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Vortrag 5ab Sprichworter Semantische Besonderhe...doc
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Entstehung der Sprichwörter

Das Sprichwort ist historisch fixiert. Das älteste überlieferte deutsche Sprichwort findet sich im althochdeutschen „Hildebrantslied“ (9.Jh.), einem Zeugnis aus der Zeit der Völkerwanderung.

Im 11. Jh. kommen einzelne deutsche Sprichwörter im Werk des Mönchlehrers Notker Labeo vor; trotz ihrer geringen Zahl lassen sie den Einfluss einer durch Sesshaftigkeit und Christianisierung veränderten Moral erkennen.

Als älteste deutsche Sprichwortsammlung gilt „Fecunda ratis“ („Das vollbeladene Schiff“), um 1023 von Egbert von Lüttich verfasst; sie enthält neben anderen auch deutsche Sprichwörter in lateinischer Fassung.

Um die Wende des 15./16. Jh.s wandten sich humanistische Gelehrte der Sammlung einheimischer Sprichwörter in oder mit lateinischer Übersetzung zu. Die „Adagiorum collectanea“ („Gesammelte Sprichwörter“, 1500) des Erasmus von Rotterdam waren ein europäisches Ereignis.

Das 15. und das 16. Jahrhundert wurden zur Blütezeit des deutschen Sprichworts, hier und noch bis zur Mitte des 17. Jh.s erfuhr es seine reichste Entfaltung. Sebastian Brant, Hans Sachs und viele andere machten die volkssprachlichen Ausdrücke unmittelbar literaturfähig. Martin Luther verschaffte mit seiner Bibelübersetzung (1522-1534) den biblischen Sprichwörtern, die zwar schon vorher in lateinischen und deutschen Versionen im Umlauf waren, ihre kraftvolle Volkstümlichkeit und allgemeine Verbreitung.

Die Zeit war damals reif für deutsche Sprichwörtersammlungen ohne lateinische Einkleidung. Den Anfang machten Johannes Agricola 1529 mit seinem Buch „Dreyhundert Gemeyner Sprichwörter“, Sebastian Franck 1514 mit seinem Hauptwerk „Sprichwörter“ (es umfasste 7000 Ausdrücke). Durch­schlagen­den Erfolg hatte die Kompilation aus Agricola und Franck, die unter dem Titel „Sprichwörter, schöne, weise Klugreden“ 1548 erschien und bis zum Ende des 17. Jh.s ständig gedruckt wurde. Diese Ausgabe eröffnete die Reihe bedeutender Sprichwortsammlungen, die sich bis ins 19. Jh. fortsetzten und auf die sich neue Sprichwörtersammlungen stützen.

Die erste im 19. Jh. erschienene Sprichwörtersammlung spricht daher etwas herablassend von „Weisheit auf der Gasse“. Wageners Sprichwortlexikon (1813) und die Sammlungen von Körte, Eiselein und Simrock wendeten die alphabetische Ordnung an.

1867-1880 erschien „Deutsches Sprichwörterlexikon“ von Karl Friedrich Wilhelm Wander (ca. 250 000 Sprichwörter).

Aus den neueren Arbeiten auf dem Gebiet der Sprichwörterforschung kann man Lutz Köhrichs „Das große Lexikon der sprichwörtlichen Redens­arten“ in drei Bänden nennen (Beyer, 11-17).

Das Sprichwort wird als hohes Kulturgut angesehen, das das Wesen und die Besonderheiten einer nationalen Kultur erfassen und verstehen hilft. Es ist gar nicht so einfach zu bestimmen, was ein Sprichwort ist.

Kennzeichnend für das Sprichwort sind inhaltliche, soziolinguistische und stilistische (bildhafte) Merkmale.

Inhaltliche Merkmale des Sprichworts

Zu den inhaltlichen Merkmalen der Sprichwörter gehören die Lehrhaftigkeit der Aussage und die Abgeschlossenheit des Gedankens.

Sprichwörter bewahren alte Volksweisheit, ihre Schöpfer sind unbekannt. Da die Sprichwörter hauptsächlich aus dem volkstümlichen Nationalgut stammen, übertragen sie eine Lebenserfahrung oder eine Lebensregel mit lehrhafter Tendenz. Daher ist ihnen gewöhnlich ein belehrender moralischer Sinn eigen.

Viele der wirklich gängigen Sprichwörter haben ihren Ursprung in der unerschöpflichen Quelle aller Zeiten und aller Völker – in der Bibel. Sie heißen auch internationale Sprichwörter. Die lehrhafte Bestrebung dieser Sprichwörter ist besonders deutlich:

Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein (Bibel, S. 644).

Es geschieht nichts Neues unter der Sonne (Bibel, S. 649).

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein (Bibel, S. 5).

Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet (Bibel, S. 9).

Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden (Bibel, S. 98).

Das Sprichwort stellt in der Regel einen allgemeingültigen Satz dar, der entweder eine Erfahrung des täglichen Lebens enthält oder ein Urteil, eine Meinung ausdrückt, z. B.:

Neue Besen kehren gut.

Alte Liebe rostet nicht.

Ein Sperling in der Hand ist besser als eine Taube auf dem Dach.

Sprichwörter können feststellenden Charakter wie oben haben, doch manchmal werden sie als Warnungen, Ratschläge, Vorschriften formuliert, z. B.:

Trau, schau, wem.

Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist.

Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu (Mieder, 80).

Mit dem Sprichwort verbinden die unterschiedlichen Kulturen der Welt Weisheit, Wahrheit, Lebenslehre. Die spitzen Pfeile des Sprichworts, mag es deutsch oder ukrainisch sein, richten sich gegen die gleichen Ziele: Sie treffen die Faulen, die Dummen, die Geizigen.

Folgende Sprichwörter wenden sich z. B. gegen die Faulheit:

Lange Fädchen, faule Mädchen.

Morgen, morgen, nur nicht heute, sagen alle faulen Leute.

Abends wird der Faule fleißig.

Des Faulen Hände sind zart.

Eine bedeutende Anzahl der Sprichwörter kritisiert die Dummheit der Menschen, z. B.: Besser stumm als dumm. Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz. Das dümmste Vieh schreit am lautesten. Unbeliebt im Volke waren immer die geizigen Menschen: Der Geizige hat nie genug. Dem Armen fehlt viel, dem Geizigen alles. Geiz ist die größte Armut.

Dagegen werden solche Eigenschaften wie Fleiß, Treue, Klugheit gelobt und gepriesen. Der Fleiß ist des Menschen größte Tugend, er wird in Ssprichwörtern oft der Faulheit gegenübergestellt:

Der Fleiß weiß.

Der Fleiß verjagt, was Faule plagt.

Der Fleißige hat (findet) immer etwas zu tun.

Der Fleißige hat immer etwas zu tun.

Der Fleißige hat stets Zeit genug, der Faule nie.

Der Fleißige macht aus Eisen Wachs.

Zu immerwährenden Werten des Volkes gehört die Treue in der Freundschaft und in der Ehe, es wird auch nicht vergessen, dass dieses Gefühl und Verhalten auf Gegenseitigkeit gegründet sind:

Treue wächst aus Treue.

Ein treuer Freund ist ein großer Schatz.

Gekaufte Treue hat wenig Wert.

Treue ist ein seltener Gast; halt ihn fest, wenn du ihn hast.

Schönheit und Treue sind eine seltene Ehe.

Treue ist eine Schwester der Lie­be.

Treuer Liebe Band hält über Meer und Land.

So wie die Dummheit der Menschen getadelt wird, so wird dagegen die Klugheit geschätzt, dabei wird diese Geisteseigenschaft im Zusammenhang mit Stärke, Tapferkeit oder Feigheit betrachtet: Klugheit geht über Stärke. Klugheit macht Sorgen. Klugheit und Witz sind ein guter Besitz. Feigheit ist manchmal ein Zeichen von Klugheit. Die Klugheit ist die Tapferkeit der Alten.

Neben der lehrhaften Tendenz wird im Sprichwort als die zweite inhaltliche Besonderheit die Abgeschlossenheit des Gedankens, also auch der Aussage, festgestellt. Gedankliche Abgeschlossenheit verleiht dem Sprichwort selbstständigen Charakter, es kann als isolierter Text funktionieren und verschiedene Funktionen inmitten eines größeren Textes ausüben, das heißt einen größeren Text einleiten, resümieren oder betiteln.

Sprichwörter existieren meistens in der Form eines sprachlich selbst­stän­di­gen Satzes und drücken einen nicht elliptischen, sondern einen vollständigen, abge­schlos­se­nen Gedanken aus. Die Form eines elliptischen Satzes kürzt keines­falls die Vollständigkeit des Gedankens:

Übung macht den Meister. Von schönen Worten wird man nicht satt.

Eigentlich könnte man die Sprichwörter wegen ihrer geschlossenen Form als einfaches Genre der Volksdichtung bezeichnen. Gleichzeitig können sie aber auch als eine Untergruppe der expressiven Phraseologie angesehen werden, da sie einen festen Bestandteil der emotionalen Rede bilden. In ihrer komplexen Aus­sage und ausgefeilten Gestalt bilden die Sprichwörter zugleich Miniaturtexte von manchmal großem politischem Reiz (Riesel, 94).

Die für die Sprichwörter typischen Volksgeläufigkeit und die Polysituativität verleihen ihnen kulturologische und soziolinguistische Charakteristiken.

Die Volksgeläufigkeit bedeutet, dass die Sprichwörter im Volksmund belie­big oft, ungezwungen, von Vertretern verschiedener Geschlechter, Alters­stufen und gesellschaftlicher Schichten verwendet werden (Mieder, 82). Die Sprichwörter sind außerordentlich treffend. Daher sind sie ein­präg­sam und leicht zu behalten und im Volksmunde sehr verbreitet, z.B.:

Morgenstunde hat Gold im Munde.

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht.

Eben die Prägnanz und die Volkstümlichkeit in Inhalt und Form sind un­er­lässliche Voraussetzungen für die Geläufigkeit des Sprichworts und für weit­gehend mündliche, oft über Jahrhundert reichende Überlieferung.

Die Polysituativität des Sprichworts ist ein Begriff, der im Zusammenhang mit der Situation der Aussage verbunden ist.

Eigenschaft des Sprichworts, in der unterschiedlichsten Situation ver­wen­det werden zu können, heißt Polysituativität. Aber hier muss man immer be­ach­ten, wie, wann und zu welchem Zweck das Sprichwort in der jeweiligen Situa­tion benutzt wird (Mieder, 85). Bekanntlich gibt es unter den Sprichwörtern syno­nymische Aussagen, die sich aber im Stil oder in der stilistischen Schattierung der Lexik unterscheiden; starke emotionale Wirkung vieler Sprichwörter kann einen schöngeistigen Text schmücken, doch in politischen Reden kann sie auch unangebracht erscheinen.

Verbreitete Ausdrücke mit allgemeiner Bedeutung können so gut wie alle typischen Situationen des menschlichen Lebens zusammenfassen, z. B. folgende Situationen:

  1. Unklare Situation

  2. Kleineres Übel vermeiden und in ein größeres geraten

  3. Jeder Mensch findet sich sein Paar

  4. Aus nichts wird nichts

  5. Man muss alles rechtzeitig machen

  6. Man soll Kleines schätzen, um zum Großen zu kommen

Sowohl im Deutschen als auch im Ukrainischen findet man mehrere Sprichwörter, die in diesen Situationen verwendet werden:

SYNONYMISCHE SPRICHWÖRTER

UKRAINISCHE UMSCHREIBUNGEN

a. Im Dunkeln ist gut munkeln;

Bei Nacht sind alle Katzen grau.

– Уночі всі коти сірі, а корови бурі; ніч-мати все покриє.

b. Mancher flieht einen Bach und fällt in den Rhein.

– Від струменя тікав, а в потік попав.

Den Rauch fliehen und ins Feuer fallen.

– З вогню та в полум’я.

– Уникав диму, та впав у вогонь.

Um dem Rauch zu entgehen, darf man nicht ins Feuer springen.

– З дощу та під ринву.

– Від біди тікав та в горе попав.

Aus dem Regen in die Traufe kommen.

Aus dem Staub in die Mühle kommen.

Aus der Szylla in die Charibdis geraten.

– Потрапити з однієї біди в іншу.

c. Jeder Hans findet seine Grete.

Jede Flasche findet ihren Stöpsel.

Es ist kein Krüglein, es findet kein Decklein.

Jeder Topf findet seinen Deckel.

– Для кожного Гриця є своя птиця.

– Аби шия, а хомут буде.

– І на дірявий горнець знайдеться купець.

– Був би горщик, а покришка знай­деть­ся. На кожну наречену знайдеться жених.

d. Wo nichts ist, da hat selbst der Kaiser sein Recht verloren.

Wo nichts ist, da ist auch nichts zu verlieren.

Wo kein Kläger ist, da ist auch kein Richter.

– На нема й суду нема.

– Як нема, то й дарма.

e. Man muss die Feste feiern, wie sie fallen.

– Треба святкувати, коли є привід для цього.

– Треба використовувати слушну нагоду.

f. Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Ta­lers nicht wert.

Wer den ersten Pfennig ver­schmäht, wird schwerlich den le­tz­ten be­kom­men.

Wer den Pfennig nicht achtet, ge­langt auch nicht zum Groschen.

Wer den Groschen nicht ehrt, ist des Ta­lers nicht wert.

– Хто шага не береже, той не варт і копійки.

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