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Vorlesung 1 literatur der bundesrepublik deutschland

(1945 – 1990)

Kriegsende und Kapitulation des Deutschen Reiches am 8. Mai 1945 bedeuteten für alle Lebensbereiche einen tiefen Einschnitt.

Die deutsche Literatur erhielt wieder neue, lang unterdrückte Wir-kungsmöglichkeiten. Während der nationalsozialistischen Herrschaft waren viele bekannte deutsche Autoren emigriert, einige Autoren waren in Deutschland geblieben und zählten zur ,,inneren Emigration", viele verstummten, wurden von den Nationalsozialisten ermordet oder nahmen sich aus Verzweiflung selbst das Leben.

Das deutsche Publikum war 1933-1945 völlig isoliert von der literarischen Entwicklung anderer Länder. Auch die Werke der Exilautoren waren im Ausland erschienen und in Deutschland nicht bekannt. Das Werk der Expressionisten und der Schriftsteller der Zwanziger Jahre war kaum rezipiert worden, da auch diese Literatur von den Nationalsozialisten zum groBen Teil unterdrückt, verboten oder verbrannt worden war.

Dennoch gab es keinen ,,Nullpunkt" für die deutsche Literatur; vielmehr kann man von einem ausserordentlich grossen Nachholbedarf sprechen. Die Rezeption der im 20. Jh. bereits entstandenen Literatur musste nun nachgeholt werden; daneben waren die Erfahrungen und Probleme des gerade zu Ende gegangenen Krieges literarisch zu bewältigen. Trotz zerstörter Städte und damit auch zerstoörter Theater, trotz Papierknappheit und zahlreicher Beschränkungen im täglichen Leben begann sich schnell ein neues kulturelles Leben zu entwickeln. Die Literatur, die unmittelbar nach Kriegsende erschien, war zutiefst beeinflusst vom Erlebnis des Krieges, von dem Versuch, das Grauen in Sprache zu fassen. Auch die Frage nach der Schuld und Verantwortung des deutschen Volkes wurde bald gestellt und ist bis heute nicht aus der deutschen Literatur wegzudenken. Die drei Linien der Nachkriegsliteratur - Literatur der zurückkehrenden Emigranten, die Literatur derer, die in der „inneren Emigration" gelebt hatten und die Literatur der jungen Generation - bestimmten noch bis in die 50er Jahre das Bild. Drei Theaterstücke stehen stellvertretend für die verschiedenen Tendenzen: C. Zuckmayer war 1945 aus amerikanischem Exil in die Schweiz zurückgekehrt. 1946 wurde in Zürich sein Drama Des Teufels General uraufgeführt, das auch in den folgenden Jahren grossen Erfolg beim Publikum hatte. Zuckmayer schloB mit diesem Stück an seine frühen Stücke an. Das Thema des Mitläufers im Dritten Reich, der spät zur Einsicht kommt und einen heldenhaften Tod stirbt, wirkt heute oberflächlich und in Bezug auf die Glorifizierung des ,,Kraftkerls" General Harras verharmlosend.

Ein zweites erfolgreiches Stück wurde 1946 in Berlin uraufgeführt: G. Weisenborns Die Illegalen. Drama aus der deutschen Widerstandsbewegung. Weisenborn war am Untergrundkampf und illegalen Widerstand gegen die Nationalsozialisten beteiligt und hatte schon nach dem Ersten Weltkrieg publiziert. Wie Brecht führt Weisenborn einzelne Bilder von einer Handlung vor, die den Widerstand gegen die Tyrannei propagiert, auch wenn der Widerstand aussichtslos erscheint:

Wir Illegalen sind eine leise Gemeinde im Land. Wir sind gekleidet wie alle, wir haben die Gebräuche aller, aber wir leben doppelt zwischen Verrat und Grab. (...) Die Welt liebt Opfer, aber die Welt vergisst sie. Die Zukunft ist vergesslich.

W. Borchert repräsentierte die ganz junge Generation. Ihre Autoren hatten am Krieg teilnehmen müssen und hatten in jungen Jahren schon Erfahrungen gemacht, die anderen Generationen erspart blieben. Draussen vor der Tür. Ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will (1947) ist ein bitterer und gequalter Bericht eines heimkehrenden Soldaten. Im Prolog heisst es:

Ein Mann kommt nach Deutschland.

Er war lange weg, der Mann. Sehr lange. Vielleicht zu lange. Und er kommt

ganz anders wieder, als er wegging. (. . .)

Einer von denen, die nach Hause kommen und die dann doch nicht nach Hause

kommen, weil für sie kein Zuhause mehr da ist. Und ihr Zuhause ist draussen

vor der Tür. Ihr Deutschland ist draussen, nachts im Regen, auf der Strasse.

Das ist ihr Deutschland.

Borcherts Drama knüpfte stilistisch und formal an die Dramen des Expressionismus an. Reale und irreale Ebenen mischen sich. Kennzeichnend hierfur sind der apokalyptische Traum vom General, der auf einem Riesenxylophon aus Knochen spielt und die Gespräche des Soldaten Beckmann mit „dem Anderen", seinem tatkräftigen und optimistischen zweiten Ich (alter ego). Borcherts Stück gehört zur später so genannten Trümmer- oder auch Kahlschlagliteratur; Einige Dramen erschienen zuerst als Hörspiel. Hörspiele sind allein auf die akustischen Möglichkeiten des Rundfunks angewiesen und können dramatische Elemente (Dialoge) mit epischen Elementen (Erzähler) kombinieren. Durch Geräusche und verschiedene Stimmen erhält ein Hörspiel eine zusätzliche Wirkungsmöglichkeit. Günter Eich forderte in seinem Hörspiel Träume (1953):

Wacht auf, denn eure Träume sind schlecht! (...)

Nein, schlaft night, während die Ordner der Welt geschaftig sind!

Tut das Unnütze, singt die Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet!

Seid unbequem, seid Sand, nicht das Ől im Getriebe der Welt!

Gleich 1945 veröffentlichte Werner Bergengruen (1892-1964) seine Gedichte unter dem Titel Dies Irae. Unter den ersten lyrischen Ẫusserungen nach dem Krieg gab es Gedichte in strengen Formen, z. B. die Moabiter Sonette (1946) von Albrecht Haushofer (1903-1945), der noch kurz vor Kriegsende wegen Teilnahme an der Verschwörung vom 20. Juli 1944 ermordet worden war, oder die Sonette aus Rudolf Hagelstanges (1912-1984) Venezianischem Credo (1946), wo es heißt:

Wer baut, wenn noch bei letzten Brandes Scheine ein Gott dem Würger in die Zügel fällt, aus diesem Chaos eine neue Welt?

Die Lyrik der Nachkriegszeit ist zum größten Teil eine Natur- und Landschaftslyrik. Marie Luise Kaschnitz' (1901-1974) Sammlung Totentanz und Gedichte zur Zeit (1947) und E. Langgssers Der Laubmann und die Rose (1947) spiegeln den Rückzug in das Gedicht der schonen Form. M. L. Kaschnitz wandte sich in ihren Gedichten der südlandischen Landschaft zu; E. Langgassers Gedichte trugen - in der Nachfolge O. Loerkes und W. Lehmanns - einen naturmystischen Ton, der sich in den späteren Gedichten zu einer christlichen Aussage wandelte:

Frühling 1946

Holde Anemone,

bist du wieder da

und erscheinst mit heller Krone

mir Geschundenem zum Lohne

wie Nausikaa?

(Auszug)

1948 erschien die Gedichtsammlung Abgelegene Gehoffte von G. Eich, 1949 die Statischen Gedichte von G. Benn.Benn hatte bereits vor dem Ersten Weltkrieg begonnen, Gedichte zu veröffentlichen. Er war dem Publikum noch bekannt, auch wenn er seit 1938 Schreibverbot gehabt hatte. Seine Statischen Gedichte wie auch die späteren Sammlungen Destillationen (1953) und Apreslude (1955) zeigen die ,,formfördernde Gewalt des Nichts". Benn sah in der Form, das heißt in der Kunst, einen möglichen Schutz gegenüber dem Chaos, dem Dämonischen, dem Nichts. Benns Einfluss auf die Lyrik der folgenden Jahre war gross, sein Marburger Vortrag Probleme der Lyrik (1951) eröffnete viele Diskussionen über die moderne Lyrik:

Das lyrische Ich ist ein durchbrochenes Ich, ein Gitter-Ich, fluchterfahren, trauergeweiht. Immer wartet es auf eine Stunde, in der es sich für Augenblicke erwärmt (. . .), in dem die Zusammenhangsdurchstössung, das heißt die Wirklichkeitszertrümmerung, vollzogen werden kann, die Freiheit schafft für das Gedicht - durch Worte.

Zwei weitere wichtige Lyriker, die bereits zwischen den Kriegen publiziert hatten, sind Peter Huchel und Günter Eich. Eich schrieb nach dem Krieg auch Natur- und Landschaftsgedichte, doch er versuchte bald, die Gegenwart ganz direkt in seine Gedichte einzubeziehen und tat dies häufig mit nüchternen Bestandsaufnahmen. Dafür ist sein Gedicht Inventur aus den Abgelegenen Gehofften (1948) ein Beispiel: