguecula)

Definition, Ursache

Es handelt sich um eine gutartige, dreieckige gelbliche Veränderung der Bindehaut am Limbus, Sie liegt im Lidspaltenbereich bei 3 und 9 Uhr, vorwiegend bei älteren Menschen. Die etwas prominenten gelblichen Einlagerungen in der Bindehaut stellen histologisch eine hyaline Degeneration subkonjunktivalen Bindegewebes dar. Vor allem sind Menschen betroffen,die sich viel im Freien aufhalten und daher stark lichtexponiert (z.B. Seeleute) oder zusätzlich staubexponiert sind (z.B. Landwirte).

Symptome, Befunde

Der Patient hat die Symptome des trockenen Auges ( Kap. 5.5).Ansonsten sind die Beschwerden durch die ästhetischen Veränderungen bedingt.

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6.5 · Degenerationen und Altersveränderungen der Bindehaut

Therapie

Normalerweise ist keine Behandlung erforderlich. Die Patienten wollen aus ästhetischen Gründen oft eine Entfernung der Pinguecula,wenn sie sehr auffällig ist.Bei sehr prominenter Pinguecula sollte der Bezirk chirurgisch exzidiert werden. Dann muss auch eine histologische Untersuchung erfolgen,um ein Bindehautkarzinom sicher auszuschließen.

6.5.2 Pterygium (Flügelfell)

Definition, Ursache

Es handelt sich um eine meist nasal gelegene, dreieckige Bindehautduplikatur, die auf die Hornhaut vorwächst.Die Spitze des Dreiecks wird als Pterygiumkopf, die Basis als -körper bezeichnet. Die Pathogenese ist nicht vollständig geklärt. Ätiologisch spielen Licht, trockenes Klima und Staubexposition eine Rolle.Besonders häufig kommt das Pterygium in den südöstlichen Mittelmeerländern vor.

Symptome, Befunde

Pathologische Bindehaut wächst mit zahlreichen Gefäßen von nasal her auf die Hornhaut vor. Vor dem Pterygiumkopf besteht eine graue Trübungszone der Hornhautoberfläche ( Abb. 6.12). Anfangs ist das Pterygium asymptomatisch. Später kann es durch Zug an der Hornhaut einen Astigmatismus und bei Erreichen des Hornhautzentrums eine Visusminderung hervorrufen.

Therapie

Man muss das Pterygium operativ entfernen,wenn es fortschreitet und das Hornhautzentrum gefähr-

Abb. 6.12. Pterygium des linken Auges

det oder wenn es einen stärkeren Astigmatismus verursacht. Auch ästhetische Störungen durch die Rötung oder Beschwerden durch die buckelige Oberfläche können eine Entfernung notwendig machen.Bei der Operation wird die erkrankte Bindehaut über der Hornhaut und über der Sklera sorgfältig entfernt, die Hornhaut oberflächlich mit einem Diamantschleifer oder Excimer-Laser geglättet und der Bindehautdefekt über der Sklera mit einem freien Transplantat von gesunder Bindehaut gedeckt. Vor allem bei Personen aus südöstlichen Mittelmeerländern sind Rezidive häufig. In besonderen Fällen kommt eine oberflächliche Bestrahlung mit beta-Strahlen oder die lokale Applikation von Mitomycin 0,02% (Betupfen mit Schwämmchen, Nachspülen) in Frage.

!Bei der Entfernung von Pterygien muss man bedenken, dass ein Rezidiv schlechter zu behandeln ist. Deshalb muss nicht jedes kleine Pterygium entfernt werden.

6.5.3 Narbenpterygium

Im Gegensatz zum Pterygium besteht beim Narbenpterygium eine flächige Verwachsung der narbig veränderten Bindehaut mit der Hornhaut. Ursachen sind Verletzungen, Verätzungen und Verbrennungen.Das Narbenpterygium ist in der Regel nicht progredient.

6.5.4 Xerosis conjunctivae

Definition, Ursache

Bei Vitamin-A-Mangel trocknen die oberflächlichen Bindehautzellen im Lidspaltenbereich aus und verhornen. Dies ist eine Vorstufe der Keratomalazie ( Kap. 25). In Europa ist die Xerosis conjunctivae wegen der ausgewogenen Ernährungsbedingungen sehr selten, in den Entwicklungsländern jedoch eine häufige Ursache der Erblindung.

Symptome, Befunde

Auf der Bindehaut des Lidspaltenbereiches,also bei 3 und 9 Uhr, sieht man dreieckige weißliche Bezirke aus metaplasiertem Bindehautepithel, das von

106 Kapitel 6 · Bindehaut

schaumigem Sekret überlagert ist (Bitot-Flecken) ( Abb. 25.3).Durch denVitamin-A-Mangel besteht meist gleichzeitig eine Nachtblindheit.

Therapie

Nach lokaler und systemischer Substitution von Vitamin A verschwinden beide Veränderungen.

6.5.5 Kalkinfarkte

Es handelt sich um eine Verkalkung von akzesso-

6rischen Bindehautdrüsen bei älteren Menschen. Die verkalkten Drüsen scheuern auf der Hornhaut und verursachen so Fremdkörpergefühl. Beim Ektropionieren der Lider sieht man weiße Pünktchen in der Bindehaut,die in Tropfanästhesie mit einem Messerchen entfernt werden müssen.

6.5.6 Hyposphagma

Definition, Ursache

Es handelt sich um eine meist spontane subkonjunktivale Blutung bei älteren Menschen. Sie tritt bei Behandlung mit Antikoagulantien etwas häufiger auf. Eine Hypertonie kann ursächlich beteiligt sein.

Symptome, Befunde

Manchmal geht das Hyposphagma mit einem Fremdkörpergefühl einher. Die große, auffällige Blutung ist dunkelrot ( Abb. 6.13) und beunruhigt den Patienten.

Abb. 6.13. Hyposphagma

Differenzialdiagnose

Von einem Hyposphagma lassen sich keine Schlüsse auf Blutungen an anderen Körperstellen (z.B. Hirnblutung) ableiten. Darauf sollte man den Patienten ausdrücklich hinweisen, um ihn zu beruhigen. Man muss eine Verletzung der Bindehaut und eine Bulbusperforation ausschließen.

Eine hämorrhagische Konjunktivitis kommt bei Infektion der Bindehaut mit Pneumokokken vor ( Kap. 6.4.4).

Therapie

Eine Behandlung des spontanen Hyposphagmas ist unnötig, da die Blutung ohne Behandlung innerhalb von 1–2 Wochen resorbiert wird.

6.6Tumoren der Bindehaut

6.6.1 Gutartige Tumoren

Limbusdermoid

Definition, Ursache

Es handelt sich um ein Choristom, d.h. versprengtes Gewebe,das am Limbus vorkommt und aus dermalen sowie epithelialen Gewebeanteilen besteht. Dermoide können deshalb kleine Haare und kleinere Hautanhangsgebilde enthalten. Sie kommen isoliert oder als Teilsymptom des Goldenhar-Syn- droms vor (zusätzlich bestehen Ohrmuschelmissbildungen).

Symptome, Befunde

Das Limbusdermoid sitzt als runder,vorgewölbter, derber weißlicher Tumor teils der Konjunktiva und Sklera,teils der Hornhaut auf ( Abb. 6.14a).Da das Limbusdermoid sehr auffällig ist, wird der Augenarzt häufig gebeten,eine chirurgische Exzision vorzunehmen.

Therapie

Die Exzision darf beim Limbusdermoid nur oberflächlich erfolgen, da man sonst leicht in das Augeninnere perforieren kann.

Lipodermoid

Weiche, verschiebliche, glasig erscheinende Vorwölbung im temporal oberen Bindehaut-Fornix.

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6.6 · Tumoren der Bindehaut

Therapie

Das Bindehautpapillom muss vollständig entfernt werden,da es leicht zu Rezidiven kommt.Die histologische Untersuchung ist erforderlich, um die Diagnose zu sichern.Ein Bindehautpolyp (»pyogenes Granulom«) nach Fremdkörperverletzung kann ähnlich aussehen.

! Bei Bindehautpapillomen können »Abklatschmetastasen« vorkommen, deshalb ist die genaue Inspektion des gesamten Bindehautsacks mit Ektropionieren besonders wichtig.

Abb. 6.14. Gutartige Bindehauttumoren. a Limbusdermoid bei Goldenhar-Syndrom, b breitbasiges Bindehautpapillom

Eine (Teil-)Entfernung ist nur erforderlich, wenn der Tumor aus der Lidspalte prolabiert oder der Patient durch dieVorwölbung gestört ist.Eine radikale Entfernung ist nicht ratsam,da die Ausführungsgänge der Tränendrüse verletzt werden können oder die Bulbus-Motilität durchVernarbung leiden kann.

Bindehautpapillom

Definition, Ursache

Es handelt sich um eine durch Papillomaviren bedingte papillomatöse Wucherung der Bindehaut.

Symptome, Befunde

Das Bindehautpapillom sitzt als lappige, rosarote, bäumchenartige Wucherung mit einem schmalen oder breiteren Stiel der Bulbusoder Tarsusbindehaut auf ( Abb. 6.14 b). Es stört den Patienten,weil es aus der Lidspalte prolabieren kann. Es entartet nicht maligne.

Bindehauthämangiom

Dies ist ein kavernöses kleines Blutschwämmchen, das oft spontan verschwindet, andernfalls problemlos exzidiert werden kann.

Bindehautnävus

Definition, Ursache

Gutartiger,umschriebener Tumor des basalen Bindehautepithels, der aus Melanozyten hervorgeht. Der Einfluss von UV-Strahlung wird diskutiert. Eine maligne Entartung ist selten, aber möglich. Nävi wachsen bevorzugt in Zeiten hormoneller Umstellung (Pubertät, Schwangerschaft, bei Einnahme von Kontrazeptiva).

Symptome, Befunde

Charakteristisch sind die mäßige bis starke Pigmentierung und das Vorkommen von kleinen Bindehautzysten. Bindehautnävi sitzen meist der bulbären Bindehaut auf. Pigmentierte Veränderungen der tarsalen Bindehaut, des Fornix conjunctivae und der Lidkanten sind daher malignitätsverdächtig. Zur Dokumentation ist eine Photographie ratsam, so dass man bei der Kontrolluntersuchung leicht feststellen kann, ob ein Wachstum vorliegt oder nicht. Die bloße Beschreibung in Worten,eine Zeichnung oder das eigene optische Gedächtnis sind keine zuverlässige Dokumentation!

Therapie

Bei kosmetischer Beeinträchtigung oder unklarer Diagnose sollte man Bindehautnävi im Gesunden entfernen,histologisch untersuchen und den Defekt durch ein freies Bindehauttransplantat schließen.

108 Kapitel 6 · Bindehaut

Kongenitale Melanose

Gutartige Pigmentierung der Episklera (des auf der Sklera liegenden lockeren Bindegewebes). Im Gegensatz zur primär erworbenen Melanose der Bindehaut ist dieVeränderung auf der Sklera nicht verschieblich, wenn man die Bindehaut mit der Pinzette bewegt. Sie wird als isolierte Anomalie aufgefasst und ist manchmal mit Hautpigmentierungen kombiniert (okulodermale Melanose, Nävus Ota).

66.6.2 Bösartige Tumoren

Primär erworbene Melanose

der Bindehaut (Melanosis conjunctivae)

Definition, Ursache

Die primär erworbene Melanose (Primary Acquired Melanosis = PAM) ist eine Proliferation atypischer Melanozyten der Bindehaut. Sie muss bei Weißen als ein potentiell maligner Tumor angesehen werden,da sie in ein Bindehautmelanom übergehen kann, insbesondere wenn Zellatypien bestehen (große Melanozyten mit prominenten Nucleoli). Bei Farbigen ist sie harmlos.

Symptome, Befunde

Die primär erworbene Melanose ist durch locker gestreute, teilweise zu kleinen Flächen verdichtete, selten erhabene,pigmentierte Areale der Bindehaut charakterisiert.DieseAreale sind auf der Bindehaut verschieblich.Die fleckförmige,oft wechselnd starke Pigmentierung der Konjunktiva ( Abb. 6.15) tritt bei Erwachsenen auf und ist bei Mitteleuropäern immer ein bedrohliches Zeichen. Sie kann auch den Limbus überschreiten und in das Hornhautepithel einwachsen. Sie kommt nicht nur auf der bulbären Bindehaut, sondern auch im Fornix, auf der tarsalen Bindehaut und in der Schleimhaut der Tränenkanälchen vor und kann die Lidkante erreichen oder überschreiten.

Therapie

Zunächst muss man die Bindehautveränderung in kurzen Abständen beobachten und photographisch dokumentieren. In der Regel werden eine Exzision der am meisten auf Malignität verdächtigen Areale und eine Kryotherapie der benachbar-

Abb. 6.15. Primäre erworbene Melanose der Bindehaut mit Übergang in ein Bindehautmelanom

ten wechselnden Pigmentierungen vorgenommen. Die histologische Aufarbeitung gibt Hinweise auf die Dignität der Veränderung. Die Prognose wird durch den histologischen Typ bestimmt: Ohne Zellatypien ist die Prognose gut, wenn Zellatypien vorliegen,beträgt dieWahrscheinlichkeit einer späteren Entartung 30–90%. Allerdings können Zellatypien im Laufe der Jahre neu entstehen, so dass regelmäßige Verlaufskontrollen notwendig sind.

Bindehautmelanom

Definition, Ursache

Ein malignes Melanom der Bindehaut ist ein von atypischen Melanozyten ausgehender Tumor.Meist geht er aus einer primär erworbenen Bindehautmelanose hervor (60–75%) oder entsteht de novo (15–25%), seltener geht er aus Bindehautnävi hervor (15–25%). Die Metastasierung erfolgt zunächst in die retroaurikulären und submandibulären Lymphknoten. Das Bindehautmelanom ist ein am Auge relativ seltener Tumor,der nur 2% der malignen Augentumoren ausmacht.

Symptome, Befunde

Verdächtig auf ein malignes Melanom der Bindehaut sind pigmentierte Knoten ( Abb. 6.16), auf die zuweilen große Gefäße zuziehen. Auch unpigmentierte Melanome kommen vor.

Therapie

Die Problematik der Therapie besteht in der Schwierigkeit, die Tumoren radikal zu entfernen. Bindehautmelanome rezidivieren deshalb häufig.

6.6 · Tumoren der Bindehaut

Abb. 6.16. Malignes Melanom der Bindehaut [erst bei Ektropionieren des Unterlids sichtbar (Æ)] sowie primäre erworbene Melanose der bulbären Bindehaut = Präkanzerose (*)

Rezidive sind oft wenig pigmentiert und können nicht immer von Narben unterschieden werden. Bei mehrfachen Rezidiven wird der Augapfel immobil,weil große Teile der Bindehaut entfernt werden müssen und der Fornix conjunctivae vernarbt. Kommt es zu einem Überwachsen auf die Lider,was in fortgeschrittenen Fällen nicht selten ist, dann muss die Augenhöhle bis auf den Knochen ausgeräumt werden (Exenteratio orbitae), um den Tumor vollständig zu entfernen. Ein Onkologe sollte in jedem Fall hinzugezogen werden.

!Das maligne Melanom der Bindehaut entsteht bei Weißen häufig aus einer erworbenen Melanose der Bindehaut. Obwohl die Letalität (20–30 %) geringer ist als die des Hautmelanoms, rezidiviert es aber häufig und muss so vollständig wie möglich lokal exzidiert werden. Nach Organmetastasierung ist die Prognose schlecht. Sehr wichtig ist die

genaue Inspektion aller Bindehautanteile durch Ektropionieren ( Fallbeispiel!)

Fallbeispiel

Eine 84-jährige Patientin stellt sich mit einem äußerlich kaum in Erscheinung tretenden kleinen schwarzen Knoten am inneren Lidwinkel des rechten Auges vor, den sie seit einigen

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Wochen bemerkt hat. Beim Ektropionieren des Unterlides ( Abb. 6.16) sieht man jedoch mehrere ausgedehnte schwärzliche Knoten und flache dunkle Bezirke der bulbären und tarsalen Bindehaut, die zunächst äußerlich nicht zu erkennen waren. Es handelt sich um ein fortgeschrittenes malignes Melanom der Bindehaut.

Die Knoten und die stärker pigmentierten Areale wurden lokal exzidiert, an den weniger pigmentierten Stellen wurden kleine Probebiopsien entnommen (histologisch: erworbene Melanose mit Atypien) und mit 3facher Kryoapplikation (»Freeze and thaw«-Technik) behandelt. Die regionären Lymphknoten waren frei.

Eine genaue photographische Dokumentation des präund postoperativen Zustandes erleichtert die Verlaufskontrollen, wobei verdächtige Stellen biopsiert und mit Kryotherapie behandelt werden.

Konjunktivale intraepitheliale Neoplasie (CIN)

Es handelt sich um ein Carcinoma in situ, das in ein Plattenepithelkarzinom (Bindehautkarzinom) übergehen kann.

Bindehautkarzinom

Definition, Ursache

Seltener Tumor, der vom Plattenepithel der Konjunktiva ausgeht und sich bei älteren Menschen aus einer intraepithelialen Neoplasie entwickeln kann. UV-B-Strahlen spielen pathogenetisch eine Rolle, denn der Tumor ist bei Weißen,die in Äquatornähe leben, häufiger (Australien).

Symptome, Befunde

Bindehautkarzinome sind unregelmäßig begrenzte, weißliche, flach erhabene Tumoren, die bevorzugt in Limbusnähe auf der Conjunctiva bulbi in den Bereichen der Lidspalte vorkommen ( Abb. 6.17). Sie sind meist verschieblich,haben große zuführende Gefäße, sehen ansonsten uncharakteristisch aus oder können eine papillomatöse Oberfläche haben. Im Verdachtsfall sollten sie entfernt

110 Kapitel 6 · Bindehaut

a

Abb. 6.17. Bindehautkarzinom. Auffälliges Gefäßbild

6deutet auf Malignität hin

werden, um durch die histologische Untersuchung die Diagnose zu sichern oder eine maligne Veränderung auszuschließen.

Therapie

Tiefgreifende, lamelläre Abtragung von Bindehaut und Sklera mit ausreichendem Abstand im Gesunden und nötigenfalls eine plastische Deckung des Defektes. Evtl. Bestrahlung.

Bindehautlymphom

Definition, Ursache

Es handelt sich um die Manifestation eines malignen (Non-Hodgkin-) Lymphoms der MALT-Grup- pe (Mucosa associated lymphoid tissue) oder einer reaktiven lymphatischen Hyperplasie. Isolierte Bindehautlymphome haben meist einen niedrigen Malignitätsgrad, eine Systembeteiligung kann sich aber auch erst später entwickeln (dann schlechtere Prognose).

Symptome, Befunde

Das Bindehautlymphom ist lachsfarben und hat eine glasige, fischlaichartige, oft follikuläre Konsistenz ( Abb. 6.18a). Es ist häufig in der unteren Umschlagfalte lokalisiert und wölbt das Unterlid vor ( Abb. 6.18b).Die histologische Untersuchung nach Exzision ergibt den Typ und den Malignitätsgrad des Tumors. Eine internistische Untersuchung zur Abklärung systemischer Manifestationen ist immer erforderlich.

b

Abb. 6.18. a Bindehautlymphom. b Bindehautlymphom bei herabgezogenem Unterlid. Glasige follikuläre Wucherungen in der unteren Umschlagsfalte der Bindehaut

Therapie

Diagnostische Exzision,ggf.Bestrahlung und zytostatische Behandlung.Bei älteren Patienten ist man wegen der langsamen Progredienz in der Behandlung zurückhaltender als bei jungen Patienten.

!Das Bindehautlymphom wird oft nicht ausreichend beachtet, da es anfangs einer follikulären Konjunktivitis ähnlich ist.

Kaposi-Sarkom

Bei AIDS kommen Kaposi-Sarkome an der Bindehaut und an den Lidern ( Abb. 4.17) vor. Sie bestehen aus spindelförmigen Zellen und atypischen Endothelzellen und imponieren als blaurötliche Knötchen ( Abb. 6.19). Therapeutische Möglichkeiten neben der systemischen HAART-Behand- lung sind Immuntherapie, intraläsionale Chemotherapie, chirurgische Exzision, Kryotherapie oder Bestrahlung.

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6.7 · Bindehautablagerungen und -verfärbungen

Abb. 6.19. Kaposi-Sarkom der Bindehaut bei Aids

6.7Bindehautablagerungen und -verfärbungen

6.7.1 Bindehautablagerungen

Bei chronischer Anwendung silberhaltiger Augentropfen treten braunschwarze Ablagerungen in der Bindehaut auf (Argyrose).Bei Glaukomtherapie mit adrenalinhaltigen Augentropfen (heute nur noch selten in Gebrauch) treten punktförmige schwarze Ablagerungen auf (Adrenochrom). Bei Alkaptonurie haben ca.70% der Patienten bräunliche Ablagerungen in Konjunktiva, Sklera und am Limbus (Ochronose). Alte metallische Bindehautfremdkörper können eine Verfärbung durch Eisenbestandteile hervorrufen.

6.7.2 Ikterus

Bei Erkrankungen mit Erhöhung des Bilirubins (Neugeborenenikterus, Hepatitis, Gallengangsverschluss) färben sich Bindehaut und Sklera gelb.

In Kürze

Anatomische und funktionelle Grundlagen.

Die Bindehaut umkleidet den Bulbus vom Hornhautrand bis zum Äquator und setzt sich dann auf die Innenseite der Lider fort. Sie ist eine verschiebliche Schleimhautschicht, die es dem Augapfel ermöglicht,

sich bei Blickwendungen nahezu reibungsfrei zu bewegen. Sie enthält Becherzellen und akzessorische Tränendrüsen, die für die Befeuchtung der Hornhautoberfläche von großer Bedeutung sind.

Untersuchung. Die tarsale Bindehaut untersucht man durch Ektropionieren. Dies muss auch der Nicht-Augenarzt beherrschen, um Fremdkörper entfernen und bei einer Kalkverätzung im Rahmen der Ersten Hilfe den Bindehautsack reinigen und spülen zu können. Bindehautverletzungen sind immer auf eine Bulbusperforation verdächtig, insbesondere dann, wenn der Patient zuvor mit Hammer und Meißel gearbeitet hat.

Entzündung der Bindehaut (Konjunktivitis). Die unspezifische Konjunktivitis entsteht am häufigsten durch ein trockenes Auge. Auch Refraktionsfehler oder Stellungsanomalien der Lider können zu einer Konjunktivitis führen.

Heuschnupfenkonjunktivitis, atopische Konjunktivitis und Conjunctivitis vernalis sind allergische Bindehautentzündungen. Sie sind durch Proliferationen der tarsalen Bindehaut (Papillen) charakterisiert. Im Frühjahr und Sommer müssen diese Patienten prophylaktisch mit Lodoxamin-Augentropfen behandelt werden.

Bei Stevens-Johnson-Syndrom und bei

Lyell-Syndrom entsteht eine toxisch-hyperer- gische Konjunktivitis mit Verwachsung der Bindehautblätter (Symblepharon).

Das okuläre Pemphigoid ist eine autoimmunologische Bindehautentzündung, bei der sich ein Symblepharon entwickelt.

Die Bindehautentzündung der Neugeborenen (Ophthalmia neonatorum) ist aufgrund der Credé-Prophylaxe heute nur noch selten durch Gonokokken, dagegen häufig durch Chlamydien, Pseudomonas aeruginosa und Herpes-simplex-Viren ausgelöst.

Die gefährlichste Bindehautinfektion des Erwachsenen entsteht durch Pseudomonas aeruginosa.

112 Kapitel 6 · Bindehaut

Die Einschlusskörperchenkonjunktivitis des Erwachsenen ist eine okulogenitale Infektion mit Chlamydia trachomatis und wird häufig durch Geschlechtsverkehr übertragen.

Sie muss lokal und systemisch mit Tetrazyklinen behandelt werden. In tropischen Ländern entsteht durch Chlamydien-Infektion ein Trachom.

Die Keratoconjunctivitis epidemica ist eine hoch infektiöse, sehr unangenehme virale Bindehautentzündung, die in der Regel spon-

6tan ausheilt, im Heilungsstadium und danach aber münzenförmige Hornhauttrübungen

(Nummuli) aufweisen kann, die starke Blendungsbeschwerden hervorrufen.

Pinguecula und Pterygium sind degenerative Bindehautveränderungen, die durch Lichtund Staubexposition gefördert werden.

Unter den Bindehauttumoren ist das maligne Melanom am gefährlichsten. Es entsteht in der Regel aus einer primären erworbenen Melanosis conjunctivae, nur selten aus einem Bindehautnävus.