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5. Das Pronomen und die Pronominalität

Das Hauptmerkmal der Pronomen besteht darin, dass sie nicht zu den benennenden (nominativen) Wortarten gehören, sondern verwei­sende Wörter sind. Sie nennen nicht die Erscheinungen der objekti­ven Realität, sondern verweisen auf sie. Sie werden auch Zeigewörter genannt. So verweist das Pronomen „ich“ auf einen beliebigen Sprecher. Jeder Mensch, der etwas über sich sagt, nennt sich ich. Genauso ist jeder Gesprächspartner ein du oder Sie, jede bespro­chene Person ein er, sie, es, jede unbekannte Person ist jemand, auf eine beliebige Eigenschaft des Gegenstandes kann man mit solch verweisen usw. Die Pronomen haben also eine sehr allgemeine Bedeutung, die durch den Verweis auf eine Person oder einen Gegenstand, einen Sach­verhalt oder eine Eigenschaft konkretisiert wird, die sich aus dem Satz­zusammenhang oder aus der Situation ergeben.

Walter hatte es längst aufgegeben, mit seinem Vater politisch zu dis­kutieren. Er verdiente, hatte einige Ersparnisse und das Verlangen, sich nach seinem Wunsche sein Leben einzurichten. (Bredel)

Die Pronomen sind nur einige Dutzend Wörter, doch nach der Ver­wendungsfrequenz stehen sie den Funktionswörtern nicht nach.

Man rechnet zum Pronomen als Wortart Wörter mit zweifacher syntaktischer Verwendung: a) Die Stellvertreter der Substantive (substantivische Pro­nomen) und b) die pronominal geprägten Begleitwörter der Substantive (adjektivische Pronomen). Doch auch außerhalb der Wort­art Pronomen begegnen uns Wörter mit verweisender Bedeu­tung, die durch den Verweis auf einen bestimmten Ort, eine bestimmte Zeit usw. konkretisiert wird. Sie sind keine Pronomen, nehmen jedoch an der Pronominalität als besondere Bedeutungs- und Funktionierensart teil. Eine bedeutende Gruppe von Wörtern mit pronomi­naler Bedeutung tritt uns unter den Adverbien entgegen. Es sind die Lokaladverbien hier, da, dort, wo, wohin, irgendwo, nirgends, die Tempo­raladverbien da, dann, wann, je, jemals, nie, niemals; heute; die Modal­adverbien so, wie, die Kausaladverbien warum, darum, die Finaladver­bien wozu, dazu u. a. Wie die Pronomen besitzen sie eine sehr allgemeine verweisende Bedeutung, die jeweils aus dem Kontext (Satzzusammen­hang) oder aus der Situation konkretisiert wird. Wie die Pronomen ich und du einen beliebigen Sprecher und Gesprächspartner bezeichnen kön­nen, so kann das Adverb hier einen beliebigen Ort bezeichnen, wo sich der Sprecher befindet: das Adverb heute kann einen beliebigen Tag bezeichnen, die Adverbien irgendwo, irgendwann einen beliebigen, un­bestimmten Ort bzw. Zeitpunkt angeben.

Die Zugehörigkeit dieser Wör­ter zu den Adverbien ist trotz der ihnen innewohnenden Pronominalität unverkennbar; sie fungieren gleich den Adverbien mit konkreter Bedeu­tung und gehen in dieselben semantischen Subklassen ein. Neben dem temporalen da, dann, heute stehen die Adverbien morgens, tags, zukünf­tig, bald, stets, immer, neben dem lokalen hier, da, dort stehen die Adver­bien vorn, links, rechts, oben, unten, die freilich auch immer situationsbezogen und auf den Sprecher orientiert sind.

Die eigentlichen Pronomen lassen sich nach dem Charakter ihrer Be­ziehung zum Substantiv, d. h. nach ihrer grammatischen Bedeutung in folgende Subklassen einteilen:

a) Personalpronomen: ich, du, er, sie, es, wir, ihr, sie, Sie; b) das Reflexivpronomen sich und das reziproke Pronomen einander; c) Possessivpronomen: mein, dein, sein, ihr, un­ser, euer, ihr, Ihr; d) Demonstrativpronomen: der, die, das, dieser, jener, solch / solcher,derselbe, derjenige, selbst; e) Indefinitpronomen: jemand, je­der, jedermann, man, einer, etwas, jeglicher, gewisser; f) einigen Indefinit­pronomen schließen sich negative Pronomen an: jemand niemand, einer keiner, etwas nichts; g) Interrogativpronomen: wer?, was?, welcher?, was für ein; h) Relativpronomen: der, die,das, welcher, wer, was.

Der Bestand der grammatischen Kategorien und die Flexion der Pro­nomen sind sehr heterogen.

Die meisten substantivischen Pronomen besitzen die Kategorie des Kasus, die wie beim Substantiv einen absoluten Charakter hat. Das Genus fehlt den meisten Pronomen dieser Art (den Personalprono­men der 1. und 2. Person, selbstverständlich auch den Interrogativpro­nomen wer, was und den Indefinitpronomen man, jemand, niemand, etwas, nichts) und ist nur dem Personalpronomen er, sie, es sowie dem substantivischen der, die, das eigen; Genus und Numerus richten sich nach dem vertretenen Substantiv, haben also auch absoluten Charakter.

Eine Eigenart der Pronomen ist, dass mehrere Subklassen der sub-­ stantivischen Pronomen in lexikalisch-grammatische Klassen von Le- bewesen/Nichtlebewesen aufgegliedert sind; sie bilden Oppositionen: wer / was, substantivische der, die, das / das, jemand/ etwas, niemand / nichts. Die lexikalisch-grammatische Opposition: Lebewesen / Nichtlebewesen findet auch Ausdruck in der Parallelität der Präpositionalfügungen mit ihm, für ihn — mit wem, für wen und der Pronominaladverbien damit, dafьr womit, wofür. Ein Inflexibile ist das Pronomen man.

Die adjektivischen Pronomen fungieren als Artikelwörter. Bei den adjektivischen Pronomen haben die Kategorien des Kasus und Numerus sowie das Genus relativen Charakter. Der Formenbestand einzelner Subklassen der adjektivischen Pronomen ist mehr oder we­niger einheitlich.

An der Peripherie des Pronominalfeldes befinden sich die bereits erwähnten Pronominaladverbien vom Typ woran, daran, womit, damit. Die Bezeichnung Pronominaladverbien kennzeichnet aber in diesem Fall nur die Herkunft dieser Wörter; sie fungieren als Synonyme der Präpositionalfügungen mit Personal-, Demonstrativ-, Relativ- und Interro­gativpronomen und gehören in den Bereich der Pronomen.

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