- •Widmung
- •Vorwort
- •Anschriften
- •Inhaltsverzeichnis
- •1 Untersuchungsmethoden
- •1.1 Fluorescein-Angiographie
- •1.2 Indocyaningrün-Angiographie
- •5.7 Chloroquin-Retinopathie
- •6 Tumoren
- •7 Diabetische Retinopathie
- •1.1 Fluorescein-Angiographie
- •2 Behandlung des anaphylaktischen Schocks
- •3 Altersbedingte Makuladegeneration und choroidale Neovaskularisationen anderer Genese – Fluorescein
- •3.1 Altersbedingte Makulopathie und Makuladegeneration
- •1.1 Fluorescein-Angiographie
- •1.2 Indocyaningrün-Angiographie
- •4 Altersbedingte Makuladegeneration – Indocyaningrün
- •4.1 Retinale angiomatöse Proliferation
- •1.1 Fluorescein-Angiographie
- •5 Hereditäre und toxische Netzhauterkrankungen
- •5.1 Retinitis pigmentosa
- •1.1 Fluorescein-Angiographie
- •6 Tumoren
- •6.1 Aderhautnävus und Aderhautmelanom
- •1.1 Fluorescein-Angiographie
- •7 Diabetische Retinopathie
- •7.1 Nichtproliferative diabetische Retinopathie
- •1.1 Fluorescein-Angiographie
- •8 Andere Gefäßerkrankungen
- •8.1 Hypertensive Retinopathie
- •1.1 Fluorescein-Angiographie
- •9 Erkrankungen der Makula und der zentralen Netzhaut
- •9.1 Retinitis centralis serosa
- •1.1 Fluorescein-Angiographie
- •10 Entzündliche und Autoimmunerkrankungen
- •10.1 Toxoplasmose-Chorioretinitis
- •11 Erkrankungen des Sehnervs
- •11.1 Anteriore ischämische Optikusneuropathie
- •5.7 Chloroquin-Retinopathie
- •Sachverzeichnis
1.1 Fluorescein-Angiographie
1.1 Fluorescein-Angiographie |
H. Heimann |
Fluoreszenz und Fluorescein-Angiographie
Unter Fluoreszenz versteht man die Eigenschaft fester, flüssiger oder gasförmiger Stoffe, eine absorbierte Strahlenenergie in Form von elektromagnetischer Strahlung gleicher oder längerer Wellenlänge wieder abzugeben.
Bei der Fluoreszenzangiographie wird eine fluoreszierende Substanz intravenös appliziert, die kurze Zeit später mit dem Blutstrom die retinalen und choroidalen Gefäße füllt. Das durch einen Filter eingegrenzte, anregende Licht führt durch Fluoreszenz der Substanz zu einer Emission von Licht unterschiedlicher Wellenlänge, welches durch einen anderen Filter auf das definierte Emissionsspektrum eingeschränkt und fotografiert bzw. gefilmt werden kann.
In der Augenheilkunde werden derzeit zwei intravenös zu applizierende fluoreszierende Substanzen verwendet: Fluorescein und Indocyaningrün. Sie unterscheiden sich durch ihre Absorptionsund Emissionsspektren und ihre pharmakologischen Eigenschaften, insbesondere in der Bindung an Plasmaproteine, der Elimination und der Passage durch die Gefäßwände der Aderhaut.
Die Entwicklung der Methodik und die klinische Anwendung der Fluoreszenzangiographie gehen auf Chao und Flocks, Novotny und Alvis sowie MacLean und Maumenee zurück. Seit Mitte der 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts werden diese angiographischen Verfahren routinemäßig in der retinologischen Diagnostik verwendet. In Deutschland wurde die Fluoreszenzangiographie vor allem durch Wessing eingeführt, weiterentwickelt und popularisiert.
Natrium-Fluorescein
Natrium-Fluorescein (C20H10O5Na2, MG 376) ist der weltweit am häufigsten zur Durchführung einer Fluoreszenzangiographie verwendete Farbstoff. Die Fluoreszenz nach Erregung besteht für etwa 10–9 Sekunden (ein „Nachleuchten“, wie etwa bei phosphoreszierenden Stoffen, kann daher nicht beobachtet werden).
Die Absorptionsund Emissionsspektren für NatriumFluorescein sind von unterschiedlichen Faktoren abhängig und liegen bei intravenöser Applikation bei 465 nm (Absorption) und 525 nm (Emission).
Etwa 70–80 % des Natrium-Fluoresceins werden an Plasmaproteine gebunden, 20–30 % sind ungebunden. Injiziertes Fluorescein wird im Blutstrom etwa um den Faktor 600 verdünnt und verteilt sich im gesamten Körper. Ungebundenes Natrium-Fluorescein kann, mit Ausnahme der Gefäße des Zentralnervensystems, der Netzhaut und (mit Einschränkungen) der Iris, die Blutgefäße des Körpers frei permeieren. Daher zeigt sich wenige Minuten nach Injektion eine Gelbfärbung von Haut, Schleimhäuten (bis zu 6 h nach Injektion) und Urin (bis zu 36 h nach Injektion, bei eingeschränkter Nierenfunktion auch länger). Bestimmte Laborwerte können bis zur Elimination des Farbstoffes aus dem
Körper beeinflusst werden. Die Elimination von Na- trium-Fluorescein erfolgt überwiegend über die Niere, weniger über die Leber.
Kontraindikationen: Bekannte Überempfindlichkeit gegenüber Fluoresceinderivaten. Einige Firmen geben eine Betablockereinnahme als Gegenanzeige an. Diese beruht nicht auf direkten Wechselwirkungen, sondern auf der Basis der schwierigeren Behandlung allergischer Reaktionen bei Patienten unter Betablockertherapie.
Es besteht keine medizinisch begründbare Kontraindikation in der Schwangerschaft. Trotzdem wird diese Untersuchung von den meisten Anwendern bei schwangeren Frauen nur in Ausnahmefällen durchgeführt.
Natrium-Fluorescein hat geringe vasokonstriktorische und photosensibilisierende Eigenschaften (Hautirritationen bei Sonnenbestrahlung im Anschluss an die Injektion), die in der Praxis jedoch nicht von Bedeutung sind.
Voraussetzungen für die Durchführung einer Fluorescein-Angiographie
Trotz allgemein sehr guter Verträglichkeit des injizierten Farbstoffes sollte der durchführende bzw. beaufsichtigende Arzt in der medizinischen Notfallversorgung geschult sein. Im Notfall zu verwendende Medikamente müssen ohne Verzögerung und zuverlässig appliziert werden können. Eine schnelle Benachrichtigung und Hinzuziehung von Notfallmedizinern müssen gewährleistet sein.
Ein sicherer intravenöser Zugang ist notwendig, da bei paravasaler bzw. intraarterieller Injektion unter Umständen mit schweren Nebenwirkungen zu rechnen ist. Der Zugang sollte bis zur Beendigung der Angiographie belassen werden.
Als apparative Voraussetzungen sind eine Funduskamera mit automatischem Filmtransport oder ein Digitalkamera, eine Elektronenblitzeinrichtung mit einem Erregungsfilter von 465–490 nm (blau-grünes Spektrum) und ein Aufnahmefilter von 520–530 nm (grüngelbes Spektrum) notwendig. Die Vergrößerung und der abgebildeter Ausschnitt des zu untersuchenden Netzhautareals können durch die Verwendung unterschiedlicher Feldgrößen (abhängig von der verwendeten Funduskamera) gewählt werden. Als Standardaufnahme bei Erkrankungen der Makula wird eine 30°- Einstellung verwendet. Darüber hinaus werden 20°- (größte Vergrößerung bei kleinem Ausschnitt) und 50°- oder 60°-Aufnahmen verwendet.
Die fotografische Dokumentation des gefilterten emittierenden Lichts erfolgt auf hochempfindlichem Schwarzweißfilm oder in elektronischen Bilddateien durch digitale Kamerasysteme. Neuere „Scanning-La- ser-Ophthalmoskope“ (SLO) sind in der Regel ebenfalls für die Durchführung einer Fluoreszenzangiographie ausgestattet. In den letzten Jahren haben sich zuneh-
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1 Untersuchungsmethoden
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mend die digitalen Aufnahmesysteme in der Praxis |
Je nach untersuchtem Krankheitsbild werden nach Be- |
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durchgesetzt. Ihr Vorteil besteht in der sofortigen Aus- |
endigung der arteriovenösen Phase zusätzliche Auf- |
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wertbarkeit, der Möglichkeit der elektronischen Bild- |
nahmen der Fundusperipherie (z. B. bei diabetischer |
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bearbeitung (Kontrastanhebung, Veränderung der Hel- |
Retinopathie) oder des Partnerauges (z. B. bei Makula- |
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ligkeit), der elektronischen Archivierung und Datensi- |
degeneration) angefertigt. Eine parallele, vollständige |
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cherung und dem schnellen, durch Netzwerkverbin- |
Angiographie beider Augen ist mit einer herkömmli- |
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dungen an mehreren Stellen möglichen Zugriff auf das |
chen apparativen Ausstattung nicht möglich. |
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Bildmaterial. |
Nach Beendigung der Angiographie werden, je nach |
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Filmaufnahmen bieten zz. jedoch weiterhin die höhe- |
Technik der Auswertung, 6–8 für die einzelnen Phasen |
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ren Auflösungen, sie sind daher in einigen multizentri- |
der Angiographie typische Abbildungen ausgewählt |
1 |
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schen Studien immer noch der verwendete Dokumen- |
und vergrößert (Filmaufnahme) bzw. digital nachbear- |
|
tationsstandard. In der Praxis hat sich die digitale Tech- |
beitet, abgespeichert und ggf. zu Dokumentationszwe- |
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nik für den überwiegenden Teil der Untersuchungen |
cken ausgedruckt (digitale Angiographie). Die zusätzli- |
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bewährt. |
che Aufbewahrung der nicht vergrößerten Negative |
2 |
Die Qualität der Untersuchung ist entscheidend von der |
bzw. der Bilddateien ist in jedem Fall empfehlenswert. |
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Erfahrung und dem Können des durchführenden Foto- |
Bei inadäquater Aufnahmetechnik kann die Angiogra- |
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grafen und der Kooperation des Patienten abhängig. |
phie bei den meisten Krankheitsbildern nach etwa 2 h |
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Weitere Faktoren, die die Qualität der Angiogramme |
wiederholt werden, da dann keine wesentlichen Fluo- |
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negativ beeinflussen können, sind Medientrübungen, |
reszenzphänomene in der Aderhaut oder der Netzhaut |
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eine ungenügende Pupillendilatation, eine zu langsame |
mehr nachgewiesen werden können. In größeren Stu- |
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oder ungenügende Farbstoffinjektion, eine mangelnde |
dien wird jedoch in der Regel ein 48-stündiges Intervall |
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apparative Ausstattung oder eine schlechte Bearbei- |
empfohlen. |
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tung der Angiogramme. |
Bei entsprechender apparativer Ausstattung können |
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eine Fluoresceinund Indocyaningrün-Angiographie |
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Praktische Durchführung |
entweder parallel oder kurz nacheinander durchge- |
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Vor Beginn der Angiographie sind eine Farbaufnahme |
führt werden, eine gegenseitige Beeinflussung der dar- |
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des Fundus und eine Schwarzweißleeraufnahme emp- |
gestellten Fluoreszenzphänomene oder zusätzliche Ne- |
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fehlenswert; in jedem Fall sollte Klarheit über die zu |
benwirkungen entstehen nicht. |
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untersuchenden Strukturen, eine evtl. besonders zu be- |
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achtende Phase der Angiographie und die zu verwen- |
Befundung |
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dende Vergrößerung bestehen. Bewährt hat sich eben- |
Die Auswertung der Fluorescein-Angiographien stellt |
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falls die Fotodokumentation des Befundes des Partner- |
ein subjektives Verfahren dar, welches durch die Zeit- |
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auges, um diese zum Vergleich bzw. im weiteren Ver- |
punkte der einzelnen Aufnahmen, deren Qualität und |
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lauf heranziehen zu können. |
Auswahl, die Art der Bildbetrachtung und schließlich |
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Die Angiographie beginnt mit der intravenösen Bolus- |
die Erfahrung und Qualifikation des Auswerters beein- |
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applikation von 5 ml 10 %iger Natrium-Fluorescein-Lö- |
flusst wird. Die Befundungen einund derselben Angio- |
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sung (entsprechen 500 mg Wirkstoff, die heutigen kom- |
graphie ergeben daher nicht selten Differenzen zwi- |
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merziell erhältlichen Präparate werden in der Regel in |
schen unterschiedlichen Untersuchern und auch zwi- |
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bereits vorgefertigten Lösungsampullen vertrieben). Bei |
schen zu unterschiedlichen Zeitpunkten angefertigten |
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niereninsuffizienten Patienten wird die Reduzierung |
Befunden eines Untersuchers. |
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auf 2,5 ml der entsprechenden Lösung empfohlen. Paral- |
Im Zweifel sollte der Befund mit erfahrenen Kollegen |
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lel zur Injektion wird eine Stoppuhr, die die zeitliche Zu- |
diskutiert werden. Durch die Verbreitung der digitalen |
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ordnung der Photoaufnahmen ermöglicht, gestartet. |
Angiographie ist dieses unter Verwendung des Inter- |
Nach 10–15 s kann in der Regel der Eintritt des Farb- |
nets auch schnell und relativ unkompliziert klinikoder |
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stoffes in die Aderhaut-, unmittelbar gefolgt von der |
praxisübergreifend möglich. |
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Netzhautzirkulation, beobachtet werden. Erfahrene Fo- |
Der Nachweis einer gewissen Erfahrung in der Fluores- |
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tografen „antizipieren“ den Farbstoffeintritt und begin- |
zenzangiographie ist bisher nur zur Durchführung ei- |
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nen unmittelbar davor mit den sequenziellen Aufnah- |
ner photodynamischen Therapie bei altersbedingter |
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men. Die nun schnell aufeinander folgende arterielle |
Makuladegeneration notwendig. |
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und arteriovenöse Phase der Angiographie stellen die |
Die Betrachtung der angiographischen Aufnahmen und |
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höchsten Anforderungen an den Fotografen, da in kur- |
die Befundung werden von Untersucher zu Untersucher |
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zer zeitlicher Abfolge sequenzielle Aufnahmen (zu Be- |
unterschiedlich durchgeführt. Die technisch beste Be- |
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ginn etwa 1 Bild/s) gemacht werden müssen. Diese |
trachtungsmöglichkeit bietet die Beurteilung von Ste- |
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werden bis zum Erreichen einer maximalen Fluores- |
reoangiographien (Kap. 1.4). Alternativ werden Einzel- |
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zenz (in der Regel nach 25–35 s nach Beginn der Angio- |
vergrößerungen einer 35 mm-Film-Angiographie oder |
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graphie) fortgesetzt. Abgeschlossen wird die Angiogra- |
Bildschirmansichten bzw. Ausdrucke digitaler Angio- |
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phie mit Spätaufnahmen 5, 10 oder 15 min nach Beginn |
graphien zur Befundung herangezogen werden. Da die |
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der Injektion. In Abhängigkeit von Erkrankungsbild und |
Selektion der vergrößerten, nachbearbeiteteten, abge- |
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durchführender Institution liegen hierzu unterschiedli- |
speicherten oder ausgedruckten Einzelbilder von we- |
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che Protokolle vor. |
sentlicher Bedeutung für die Interpretation ist, sollten |
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1.1 Fluorescein-Angiographie
entweder alle angefertigten Bilder zur Befundung herangezogen werden, die Auswahl durch den Befunder selbst erfolgen oder diese standardisiert von einem erfahrenen Angiographen vorgenommen werden.
Zur Befundung sind Informationen zu Anamnese, Krankheitsverlauf, Vorbehandlungen, Visus, vermuteter Diagnose und Fragestellung notwendig.
Der klinische Befund sollte bekannt sein und dem befundenden Arzt zumindest in Form einer Farbaufnahme vorliegen. Hierdurch lassen sich zahlreiche in der Angiographie nicht sicher definierbare Strukturen besser zuordnen.
Zur Verlaufsbeobachtung, z. B. Vergrößerung oder Verkleinerung einer choroidalen Neovaskularisation nach Laserkoagulation, ist das Vorliegen eventuell angefertigter Voraufnahmen erforderlich.
Im Rahmen der Befundung identifiziert der Untersucher Unterschiede der Angiographie zu einem Normalbefund und ordnet diese räumlich (anatomische Strukturen) und zeitlich (Früh-, Mitteloder Spätphase der Angiographie) ein. Idealerweise ergeben sich aus der Kombination von klinischem und angiographischem Befund die Diagnose und die Therapie.
Vermeidung unnötiger Angiographien
Wie sämtliche diagnostischen Eingriffe wird auch die Fluorescein-Angiographie zur Diagnosestellung, zur Entscheidung zwischen therapeutische Verfahren oder in der Verlaufsbeobachtung bestimmter Krankheitsbilder verwendet.
Trotzt der guten Verträglichkeit und hohen Sicherheit ist die Fluorescein-Angiographie jedoch ein invasives Verfahren, das zu potenziell schweren Nebenwirkungen führen kann. Unnötige Angiographien müssen daher vermieden werden.
Die Angiographie sollte nicht durchgeführt werden, wenn die Diagnose auch ohne Angiographie gestellt werden kann und sich aus der Angiographie keine Therapiekonsequenz ergibt. Auch als „Routinekontrolle“ oder zu Dokumentationszwecken, etwa im Verlauf eines diabetischen Makulaödems oder einer Makuladegeneration, ist die Angiographie nicht indiziert.
Unserer Erfahrung nach werden zahlreiche unnötige Angiographien insbesondere in den folgenden Erkrankungsgruppen vorgenommen:
–Altersbedingte Makuladegeneration bei klinisch eindeutiger Diagnose ohne Therapiekonsequenz (z. B. disziforme Narbe oder geographische Atrophie, austherapierter Befund nach photodynamischer Therapie).
–Diabetische Retinopathie zur Diagnose eines klinisch signifikanten Makulaödems oder als „Routinekontrolle“.
–Unklare Sehstörung – bei klinisch völlig unauffälliger Makula und Netzhaut sind durch die Angiographie keine zusätzlichen Informationen zu erwarten.
–Aderhautmelanom – hier ist die Diagnose in der Regel ohne Angiographie zu stellen. In Zweifelsfällen bietet diese meist keine diagnoseentscheidenden Zusatzinformationen.
–Gefäßverschlüsse – die Diagnose kann in der Regel ohne Angiographie gestellt werden. Eine unumstritteneTherapiekonsequenzergibtsichnurbeiVenenastverschluss und hier auch meist erst Monate nach dem Gefäßverschluss. Die Angiographie zur Entscheidung über die Notwendigkeit einer panretinalen Laserkoagulation bei Venenverschlüssen ist sehr umstritten.
Normale Fluorescein-Angiographie
Mit der Fluorescein-Angiographie wird der Blutstrom in den Aderhautund Netzhautgefäßen dargestellt. Nach Injektion in eine periphere Vene gelangt NatriumFluorescein über den Blutkreislauf und die A. ophthalmica in die Gefäßsysteme des Auges. Natrium-Fluores- cein diffundiert schnell innerhalb der Flüssigkeitskompartimente des Auges, kann jedoch die Netzhautgefäße und das retinale Pigmentepithel nicht passieren; die Fluorescein-Angiographie dient daher zur Überprüfung der Integrität der Blut-Retina-Schranke.
Zwei Gefäßsysteme mit unterschiedlicher Durchlässigkeit für Fluorescein werden nahezu zeitgleich gefüllt: Aderhautund Netzhautgefäße. Diese werden von dem retinalen Pigmentepithel (RPE) getrennt. Während nicht erkrankte Netzhautgefäße und die großen Aderhautgefäße Fluorescein aufgrund der vorhandenen „Tight Junctions“ praktisch nicht durchlassen (sog. „innere Blut-Retina-Schranke“), kann der Farbstoff die fenestrierten Aderhautgefäße der Choriokapillaris frei permeieren und verteilt sich so sehr schnell in der gesamten Aderhaut.
Das retinale Pigmentepithel stellt sowohl eine optische Barriere für anregendes und emittierendes Licht als auch eine funktionelle Schranke dar, da die Zonulae occludentes des retinalen Pigmentepithels von zirkulierendem Fluorescein nicht passiert werden („äußere Blut-Retina-Schranke“). Der Pigmentgehalt des retinalen Pigmentepithels bei Menschen schwarzafrikanischer oder asiatischer Herkunft entspricht dem der weniger pigmentierten Rassen. Der Unterschied der Helligkeit des Augenhintergrundes beruht auf der variablen Pigmentierung in der Aderhaut.
Als erste sichtbare Veränderung wird die Choriokapillaris der Aderhaut über die Aa. ciliares posteriores gefüllt. Die Anflutung des Fluoresceins entspricht dem läppchenförmigen Aufbau dieser Schicht. Obwohl keine anatomisch sichtbaren Barrieren bestehen, ist eine interindividuell sehr unterschiedliche segmentförmige Füllung der Choriokapillaris nachzuweisen. In der Peripherie besteht eine eher spindelartige segmentale Versorgung. Die langen posterioren Ziliararterien versorgen jeweils ein peripheres Segment nasal und temporal. Eine diagnostische Bedeutung kommt der frühen Aderhautfüllung nur bei bestimmten Erkrankungen zu (z. B. Aderhauthämangiom oder anteriore ischämische Optikusneuropathie).
Eventuell vorliegende zilioretinale Gefäße füllen sich zeitgleich mit der Choriokapillaris, also in der Regel etwas früher als die eigentlichen retinalen Gefäße.
Der erste Farbstoffnachweis in den retinalen Gefäßen wird zwischen 10 und 15 s nach Beginn der Injektion
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1 Untersuchungsmethoden
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beobachtet (sog. „Arm-Retina-Zeit“, durchschnittlich |
küle in der Aderhaut entsprechend einem Konzentrati- |
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um 11 s bei jungen gesunden Probanden). Im Vergleich |
onsgradienten durch Diffusion zurück in die Gefäße. |
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zur Aderhaut füllen sich die retinalen Gefäße zwischen |
Durch Verdünnung und Elimination lässt die Hinter- |
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0 und 2 s später. Die „arteriovenöse Passagezeit“ (Zeit |
grundfluoreszenz nach. |
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zwischen erstem Auftreten des Farbstoffes in den papil- |
Die Papille wird zum einen aus den posterioren Ziliar- |
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lennahen Arterien bis zum ersten Nachweis in den Ve- |
gefäßen gefüllt, zum anderen sind zahlreiche Netz- |
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nen) beträgt im Mittel 1,5 s. Eine weitere Begriffsbe- |
hautkapillaren auf der Papille sichtbar. Hieraus resul- |
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stimmung der arteriovenösen Passagezeit definiert |
tiert eine deutliche Anfärbung der Papille im Verlauf |
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diese als den Zeitabstand zwischen erstem Auftreten |
der Angiographie. Geringgradige Leckagephänomene |
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des Farbstoffes in den temporalen Arterien bis zur voll- |
im Bereich der Papille sind durch die fenestrierte peri- |
||||
1 |
ständigen Füllung der großen temporalen Netzhautve- |
papilläre Choriokapillaris und eine Anfärbung der La- |
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nen (Normalwert bis zu 11 s). |
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mina cribrosa auch im normalen Angiogramm anzu- |
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Die retinalen Gefäße sind in den inneren zwei Dritteln |
treffen. |
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der Netzhaut lokalisiert, das äußere Drittel mit den |
Als letztes Fluoreszenzphänomen ist schließlich eine |
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Photorezeptoren ist gefäßfrei. Die Arterienäste stellen |
Anfärbung der inneren Skleraschichten, gegen die sich |
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Endarterien ohne Anastomosen dar. Netzhautarterien |
die Aderhautgefäße schattenartig darstellen, sichtbar. |
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und -venen verlaufen in der Ganglienzellschicht, die |
Ein standardisiertes Schema zur Benennung der unter- |
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Kapillaren bilden tiefer reichende, übereinander ange- |
schiedlichen Phasen der Angiographie besteht nicht; sie |
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ordnete Schichten, die bis an die äußere plexiforme |
ist individuellen Interpretationen und willkürlichen |
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Schicht heranreichen. Eine spezielle oberflächliche Ka- |
Einteilungen unterworfen. Im Allgemeinen unterschei- |
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|
pillarschicht ist peripapillär zu beobachten. |
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det man jedoch eine Frühphase (Füllung der Netzhautar- |
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Nach Injektion |
verteilt sich der Farbstoff |
über |
die |
terien, „arterielle Phase“) von einer Mittelphase oder ar- |
|
A. centralis retinae in den Netzhautarterien mit einer |
teriovenösen Phase (arteriovenöser Übergang, oft noch |
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zunächst axialen Strömung. Sichtbar wird vor allem das |
unterteilt in frühe, mittlere und späte arteriovenöse |
||||
|
nichtgebundene Fluorescein, das praktisch den Plasma- |
Phase) und einer Spätphase (Nachlassen der fluoreszen- |
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5 |
strom repräsentiert. Da im normalen Fundusbild die |
zangiographischen Phänomene). Die Terminierung der |
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Erythrozytensäule in den Blutgefäßen wahrgenommen |
Spätphase wird unterschiedlich gehandhabt. In der Re- |
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wird, erscheinen die Gefäße in der Fluorescein-Angio- |
gel wird eine Aufnahme nach 5 min durchgeführt. Bei be- |
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graphie im Vergleich breiter. Bei anämischen Patienten |
stimmten Erkrankungen (z. B. Unterscheidung Leckage |
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fällt eine kräftigere Fluoreszenz durch den relativ höhe- |
oder Staining bei exsudativer Makuladegeneration) ist |
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ren Plasmaanteil auf. |
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eine Aufnahme nach 10 min erforderlich. |
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Innerhalb von 1–2 s sind sämtliche Arterienäste gefüllt. |
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Daraufhin kann ein Übertritt in die Kapillaren, zunächst |
Identifikation abnormer Erscheinungen |
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im Makulabereich, beobachtet werden. Orientierung |
in der Fluorescein-Angiographie |
|||||
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und Dichte des Kapillarnetzwerkes weisen regionale |
Die Interpretation der Fluorescein-Angiographie ba- |
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Unterschiede |
(Makula/Papille/Peripherie) |
auf. |
Die |
siert auf der Identifikation von Fluoreszenzphänome- |
|
zentralen Makulabereiche stellen sich aufgrund der ho- |
nen, die von der normalen Angiographie abweichen. |
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hen Xantophyllkonzentration und der vermehrten Pig- |
Diese Erscheinungen werden in räumlichen und zeitli- |
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|
mentierung durch Blockade der Aderhautfluoreszenz |
chen Bezug zur Angiographie gestellt und mit bekann- |
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9 |
dunkler dar. |
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ten Veränderungen bei bestimmten Erkrankungen ver- |
|
Zeitgleich mit der Füllung der Arterien in der Fundus- |
glichen. |
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peripherie beginnt in der zentralen Netzhaut bereits |
Die von der normalen Angiographie abweichenden |
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die Füllung der Netzhautvenen. Da das Fluorescein der |
Phänomene teilt man in 2 Gruppen ein: Hyperund Hy- |
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zentralen Venolen zeitlich vor den peripheren Venolen |
pofluoreszenzen. Unter einer Hyperfluoreszenz ver- |
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in den abführenden Venen eintrifft, kann eine laminare |
steht man einen gegenüber der normalen Angiographie |
||||
|
Strömung in den Gefäßen beobachtet werden. Nach |
vermehrten Fluorescein-Nachweis. Eine Leckage be- |
||||
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etwa 25 s hat sich der Farbstoff gleichmäßig in Arterien |
zeichnet einen Übertritt von Fluorescein in umgebende |
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und Venen verteilt, zu diesem Zeitpunkt lässt sich das |
Gewebe, meist aus vermehrt durchlässigen Gefäßen. |
|||||
|
perifoveale Kapillarnetz am besten beobachten. Nach |
Unter einer Hypofluoreszenz versteht man im Gegen- |
||||
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Erreichen der maximalen Konzentration lässt die sicht- |
satz dazu einen gegenüber der Norm abgeschwächten |
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bare intraluminale Fluoreszenz in den Netzhautgefä- |
Fluorescein-Nachweis. |
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|
ßen dann bereits wieder nach. |
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Hyperund Hypofluoreszenzen können viele verschie- |
||
|
Zwischenzeitlich hat der Farbstoff die gefensterten |
dene Ursachen haben. Multiple Hyperund Hypofluo- |
||||
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Aderhautgefäße der Choriokapillaris bereits innerhalb |
reszenzen verschiedenster Ursache können in Kombi- |
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weniger Sekunden verlassen und sich in der Aderhaut |
nation bei einund derselben Angiographie vorkom- |
||||
|
diffus verteilt. Dieses ruft eine meist homogene Hinter- |
men. |
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grundfluoreszenz hervor, die etwa parallel zu der Fül- |
Hyperund Hypofluoreszenzen sind immer in Bezie- |
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lung der Netzhautkapillaren ihren Höhepunkt erreicht. |
hung zu der anatomischen Struktur, zur Phase der An- |
||||
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In der Folgezeit verschieben sich die Fluoresceinmole- |
giographie und zu ihrer möglichen Veränderung im |
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Laufe der Angiographie zu sehen. |
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1.1 Fluorescein-Angiographie
So kann unter Umständen aus einer Hyperfluoreszenz in der Frühphase eine Hypofluoreszenz in der Spätphase werden und umgekehrt.
Hyperfluoreszenz
Hyperfluoreszenzen können bei sog. „Fensterdefekten“, bei neu gebildeten Gefäßen oder gefäßführenden Strukturen oder bei Störungen der inneren oder äußeren Blut-Retina-Schranke entstehen.
Bei Fensterdefekten kommt es zu einer vermehrten Sichtbarkeit der normalen Aderhautfluoreszenz durch einen Defekt des retinalen Pigmentepithels. Typisch ist die frühe, scharf begrenzte Hyperfluoreszenz, die im Verlauf abnimmt. Leckagephänomene (ein „wasserfarbenartiges“ Verlaufen der Hyperfluoreszenzen) sind nicht anzutreffen.
Bei neu gebildeten Gefäßen oder gefäßführenden Strukturen entstehen Hyperfluoreszenzen durch deren Lokalisation und somit zusätzliche Fluoreszenz in den entsprechenden anatomischen Strukturen und die meistens anzutreffende vermehrte Durchlässigkeit der neu gebildeten Gefäße für Fluorescein. Typisch ist auch hier eine frühe Hyperfluoreszenz durch Füllung der neu gebildeten Gefäße in der arteriellen Phase. Diese kann im Verlauf durch persistierende Leckage zunehmen, die zunächst scharfen Begrenzungen der Hyperfluoreszenz verlaufen dann. Im Gegensatz zu Neovaskularisationen weisen Kollateralbildungen schwächere oder keine Leckagephänomene auf.
Störungen der äußeren Blut-Retina-Schranke, hervorgerufen durch funktionelle Veränderungen des retinalen Pigmentepithels, werden meist als späte Hyperfluoreszenzen durch eine Ansammlung des Farbstoffes vor oder hinter dem Pigmentepithel sichtbar (z. B. Retinopathia centralis serosa).
Bei Störungen der inneren Blut-Retina-Schranke kommt es meist zu einer paravasalen, im Verlauf zunehmenden Hyperfluoreszenz mit Leckagephänomenen (z. B. bei retinalen Vaskulitiden).
Hypofluoreszenz
Hypofluoreszenzen entstehen durch eine Verminderung des anregenden oder emittierten Lichts oder der farbstoffführenden Strukturen.
Klassischerweise entstehen Hypofluoreszenzen durch eine Blockade einer normalen Fluoreszenz (z. B. „Aussperrung“ des anregenden Lichts und Verdeckung der Aderhautfluoreszenz durch eine retinale Blutung) oder durch eine Minderperfusion (z. B. bei arteriellen Gefäßverschlüssen).
Der Übergang von einer initialen Hypofluoreszenz zu einer späten Hyperfluoreszenz kann typischerweise bei entzündlichen Veränderungen von Netzhaut und Aderhaut und bestimmten tumorösen Veränderungen beobachtet werden. Die initiale Hypofluoreszenz erklärt sich durch die Blockadephänomene der Raumforderung (z. B. Netzhautödem oder Tumor), gefolgt von einer Hyperfluoreszenz durch vermehrte oder vermehrt durchlässige Gefäße.
Literatur
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Abb. 1.1 a–i
aAls erstes fluoresceinangiographisches Phänomen kann die Füllung der Aderhautgefäße beobachtet werden. Die Netzhautgefäße zeigen noch keine Farbstoffansammlung (13 s nach Injektion).
bArterielle Frühphase: Die Netzhautarterien beginnen sich mit Fluorescein zu füllen. Die Aderhautanfärbung verteilt sich weiter und wird bereits diffuser (16 s).
cFrühe arteriovenöse Phase: Die papillennahen Netzhautvenen weisen eine laminare Füllung auf, in den peripheren Venen ist noch kein Farbstoff erkennbar, Die zentrale Makula verdeckt die Aderhautfluoreszenz durch ihren höheren Pigmentgehalt und wirkt so dunkler (17 s).
dMittlere arteriovenöse Phase: Die laminare Strömung ist den Hauptstämmen der Netzhautvenen erkennbar (19 s).
eSpäte arteriovenöse Phase: Der Farbstoff hat sich homogen in Arterien und Venen verteilt. Das parafoveale Kapillarmuster lässt
sich in dieser Phase am besten darstellen. Die Aderhaut ist ebenfalls homogen angefüllt, es beginnt die Rediffusion des Fluoresceins in die Aderhautgefäße (31 s).
fSpätphase: Die fluoresceinangiographischen Phänomene lassen nach, der Farbstoff ist noch schwach in den Netzhautgefäßen erkennbar, Die Aderhautgefäße fallen als „Schatten“ gegen die noch bestehende Fluoreszenz in der Sklera auf (5 min).
gAufnahme mit 50°-Ausschnitt. Sie ermöglicht einen guten Überblick über die Netzhaut bis zu den großen Gefäßbögen.
hAufnahme mit 30°. Mit ihr lassen sich Makula und Papille mit einer guten Auflösung darstellen. Die 30°-Aufnahme ist der Standard für den Großteil der durchgeführten Angiographien.
iAufnahme mit 20°. Hiermit lassen sich noch mehr Details darstellen. Allerdings ist die Fokussierung schwieriger und der Ausschnitt kleiner, so dass Papille und Makula nicht immer gleichzeitig abgebildet werden können oder häufiger unscharf erscheinen.
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1.1 Fluorescein-Angiographie
Abb. 1.1 j–o
jFrühphase: Darstellung der unterschiedlichen Gefäßsysteme bei einer Patientin nach chirurgischer Extraktion einer idiopathischen choroidalen Neovaskularisation, bei der Teile der Aderhaut, der Choriokapillaris und des Pigmentepithels entfernt wurden. Vor Füllung der Netzhautgefäße ist in der Tiefe der Läsion die Füllung der großen Aderhautgefäße erkennbar. Aus diesen tritt Fluorescein wie auch aus den Netzhautgefäßen nicht aus. Durch das Fehlen des Pigmentepithels wird dieses Gefäß verbessert sichtbar (Hyperfluoreszenz durch „Fensterdefekt“).
kFrühe arteriovenöse Phase. Im oberen Bereich der Läsion fehlt die Choriokapillaris, es entsteht eine Hypofluoreszenz durch Fehlen dieser Gewebeschichten. Im unteren Randbereich der Läsion ist die Choriokapillaris noch vorhanden, doch fehlt hier stellenweise das retinale Pigmentepithel. Man erkennt hier die Verteilung des Fluoresceins in den einzelnen Aderhautgefäßen. In den periphereren Netzhautanteilen wirkt die Füllung durch das Pigmentepithel verwaschener und undeutlicher.
lUnterschiedliche Fluoreszenzen bei Makuladegeneration. Im temporalen Anteil der Läsion besteht eine geographische Atrophie mit einem Pigmentepitheldefekt; hier entsteht eine Hyperfluoreszenz durch einen Fensterdefekt und die bessere Sichtbarkeit der Aderhautgefäße. Im zentralen Anteil besteht eine choroidale Neovaskularisation, die sich mit Farbstoff in der frühen arteriovenösen Phase füllt.
m In der Spätphase bleiben die Hyperfluoreszenzen temporal durch die Fensterdefekte scharf begrenzt. Nasal kann eine Leckage (Verlaufen der Grenzen der ursprünglichen Hyperfluoreszenz) im Bereich der Neovaskularisation beobachtet werden. Nasal oberhalb der Neovaskularisation zeigt sich eine in allen Phasen anzutreffende Hypofluoreszenz durch eine Blockade bei subretinaler Blutung.
nUnterschiedliche Hyperund Hypofluoreszenzen bei proliferativer diabetischer Retinopathie (frühe arteriovenöse Phase). Im oberen Bildausschnitt Hypofluoreszenzen durch Hyperpigmentierungen nach Laserkoagulation, Minderperfusion bei Kapillarokklusionen und temporal durch intraretinale Blutungen. Hyperfluoreszenzen im gesamten Bildausschnitt durch Mikroaneurysmen, intraretinale Gefäßanomalien und Gefäßproliferationen.
oIn der Spätphase zeigen sich deutliche Leckagen über den Neovaskularisationen an der Papille und oberhalb der Fovea. Die Kollateralen und Mikroaneurysmen weisen in der Spätphase geringere Leckagephänomene auf. Die Wand der Hauptvene des oberen Gefäßbogens zeigt bei Gefäßwandschädigungen eine persistierende Färbung der Gefäßwand. Die Hypofluoreszenzen im Bereich der Laserherde, Blutungen und Minderperfusionsareale persistieren.
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1 Untersuchungsmethoden
1.2 Indocyaningrün-Angiographie F. Gelisken
Indocyaningrün
Indocyaningrün (ICG) ist ein wasserlöslicher Tricarbo- cyanin-Farbstoff mit einem Molekulargewicht von 774,96 Dalton.
Aufgrund der Exzitation und Emission im Infrarotbereich (780–810 nm) gelingt im Vergleich zum Fluorescein eine bessere Transmission durch Blutungen, Pig-
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ment und Exsudation. |
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Indocyaningrün wird zu 98 % an Plasmaproteine gebun- |
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den, dadurch entsteht im Vergleich zum Fluorescein |
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eine geringere Leckage. |
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Durch die beschriebenen Unterschiede zum Fluores- |
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cein ist die Indocyaningrün-Angiographie besonders |
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zur Darstellung der choroidalen Gefäßstruktur geeig- |
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net. |
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Durchführung |
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Vor Beginn der Untersuchung erfolgt eine Leerauf- |
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nahme zum Ausschluss einer Pseudohyperfluoreszenz. |
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Anschließend werden 25–50 mg gelöstes Indocyanin- |
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grün intravenös als Bolus injiziert. |
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Innerhalb der ersten Minute sollten mehrere Aufnah- |
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men erfolgen, danach sind Aufnahmen minütlich bis |
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zur 5. min und weitere Aufnahmen in der 10., 20. und |
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30. min erforderlich. |
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Für die Indocyaningrün-Angiographie existieren unter- |
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schiedliche Angiographiesysteme: Scanning-Laser- |
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Ophthalmoskop (SLO; Rodenstock), konfokales SLO |
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(Heidelberg Engineering), funduskameragestützte Sys- |
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teme. |
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Das SLO und das konfokale SLO sind zur dynamischen |
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Untersuchung der subretinalen Gefäße (Anastomosen, |
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zuführende Gefäße aus choroidalen Neovaskularisatio- |
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nen [CNV]) besser geeignet. |
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Funduskameragestützte Systeme bieten bessere Auf- |
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nahmequalität peripherer Läsionen und schärfere De- |
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tails in der Spätphase. |
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Da die verschiedenen Aufnahmesysteme zum Teil un- |
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terschiedliche Bilder bei gleichen Befunden ergeben, ist |
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die Interpretation der Indocyaningrün-Angiographie |
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schwieriger und subjektiver als die der Fluorescein-An- |
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giographie. |
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Phasen der Indocyaningrün-Angiographie |
1 – Frühphase:
Füllung der choroidalen Arterien, der Choriokapillaris und der Venen wenige Sekunden nach Erreichen der
choroidalen Zirkulation durch das Indocyaningrün.
2 – Mittlere Phase (spätvenöse Phase):
Langsame Abnahme der Kontrastunterschiede zwischen den choroidalen Gefäßen und dem Hintergrund mit Isofluoreszenz am Ende der Phase. Dauer: 10–20 min.
3 – Spätphase (Inversionsphase):
Dunkel sichtbare choroidale Gefäße auf der Hintergrundfluoreszenz. Beginn dieser Phase 10–15 min nach Injektion von Indocyaningrün.
Interpretation der Indocyaningrün-Angiographie
Die Logik der Interpretation der Indocyaningrün-An- giographie ist ähnlich zu der Fluorescein-Angiographie, aber es bestehen wichtige Unterschiede:
–Aufgrund der Transmission des Infrarotlichtes fehlt die Blockade des retinalen Pigmentepithels (RPE), daher ergibt sich bei intakter Choriokapillaris nur eine relative Hyperfluoreszenz im fehlenden Pigmentepithelareal, aber kein kontrastreicher Fensterdefekt wie in der Fluorescein-Angiographie.
–Eine durch Leckage bedingte Hyperfluoreszenz ist besser abgrenzbar als in der Fluorescein-Angiogra- phie, da aufgrund der hohen Bindung an Plasmaproteine ein langsamerer Farbstoffaustritt erfolgt.
Ursachen einer Hypofluoreszenz
Blockade durch Pigment, subretinale Flüssigkeit, Blutung (trotz besserer Transmission des Infrarotlichtes, Penetration von der Dichte der oben genannten Läsionen abhängig).
Füllungsdefekte durch Atrophie oder Perfusionsstörung der Aderhaut (Z. n. Laserkoagulation, photodynamischer Therapie, Entzündung, maligner arterieller Hypertonie).
Ursachen einer Hyperfluoreszenz
Leckage durch pathologische Gefäße (choroidale Neovaskularisation) oder Hyperpermeabilität der Aderhaut (Retinopathia centralis serosa).
Anfärbung von Fibrin, Bruch-Membran, retinalem Pigmentepithel.
Pseudohyperfluoreszenz (Hyperfluoreszenz vor Injektion von Indocyaningrün) kann aufgrund einer alten organisierten subretinalen Blutung, Lipofuszins, pigmentierter choroidaler Neovaskularisation oder chronischer Retinitis centralis serosa vorhanden sein.
Artefakte
„Blooming-Effekt“: Hyperfluoreszenz, häufig in der retinalen Füllungsphase bedingt durch die hohe Lichtintensität der funduskameragestützten Systeme.
Eine fokale Hyperfluoreszenz kann durch Kreuzung der choroidalen Gefäße vorgetäuscht werden.
Unscharfe Aufnahmen in der Spätphase durch hohe Belichtungsstärke beim SLO.
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1.2 Indocyaningrün-Angiographie
Nebenwirkungen
Indocyaningrün wird in der Regel gut vertragen (besser als Fluorescein), Übelkeit und Erbrechen sind selten. Einzelne lebensbedrohliche Zwischenfälle wurden jedoch berichtet. Wie beim Fluorescein ist auf eine sichere intravenöse Injektion zu achten.
Die Unverträglichkeit des Indocyaningrüns wird zum größten Teil durch das zur Stabilisierung des Farbstoffes angewendete Jod bedingt.
Indikationen
Die Indocyaningrün-Angiographie bietet zahlreiche zusätzliche Informationen in Addition zur FluoresceinAngiographie. Die Unterschiede wurden in den letzten Jahren hauptsächlich im Rahmen wissenschaftlicher Studien untersucht und beschrieben. Aufgrund des hohen apparativen Aufwandes ist die Indocyaningrün-An- giographie nicht so verbreitet wie die Fluorescein-An- giographie. Ihr Einsatz in der klinischen Routine außerhalb wissenschaftlicher Untersuchungen beschränkt sich bisher auf einige bestimmte Krankheitsbilder:
–Differenzierung der Untergruppen der neovaskulären altersbedingten Makuladegeneration: Retinale angiomatöse Proliferation, chorioretinale Anastomosen und polypoidale choroidale Vaskulopathie mit unterschiedlichem Risikoprofil bzgl. der Klinik, Prognose und Therapie können mit der IndocyaningrünAngiographie differenziert werden.
–Ausschluss einer Retinitis centralis serosa (RCS).
–Entzündliche Prozesse der Aderhaut.
–Epiretinale Blutungen: bei der Diagnose arterieller Makroaneurysmen oder der retinalen angiomatösen Proliferation nützlich bei Blockade in der Fluores- cein-Angiographie.
Kontraindikationen
Allergie gegen Indocyaningrün.
Schilddrüsenüberfunktion (bei klinischer Notwendigkeit nach Absprache mit Internisten evtl. möglich).
Jodallergie (bei klinischer Notwendigkeit ist eine Indo- cyaningrün-Angiographie mit jodfreien Präparaten durchführbar).
Schwangerschaft.
Fortgeschrittene Leberinsuffizienz.
Literatur
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Hope-Ross M, Yannuzzi LA, Gragoudas ES, et al. Adverse reactions due to indocyanine green. Ophthalmology. 1994;101:529–33.
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Yannuzzi L, Flower RW, Slakter JS, eds. Indocyanine green angiography. St. Louis: Mosby; 1997:1–359.
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1 Untersuchungsmethoden
Abb. 1.2 a–d Normalbefund
aKlinisches Bild: Es zeigt sich eine homogene Pigmentverteilung am hinteren Pol. Der dunkle Reflex in der Fovea ist durch das Xantophyllpigment bedingt.
bArteriovenöse Phase der Fluorescein-Angiographie: Es zeigt sich eine homogene Hintergrundfluoreszenz. Diese Hintergrundfluoreszenz ist das Ergebnis der choroidalen Fluoreszenz und des Blockadeeffektes des retinalen Pigmentepithels (RPE). Temporal der Papille ist ein Fensterdefekt, verursacht durch die Atrophie des RPE, erkennbar. Hypofluoreszenz in der Fovea entwickelt sich durch die Blockade des Xantophyllpigmentes.
cMittlere Phase der Indocyaningrün-Angiographie: Die Aderhautgefäße sind sichtbar. Durch die Penetration des langwelligen Infrarotlichtes zeigt sich kein Blockadeeffekt des normalen retinalen Pigmentepithels. Durch diese Eigenschaft fehlt in der ICG-An- giographie die kontrastreiche Fluoreszenz der retinalen Gefäße vor dem Hintergrund. Dadurch wird die Darstellung der choroidalen Gefäße möglich.
dSpätphase: In der Spätphase (30 min nach ICG-Injektion) zeigt sich eine homogene Fluoreszenz (Isofluoreszenz) am Fundus. Der Sehnerv ist als eine hypofluoreszente runde Struktur dargestellt. Dunkle Silhouetten der großkalibrigen choroidalen Gefäße lassen sich darstellen.
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1.2 Indocyaningrün-Angiographie
Abb. 1.2 e–l Hypo-, Hyperfluoreszenz
e Klinisches Bild: In der mittleren Peripherie des rechten Auges zeigt sich eine dunkel pigmentierte, flache, subretinale Läsion. Es handelt sich hier um eine angeborene Hypertrophie des RPE.
fFluorescein-Angiographie: In der arteriovenösen Phase zeigt sich eine Hypofluoreszenz bedingt durch die Blockade der Aderhautfluoreszenz durch die pigmentierte Fundusläsion.
gMittlere Phase der ICG-Angiographie: In der spätvenösen Phase sind die choroidalen Gefäße sichtbar. Die normale retinale Pigmentepithelschicht erzeugt keinen Blockadeeffekt, jedoch imponiert die Läsion als ein hypofluoreszentes Areal. Diese Hypofluoreszenz ist durch die dichte Pigmentierung bedingt, die genauso wie bei der Fluorescein-Angiographie einen Blockadeeffekt hat.
hSpätphase der ICG-Angiographie: Das Auswaschen des ICG-Farb- stoffes führt zu einer Isofluoreszenz des Fundus. Die dunklen Sil-
houetten der großkalibrigen choroidalen Gefäße sind erkennbar. Die hypofluoreszente Läsion ist auch in der Spätphase unverändert.
iKlinisches Bild: Am rechten Auge zeigen sich ein Makulaödem und eine subretinale Blutung nasal unterhalb der Fovea.
jFluorescein-Angiographie: In der Frühphase imponiert eine stark hyperfluoreszente Struktur, vereinbar mit einer klassischen choroidalen Neovaskularisation (CNV).
kMittlere Phase der ICG-Angiographie: In der Fovea zeigt sich das Gefäßnetz der CNV. Aufgrund der langsamen Leckage lassen sich die pathologischen Gefäße der CNV länger darstellen als in der Fluorescein-Angiographie.
lSpätphase der ICG-Angiographie: Subfoveale Hyperfluoreszenz bedingt durch die Leckage der klassischen CNV.
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1 Untersuchungsmethoden
1.3 Autofluoreszenz des retinalen Pigmentepithels U. Kellner
Physiologische und morphologische Grundlagen
In den Lysosomen der Zellen des retinalen Pigmentepithels (RPE) findet lebenslang eine Phagozytose der Photorezeptoraußensegmente statt. Im gesunden Auge wird der größte Teil der anfallenden Endprodukte über die Basalmembran Richtung Aderhaut aus der Zelle transportiert. Mit zunehmendem Alter und bei ver-
1schiedenen Erkrankungen kommt es jedoch zu einem vermehrten Entstehen und Verbleiben von Abbauprodukten in den Lipofuszingranula der Pigmentepithel-
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zellen. |
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In den Lipofuszingranula finden sich verschiedene Ab- |
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bauprodukte, von denen mindestens 10 als Fluorophore |
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zu dem Phänomen der Autofluoreszenz beitragen. |
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Es gibt auch andere Autofluoreszenzphänomene am |
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Augenhintergrund, in vivo ist die Autofluoreszenz im |
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Wesentlichen auf das Lipofuszin im retinalen Pigment- |
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epithel zurückzuführen. |
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Die Messung der Autofluoreszenz ist ein nichtinvasives |
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Verfahren, das die Lipofuszinakkumulation als Parame- |
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ter zur Beurteilung von Alterungsprozessen und für |
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Veränderungen des retinalen Pigmentepithels bei ver- |
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schiedenen retinalen Erkrankungen verwendet. |
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Untersuchungsmethode |
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Die Autofluoreszenzmessung erfolgt am häufigsten mit |
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dem konfokalen Scanning-Laser-Ophthalmoskop (Hei- |
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delberg Retina Angiograph [HRA], Heidelberg Enginee- |
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ring, Heidelberg). |
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Die Exzitation erfolgt mit einem Argonblaulaser |
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(488 nm) und es wird durch entsprechende Filterung |
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emittiertes Licht nur oberhalb von 500 nm gemessen. |
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Es wird eine Serie von bis zu 30 Bildern hintereinander |
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aufgenommen, die zur Optimierung des Signal-Rausch- |
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Abstandes digital unter Berücksichtigung der Augenbe- |
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wegungen miteinander verrechnet werden. |
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Normalbefund |
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Die Netzhautgefäße liegen als dunkle Schatten vor der |
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Autofluoreszenz des retinalen Pigmentepithels. Die Pa- |
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pille ist ebenfalls dunkel. |
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In der Fovea besteht eine Verminderung der Autofluo- |
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reszenz, bedingt durch die Blockade durch das gelbe |
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Makulapigment und eine geringere Lipofuszinmenge in |
den Pigmentepithelzellen unter der Fovea. Die Größe dieser zentralen Verminderung der Fluoreszenz ist individuell variabel.
Die stärkste Autofluoreszenz besteht in einem Ring zum Rande der Makula, nach peripher nimmt der Lipofuszingehalt der Pigmentepithelzellen und damit die Autofluoreszenz ab.
Die Untersuchung erlaubt die Beurteilung der Abweichung der Autofluoreszenzverteilung vom normalen Muster und individuelle Änderungen im Verlauf.
Ein interindividueller Vergleich ist aufgrund der variablen optischen Medien und der variablen Laserintensität schwierig.
Pathologische Befunde
Eine erhöht Autofluoreszenz entspricht einem erhöhten Lipofuszingehalt und damit möglicherweise einem aktiven degenerativen Prozess. Eine erhöhte Autofluoreszenz könnte unter Umständen auch durch eine Verschiebung von Pigmentepithelzellen bei Aderhautprozessen entstehen.
Eine verminderte Autofluoreszenz kann einer verminderten Entstehung von Lipofuszin, einem Fehlen von Pigmentepithelzellen oder einer Blockade durch Gefäße, Blut oder andere Ursachen entsprechen.
Einsatzmöglichkeiten
Zahlreiche Netzhauterkrankungen sind in kleinen Serien mit der Autofluoreszenz untersucht worden. Es besteht allerdings die Notwendigkeit, größere Serien im Langzeitverlauf zu untersuchen, um die Aussagekraft der Methode zu sichern.
Prinzipiell könnte die Autofluoreszenz bei allen nichtexsudativen retinalen Erkrankungen die invasivere Fluorescein-Angiographie ersetzen. Sie ist ebenfalls einfacher zu Verlaufskontrollen einsetzbar.
Bei der altersbedingten Makuladegeneration (AMD) konnte gezeigt werden, dass am Rande einer geographischen Atrophie Areale mit verstärkter Autofluoreszenz die Bereiche markieren, die als nächste von der Atrophie betroffen sein werden.
Bei hereditären Netzhautdystrophien können sich bei ophthalmoskopisch ähnlichen Befunden in der Autofluoreszenz unterschiedliche Veränderungen darstellen, deren differenzialdiagnostische und prognostische Bedeutung noch geklärt werden muss. In einzelnen Fällen sind Veränderungen der Autofluoreszenz die einzige erkennbare morphologische Veränderung.
Darstellung von Drusen in der Papille.
Literatur
Delori FC, Dorey CK, Staurenghi G, Arend O, Goger DG, Weiter JJ. In vivo fluorescence of the ocular fundus exhibits retinal pigment epithelium lipofuscin characteristics. Invest Ophthalmol Vis Sci. 1995;36:718–29.
Eldred GE. Age pigment structure. Nature. 1993;364:396.
Holz FG. Autofluoreszenz-Imaging der Makula. Ophthalmologe. 2001;98:10–8.
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1.3 Autofluoreszenz des retinalen Pigmentepithels
Abb. 1.3 a–f
aAutofluoreszenz: Normalbefund, Erläuterungen im Text.
bAutofluoreszenz: Makuladystrophie mit zentraler Fluoreszenzminderung und erhöhter Fluoreszenz zum Rand. Die Verdunklung in der Mitte am Oberrand wird durch eine Glaskörpertrübung verursacht.
cAutofluoreszenz: Makuladystrophie mit fovealer Fluoreszenzerhöhung als einzigem morphologisch-pathologischem Befund.
dAutofluoreszenz: Geographische Atrophie und Drusen bei altersabhängiger Makuladegeneration: Keine Fluoreszenz in der Atrophiezone und fleckige Fluoreszenzvariationen im Bereich ausgeprägter Drusen.
eAutofluoreszenz: Gleicher Patient wie in d: Vergrößerung der geographischen Atrophie nach 1,5 Jahren erkennbar an den Gefäßen temporal oben.
fAutofluoreszenz: Aderhautmelanom mit Exsudatspur nach unten.
Anmerkung des Autors: Alle in meinen Kapiteln wiedergegebenen Autofluoreszenzbilder sind von H. Tillack und A. B. Renner im Rahmen einer prospektiven Studie aufgenommen worden.
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1 Untersuchungsmethoden
1.4 Stereoangiographie W. Inhoffen
Grundprinzip
Die räumliche Zuordnung fluoreszenzangiographisch sichtbarer Phänomene bereitet häufig Schwierigkeiten, z. B. kann oft nicht zwischen Leckagen aus dem Bereich der Netzhaut oder Leckagen aus dem Bereich der Aderhaut differenziert werden. Auch Aussagen bez. einer evtl. vorhandenen Prominenz sind nicht möglich.
1Die notwendige Tiefenauflösung kann jedoch durch die Herstellung von 2 Bildern aus unterschiedlichen Blickwinkeln gewonnen werden (sog. Stereotechnik), wobei
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die beiden zusammengehörigen Bilder mit speziellen |
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Techniken ausgewertet werden müssen. |
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Vorteile der Stereoangiographie |
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Erkennen von Prominenzen der Aderhaut oder des Pig- |
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mentepithels (choroidale Neovaskularisation [CNV], |
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Pigmentepithelabhebung [PEA], Aderhauttumor). |
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Erkennen von Prominenzen der Netzhaut (Makula- |
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ödem, neurosensorische Abhebung). |
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Differenzierungen von Hyperfluoreszenzen aus dem |
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Bereich der Aderhaut/des retinalen Pigmentepithels |
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(RPE) (z. B. bei Retinopathia centralis serosa) oder aus |
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dem Bereich der Netzhaut (Mikroaneurysmen). |
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Durchführung der Stereoangiographie |
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Folgende Techniken sind möglich: |
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– Angiographie mit Spezialkamera (Vollstereotechnik |
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mit fixem Aufnahmewinkel, beide Bilder simultan |
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aufgenommen). |
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– Mit normaler Funduskamera durch 2 nacheinander |
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aufgenommene Bilder (Pseudostereotechnik) durch |
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Bewegung des Kamerakopfes lateral (am häufigsten) |
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oder vertikal (selten). |
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Pseudostereo durch laterale Bewegung: Zuerst Dezen- |
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trierung der Kamera nach links, dann nach rechts mit |
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maximal möglichem Versatz, wobei der Beobachtungs- |
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ring der Kamera noch innerhalb der Patientenpupille |
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liegen muss. Der Wechsel muss möglichst schnell erfol- |
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gen um störende Blickrichtungswechsel des Patienten |
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zu vermeiden und in der Frühphase vergleichbare Fül- |
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lungsmuster in beiden Bildern zu gewährleisten. |
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Anwendung: Nicht nur in der Funduskopie, sondern |
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auch in der Fluoresceinund Indocyaningrün-Angio- |
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graphie sowohl mit den digitalen oder konventionellen Funduskameras als auch mit Laserscannern (HRA, SLO) möglich.
Auswertung der Stereoangiographie
Ausdrucke auf Papier als Stereopaar (linkes Bild neben rechtem Bild). Dabei sollten die Mittelpunkte beider Bilder nicht weiter als 60 mm voneinander entfernt liegen. Betrachtung mit +3- bis +5-dpt-Vorsatzlinsen: Ganz nahe an das Bildpaar herangehen und langsam den Abstand vergrößern, bis der Stereoeffekt im dann erscheinenden dritten mittleren Bild sichtbar wird.
Ausdrucke auf Papier als Anaglyphen: Dieses ist ein einziges Bild, bei dem beide Bilder überlagert (leicht seitlich verschoben) und unterschiedlich eingefärbt sind (rot bzw. grün). Zur visuellen Trennung wird dieses Bild dann mit einer Rotgrünbrille betrachtet.
Negativfilme: Ein zusammengehöriges Stereopaar wird über dem Leuchtkasten mittels Stereobetrachter (z. B. Topcon) untersucht.
Im Auditorium über 2 Diaprojektoren mit speziell angeordneten Polarisator. Beide Bilder werden auf einer nichtpolarisierenden Leinwand übereinander projiziert, die Beobachter tragen Spezialbrillen mit Polarisatoren.
Auf dem Bildschirm: Das Bildpaar kann über Prismen, Spiegelsysteme oder Shutterbrillen (Zubehör von Funduskamerasystemen) betrachtet werden.
Literatur
Frambach DA, Dacey MP, Sadun A. Stereoscopic photography with a scanning laser ophthalmoscope. Am J Ophthalmol. 1993; 116:484–8.
Gass JD. Diseases causing choroidal exudative and hemorrhagic localized (disciform) detachment of the retina and retinal pigment epithelium. In: Gass JD, ed. Stereoscopic atlas of macular diseases: Diagnosis and treatment. 4th ed. St. Louis: Mosby; 1997:49–285.
Orlock D. Special techniques using the conventional ICG fundus camera: Digital stereo imaging. In: Flower LA, Slakter RW, Yannuzzi L, eds. Indocyanine Green Angiography. London: Mosby; 1997:63–71.
Tyler ME. Stereo fundus photography: Pinciples and technique. In: Tyler ME, Saine PJ, eds. Ophthalmic photography. Oxford: Butter- worth-Heinemann; 1997:79–116. (2nd ed. 2002)
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Dieses Dokument ist nur für den persönlichen Gebrauch bestimmt und darf in keiner Form an Dritte weitergegeben werden!
Aus Heimann, H., U. Kellner, M. H. Foerster: Angiographie-Atlas des Augenhintergrundes (ISBN 9783131364913) © 2004 Georg Thieme Verlag KG, Stuttgart
1.4 Stereoangiographie
Abb. 1.4 a–f
aKlinisches Bild: Patient mit einer Pigmentepithelabhebung (PEA, heller großer kreisförmiger Bereich) mit vereinzelten Atrophien durch Drusenresorption.
bFrühe arteriovenöse Phase: Digitale Fluorescein-Angiographie mit Aufnahmekopf in linker Position. Die Pigmentepithelabhebung erscheint hier dunkel und kontrastiert daher gut zu den sichtbaren Gefäßen der choroidalen Neovaskularisation (CNV).
cFrühe arteriovenöse Phase: Kurz nach Aufnahme b und mit Aufnahmekopf in rechter Position. Die CNV ist im räumlichen Bild aus b u. c deutlich im Bereich der Anastomose als knapp unterhalb der Netzhaut im Bereich der PEA liegend erkennbar, wobei die Oberflächenkonfiguration der PEA ebenfalls gut darstellbar ist.
dKlinisches Bild: Derselbe Patienten nach 7 Monaten ohne wesentliche Änderung des Fundusbefundes.
eDigitale Indocyaningrün-Angiographie (ICG-Angiographie) mit Aufnahmekopf in linker Position. Die PEA erscheint hier ebenfalls dunkel und kontrastiert damit gut mit den Gefäßen der subretinalen Neovaskularisation. Die CNV-Gefäße sind deutlicher erkennbar.
fDigitale ICG-Angiographie: Eine Sekunde später in rechter Position: Das räumliche Bild aus e u. f zeigt das zuführende Netzhautgefäß vom unteren Bildrand kommend viel deutlicher als in einer Nichtstereoaufnahme und auch deutlicher als in der Fluoresceinaufnahme. Dagegen ist die PEA in der Fluorescein-Angiographie deutlicher zu erkennen, da mehr Strukturdetails dargestellt sind.
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