Добавил:
Upload Опубликованный материал нарушает ваши авторские права? Сообщите нам.
Вуз: Предмет: Файл:
Славецкая Е.П. Немецкий язык для спец. Архитект...doc
Скачиваний:
1
Добавлен:
01.05.2025
Размер:
16.48 Mб
Скачать

Die Gotik II

Der wichtigste und aufwendigste Ausdruck der Kultur blieb auch im späten

Mittelalter der Kirchenbau. Je mehr die Städte an Bedeutung gewannen, desto mehr investierten sie in ihre Dome und Kathedralen. Dombauprojekte forderten die kollektive Identität der Bürger und waren sehr wichtig für die Wirtschaft, weil sie viele Arbeitsplätze schufen. Die Bauhütten, die alle Beschäftigten beim Dombau zusammenfallen, zogen weiteren Handel und Handwerk an.

Mit dem Aufstieg der städtischen Kultur vollzog sich ein einschneidender Stilwechsel. Die Schwere und Statik der Romanik, die auf so einprägsame Art den rigiden Charakter der feudalistischen Agrargesellschaft festzuhalten scheint, wich einem leichteren, schwungvollen Stil. Die gotische Kathedrale macht auf den Eintretenden einen ganz anderen Eindruck als der romanische Dom. Da, wo dem Betrachter in der romanischen Kirche schweres Mauerwerk begegnet, öffnet sich in der Gotik ein von eigenartigem Licht durchfluteter Raum. Vertikale Linien bestimmen das Bild. Der Blick wird leicht nach oben gelenkt zu den großen Fenstern, welche die obere Hälfte des Kirchenraums umschließen. Man hat den Eindruck, als seien die Wände ganz aus Glas, denn die Decke wird nur noch von vergleichsweise schmalen Pfeilern getragen. Wo die romanische Kirche Beständigkeit und Festigkeit ausdrückt, verkörpert die gotische Transzendenz.

Dieser mystische Eindruck ist die Folge von wichtigen technischen Entwicklungen in der Statik. Die Gotik verwendet zur Überbrückung leerer Räume grundsätzlich den Spitzbogen, der mindestens so stark und bedeutend flexibler ist als der Rundbogen. Indem die Möglichkeiten des Spitzbogens überall eingesetzt wurden, konnte das Mauerwerk weitgehend auf die tragenden Pfeiler reduziert werden. Der Bau konnte durch ein zunehmend komplizierteres System von Stützen und Streben an der Außenseite weiter verstärkt werden. Doch wurde dieses komplizierte Geflecht zu einem harmonischen Ganzen ausgearbeitet. Innenraum und Außenraum ergänzen sich, Licht und Schatten spielen auch auf der Außenseite mit der Architektur mit und täuschen Leichtigkeit vor.

Die Gotik kam erst relativ spät nach Deutschland. Die Romanik war der typische Baustil des Heiligen Römischen Reichs, als dieses noch politische Bedeutung hatte, und man nahm nur zögernd von ihm Abschied. Als erste rein gotische Kirche in Deutschland wurde die Elisabeth-Kirche in Marburg an der Lahn gebaut (1235-83). Sie hat im Westen eine typische Doppelturmfassade, wo der Eingang von zwei relativ schmalen, spitzen Türmen flankiert wird. Im Innern sind die Wände wie in der französischen Gotik durch flächenfüllende Fenster aufgelöst. Trotzdem bietet der Innenraum einen etwas anderen Anblick als die großen Kathedralen Nordfrankreichs oder der Kölner Dom, denn die Betonung der vertikalen Linie wird dadurch abgeschwächt, daß die Seitenschiffe genau so hoch sind wie das Hauptschiff und die Pfeiler bis zur Decke reichen. So entsteht der Eindruck einer geräumigen Halle. Die Fensterreihen direkt über dem Hauptschiff, die sonst den mystischen Laterneneffekt verstärken, fehlen. Diese Art Hallenkirche ist in Deutschland weit verbreitet.

Das reinste Beispiel des gotischen Stils, wie er sich in Frankreich entwickelt hatte, ist der Kölner Dom. Der 1248 begonnene Bau war das ehrgeizigste Projekt des ganzen Mittelalters. Er sollte an Höhe und Größe alle anderen Kirchen übertreffen. Als Hauptstück wurde der Chor, an sich schon ein sehr eindrucksvoller Bau, vollendet. Im krisengeschüttelten 14. Jahrhundert verlangsamte sich das Bautempo und kam in der frühen Neuzeit ganz zum Erliegen. Als Torso, bestehend aus dem Chor und einem halben Turm, jahrhundertelang von einem untätigen Kran gekrönt, war der Dom das Wahrzeichen der Stadt, als die Romantiker das öffentliche Interesse auf die Gotik lenkten. Seine Fertigstellung im 19. Jahrhundert wurde von der preußischen Regierung im Sinne eines nationalen Kulturdenkmals beschlossen. Der Gesamteindruck dieses Baus dürfte, trotz der späten Fertigstellung, weitgehend den Vorstellungen der ersten Baumeister entsprechen. Die fünf schiffigen Bauten haben ein sehr hohes Mittelschiff, das von den hochgelegenen Fenstern viel stärker beleuchtet wird als die vier Seitenschiffe. Durch diesen Kontrast von Licht und Schatten wird der Altanraum besonders betont.

Der Kölner Dom ist jedoch eine Ausnahme in der deutschen Architektur. Die deutsche Gotik setzt eigene Akzente. Zu den Besonderheiten gehört die Häufigkeit der mehrschiffigen Hallenkirchen. Der Turmbau hat eine besondere Bedeutung. Oft wird anstelle der aus Frankreich bekannten Doppelturmfassade, wie sie in Marburg oder Köln vorhanden ist, ein einziger unverhältnismäßig hoher Turm wie in Freiburg oder in Ulm gebaut. Mit der Zeit wurde die Steinmetzarbeit immer kühner. Die Turmkrone des Freiburger Münsters ist ein hohles, durchsichtiges und äußerst kompliziertes Geflecht, das vergessen läßt, daß es überhaupt aus Stein ist. Regionale Unterschiede sind sehr deutlich. Im Norden führte das Fehlen eines geeigneten Steins zur Entwicklung der Backsteingotik, die das Gesicht Lübecks und vieler hanseatischen Städte prägt. Diese behält zwar die Grundzüge der gotischen Form bei, aber die relative Schwäche des Materials ermöglicht die vollständige Auflösung der Wände nicht in demselben Maße wie die Sandsteingotik.

Der Stilwechsel zur Gotik halte direkte Konsequenzen in der Malerei und Plastik. Die Steinplastik der Romanik hatte sich weitgehend auf Wandreliefs und die Ausschmückung von Kapitellen beschränkt. In der Gotik entstanden selbständige Figuren. Manchmal wurden ganze Portale mit Figuren ausgeschmückt. Ein prachtvolles Beispiel ist die von Goethe bewunderte Westfassade des Straßburger Münsters. In der Praxis reichten in Mitteleuropa die finanziellen Mittel selten für so aufwendige Fassaden. Einzelstücke aus Holz oder Stein waren mehr gefragt. Da die Hochgotik die Körperfeindlichkeit der Romanik nicht mehr teilte, wurden die Figuren realistischer und ausdrucksvoller. Die einzelne Figur gewann in der Folge an Eigenständigkeit.

Auch die Malerei mußte sich den Erfordernissen der neuen Architektur anpassen. Je größer die Fenster wurden, desto weniger Wandfläche bot sich zum Bemalen an. Dafür wurden die Fenster dekoriert. Die Glasmalerei trägt wesentlich zum besonderen Lichteffekt der Hochgotik bei. In dieser Phase handelt es sich nicht um Malerei im eigentlichen Sinne, sondern um mosaikförmige Kompositionen aus durchgefärbtem Glas. Die Bleifassungen spielten bei der Komposition eine wichtige Rolle, und die Bevorzugung reicher Blau- und Rottöne verstärkte den Eindruck, daß nicht Licht von außen durch die Fenster scheint, sondern diese von sich aus leuchten. Später wurden hellere Farben bevorzugt und schließlich einfach Farbe auf das helle Glas aufgetragen, wodurch der unwirkliche Effekt entschieden abgeschwächt wurde.

Als weiteren Ersatz für die Wandmalerei gewann die Tafelmalerei an Bedeutung. Anstelle der Ausmalung der Apsis wurde nun hinter dem Altar eine Gemäldetafel aufgestellt. In Deutschland entwickelte sich die Kunst auf diesem Gebiet relativ spät, aber aus dem 14. und 15. Jahrhundert stammen prächtige Flügelaltäre, die durch Auf- und Zuklappen der Seitenflügel dem Verlauf des Kirchenjahres angepasst werden konnten. Oft wurden an einem Altar Holzschnittarbeiten mit den gemalten Bildern kombiniert.

Der Verzicht auf Wandmalerei änderte die Arbeitsbedingungen der Maler grundlegend. Sie waren nun nicht mehr an die Baustelle gebunden und konnten in eigenen Werkstätten und an mehreren Werken gleichzeitig arbeiten. Mit der Entwicklung der Tafelmalerei kam es zu einer größeren Spezialisierung und einer deutlichen Verbesserung der Qualität. Im Verlauf des 14. und 15. Jahrhunderts entwickelten sich Köln und der Niederrhein zu besonders wichtigen Zentren sakraler Kunst. Der städtische Standort und die bürgerliche Einstellung der Künstler beeinflußten allmählich Stil und Inhalt der Werke. Handwerkliches Können äußerte sich in einer neuen Beschäftigung mit dem realistischen Detail. Auch wenn der eigentliche Gegenstand der Bilder weiterhin religiös blieb, so zeigten sie im Detail immer mehr vom spätmittelalterlichen Alltag.

b) Beantworten Sie folgende Fragen:

  1. Warum waren die Dombauprojekte im Mittelalter sehr wichtig?

  2. Beschreiben Sie die Bedeutung des Spitzbogens in der Gotik.

  1. Welcher Baustil gilt als typisch für den Heiligen Römischen Reich?

  2. Wo wurde die erste rein gotische Kirche in Deutschland gebaut?

  3. Beschreiben Sie die Elisabeth-Kirche in Marburg.

  4. Beschreiben Sie den Kölner Dom.

  5. Welche Besonderheiten sind für die deutsche Gotik charakteristisch?

  6. Wie entwickelte sich die Steinplastik in der Gotik?

  7. Welche Veränderungen für die Malerei brachte die Gotik?

10. Wie änderten die Arbeitsbedingungen der Maler wegen des Verzichtes auf Wandmalerei?